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MißSsiiSm
UNIVERSITY OF CALIFORNIA
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Über die
den altfranzösischen Dichtern bekannten
epischen Stoffe aus dem Altertum.
Inaugural - Dissertation
zur
Erlangung der philosophischen Doctorwürde
an der
Georg- Augusts-Universität za Göttingen
von
Robert Dernedde.
1887.
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Angeregt durch die Untersuchung yon Birch-Hirschfeld „Über
die den provenzalischen Troubadours bekannten epischen Stoffe, Halle
1878 w , will ich versuchen gewissermassen als Weiterfuhrung dieser
Arbeit eine Zusammenstellung der den altfranzösischen Dichtern be-
kannten epischen Stoffe aus dem griechischen und römischen Altertum
zu geben.
Wenn auch Bartsch in der Einleitung zu „Albrecht von Halberstadt
und Ovid im Mittelalter, Quedlinburg 1861“, Comparetti in seiner Schrift
„Virgilio nel medio evo, Livorno 1872 u und Graf in seinem Werke
„Roma nella memoria del medio evo, Torino. 1882 und 1883 tt schon
schätzenswerte Beiträge zu diesem Gegenstände geliefert haben, so
fehlte doch bislang noch eine umfassende Zusammenstellung des umfang-
reichen Materials, und diese Lücke ist es, welche ich mit der vor-
liegenden Arbeit auszufiillen hoffe.
Es darf uns nicht befremden, dass die Franzosen trotz ihres
Reichtums an einheimischen Heldensagen auch solche aus dem Alter-
tume entlehnt und aus ihnen einen neuen Sagenkreis, die von Jean Bodel
sogenannte matiere de Rome la grant gebildet haben.
Das Altertum war für sie kein fremdes Gebiet; denn obgleich
die Anschauungen desselben mit denen des Christentums zum grossen
Teil in Widerspruch standen und viele Geistliche deshalb bemüht
waren, die gläubigen Christen von der Lektüre der heidnischen Werke
abzuhalten, wurden doch gewisse lateinische Schriftsteller wie Lucan,
Statius, Virgil und Ovid besonders in den Schulen eifrig gelesen. Ein-
mal brachte dies die Tradition so mit sich, und zum andern war die
Lektüre der heidnischen Schriftsteller, wenn auch nicht unentbehrlich,
so doch höchst wünschenswert, da Latein die Sprache der Kirche und
Gelehrten war und nach guten Vorbildern erlernt werden musste.
Das Verständnis der griechischen Schriftsteller gewann man freilich
nur aus lateinischen Übersetzungen und Bearbeitungen, da das
Griechische zu jener Zeit so gut wie unbekannt war, und wenn auch
Homer viel gepriesen und bewundert wurde, so hatte man ihn doch
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niemals gelesen und kannte ihn nur aus einer kurzen lateinischen Be-
arbeitung von weniger als 1100 Versen, welche unter dem Namen
des Thebaners Pindar ging. An die Stelle Homers traten die
jämmerlichen Machwerke eines Dares von Phrygien und Dictys von
Creta.
Der Geist des Altertums blieb aber dem Mittelalter verschlossen.
Der Geschmack desselben war nicht verfeinert , der Geist nicht biegsam
genug, als dass er sich von den ihn umgebenden Verhältnissen los-
gelöst und auf einen höheren Standpunkt gestellt hätte, von dem er
unbefangen urteilen und die Schönheiten der Werke auf sich wirken
lassen konnte. Nur die moralische Seite derselben verstand das Mittel-
alter zu würdigen, während die aesthetischen Schönheiten ihm ver-
schlossen blieben. So kam es, dass man mit grosser Naivität die
mittelalterlichen Verhältnisse und Anschauungen auf das Altertum an-
wandte und dieses fast in allen Stücken unbewusst travestirte. Be-
sonders klar tritt der letzte Punkt in der Behandlung der Götter
hervor.
Diese Gestalten einer schönen Phantasie, mit denen Griechen und
Römer das Weltall bevölkerten, die so engen Anteil an den Geschicken
der Menschen nahmen und fast auf alle ihre Handlungen bestimmend
einwirkten, fanden wenig Gnade vor den Augen des rechtgläubigen
Dichters, der nur einen Gott verehrte. Sie mussten sich mit einer
passiven Rolle begnügen oder wurden ganz unterdrückt Häufig sanken
sie zu bösen Geistern herab, welche sich den Menschen zeigen und
ihnen schaden konnten und noch wie im Altertum Tempel und An-
beter hatten, ja häufig wurden sie sogar zu blossen Menschen ge-
macht. Im Münchener Brut v. 3973 ff. heisst es z. B. von Mars, dass
er ein schöner, tapferer und trefflicher Ritter war, und die meisten
deshalb glaubten, dass er der Kriegsgott wäre. Vergl. hierzu „Bar-
laam und Josaphat“ von Gui de Cambrai S. 182 ff.
Sehr bezeichnend für die Auffassung des Altertums sind einige
Miniaturen einer Turiner Handschrift. Hier traut ein Bischof Jupiter
und Juno, und an einer andern Stelle celebrirt ein Bischof, umgeben
von Priestern und Mönchen, bei dem Leichenbegängnisse Hectors.
Vgl. Hist. litt. XIX 671.
Standen einerseits die altfranzösischen Dichter dem Altertum unter
gewissem Vorbehalt nicht fremd gegenüber, so fühlten sie sich anderer-
seits zu demselben hingezogen, weil die Franzosen wie manche andere
Völker ihren Ursprung bis in dasselbe zurückfuhrten und die Troer
als ihre Vorfahren betrachteten. Ein Dichter konnte daher wohl
keine dankbarere Arbeit unternehmen, als die glorreichen Thaten der
Stammväter ihren Nachkommen vorzuführen.
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Schliesslich sagten die epischen Gedichte des Altertums wegen ihres
Reichtums an wunderbaren Ereignissen, heroischen Abenteuern und
kriegerischen Unternehmungen dem Mittelalter sehr zu, welches, wie
Joly sagt, wie ein grosses Kind verlangte, dass man ihm immer neue
Geschichten erzählte, und eine wie grosse Rolle die antiken Be-
arbeitungen in der altfranzösischen Litteratur spielten, geht besonders
daraus hervor, dass sie, wie schon erwähnt, unter dem Namen mattere de
Rome la grant eine der 3 Klassen bildeten, in welche Jean Bodel die
epischen Dichtungen teilt.
Abgesehen von den antiken Erinnerungen und Entlehnungen,
welche in zahlreichen Gedichten zerstreut und weiter unten inhaltlich
zusammengestellt und geordnet sind, finden wir die Stoffe aus dem
Altertum in Romanen, Reimchroniken, Novellen etc. behandelt.
Im Folgenden wollen wir diese Denkmäler einer mehr oder weniger
eingehenden Betrachtung unterwerfen, wobei wir davon absehen, in
wie weit jeder einzelne Zug schon in den Quellen der französischen
Dichtungen sich findet. Eine solche Quellenuntersuchung würde zu
weit führen. Es kann hier natürlich auch nicht unsere Aufgabe sein,
alle Romane etc. aus dem Altertume zu behandeln, um so weniger,
als das Material noch vielfach schwer oder ganz unzugänglich ist.
Der Roman de Troie von Benoit de Sainte-More.
Unter allen Bearbeitungen antiker Stoffe erfreute sich der Roman
de Troie von dem nordfranzösischen Trouvfere Benoit de Sainte-More
(p. p. Joly, Paris 1870) des grössten Ansehens und der weitesten Ver-
breitung. Verdankte er dieses in erster Linie seinem Inhalte, so dürfen
wir doch eines anderen Factors nicht vergessen, der viel zu seiner
Popularität beigetragen hat, ich meine die allgemein geglaubte Sage
von der Abstammung der Gallier und Franken von den Trojanern,
welche im Mittelalter für besonders vornehm galt. Von den Römern
war derselbe Ursprung zuerst in Anspruch genommen und zum
Glaubenssatz erhoben worden, schon lange bevor Virgil in seiner
Aeneide ihm so vollkommenen Ausdruck geliehen hatte. Seitdem nun
Rom die herrschende Nation geworden war, suchten einige der unter-
worfenen Völker die Schmach der Besiegung dadurch abzuschwächen,
dass sie sich zu Nachkommen der Trojaner machten und so ihre Unter-
jochung nur als eine Wiedervereinignng mit den stammverwandten
Römern hinstellten, wie es z. B. die Aedner und Avemer thaten. Die
griechischen Kolonien in Südfrankreich schienen dies gewissermassen
zu bestätigen, und Ammianus Marcellinus (geb. um 330), der Gallien
bereist hat, berichtet, dass nach den Aussagen vieler Eingeborenen ein
Teil der Troer nach der Zerstörung ihrer Vaterstadt hierher geflohei*
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sei. Die Franke» führten gleichfalls schon , seit uralter Zeit ihren Ur-
sprung auf die Troer zurück, wie uns Fredegarius Scholasticus, Gregor
von Tours und der Verfasser der Gesta Francorum erzählen. Für
die Normannen beanspruchten Dudo von St Quentin und Wilhelm
von Jumiöges, für die Bretonen Gottfried von Monmouth und für die
Deutschen Otto von Freising dieselbe Ehre. Ja sogar die Türken
wurden von einigen Schriftstellern als Nachkommen der Trojaner be-
zeichnet. Vergl. hierzu: Greif, Die mittelalterlichen Bearbeitungen der
Trojanersage, Marburg 1886, S. 1 ff.
Ueber die Quellen des Troja-Romans ist ausführlich mit Berück-
sichtigung der bis jetzt darüber vorhandenen Litteratur von Greif a.
a. O. S. 12 ff. gehandelt. Er kommt zu dem Resultat, dass das Werk
des Dares von Phrygien „De excidio Trojae historia u und das des
Dictys von Creta „Ephemeris belli Trojani“ in ihrer jetzigen Gestalt
dem Benoit als Vorlage dienten. Ausser Dictys und Dares habe
Benoit auch Ovid, Aethicus end vielleicht Servius und Hygin benutzt.
Der Passus über die Amazonen sei einer Version der Alexandersage
entnommen.
Benoits eigene Zuthat ist das mittelalterliche, höfische Kostüm, in
das er den Roman kleidet und eine Reihe von Zusätzen und Erweite-
rungen, in denen er nach dem Geschmack seiner Zeit seiner Phantasie
ungehindert Lauf gelassen hat.
Da die andern Gedichte des antiken Cyclus dieselben charakte-
ristischen Züge darbieten wie der Troja-Roman und zu denselben
Betrachtungen Veranlassung geben, so will ich den Roman von Troja
als Typus der antiken Bearbeitungen hinstellen und nur an ihm zeigen,
wie sich die altfranzösischen Dichter das Altertum vorstellten. Vergl.
Joly, Benoit de Sainte-More et le roman de Troie, I passim.
Im allgemeinen gewährt uns das Werk Benoits ein treues Bild
des Mittelalters sowohl in seinem öffentlichen als privaten Leben.
Überall finden wir als Staatsform den Feudalismus, von welchem
Benoit ein so glänzendes Beispiel am Hofe Heinrichs II. vor Augen
hatte. Aus den alten homerischen Stammeshäuptern sind Könige,
Herzoge, Grafen und Emire geworden, welche sich mit ihren Vasallen
hier um Agamemnon dort um Priamus als den obersten Lehnsherrn
scharen. Freiwillig ist Agamemnon zum Oberbefehlshaber, zum em-
pereur von den Griechen erwählt, und obgleich manche Könige ihm
an Macht nicht nachstehen, findet er doch überall Gehorsam. Frei
darf ein jeder Vasall seine Meinung äussern, und bei jedem wichtigen
Unternehmen rufen Agamemnon und Priamus die Barone zusammen,
um ihren Rat zu hören.
Unbedingt geben sich die Vasallen ihrem Lehnsherrn hin und
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setzen Gut und Blut für ihn ein. Als S&rpedon, Xerxes, Memnon und
Achilles gefallen, sind viele ihrer Mannen untröstlich über ihren Tod
und wollen ihre Gebieter nicht überleben. Daneben zeigt sich aber
auch der Trotz und das Selbstgefühl der grossen Barone zur Zeit
Benoits in Aeneas und Antenor, welche im Vertrauen auf eine mächtige
Sippe es wagen, dem Priamus entgegen zu treten und ihn zur Nach-
giebigkeit zu zwingen.
Droht ein Krieg, so lässt der Lehnsherr die grossen Vasallen mit
ihren Gefolgschaften zur Heeresfolge entbieten. Mit Helm, Harnisch
und Beinschienen, Schild, Schwert, Lanze und Streitaxt sind die Ritter
bewaffnet. KostbareSteine zieren oft dieWaffeiv Die Schilde tragen
heraldische Abzeichen, und die Lanze ist mit einem Fähnlein ge-
schmückt, das nicht selten die Hand einer schönen Dame daran be-
festigt hat (v. 15102 ff.). In der Reiterei liegt die Hauptstärke des
Heeres. Daneben kämpft das Fussvolk mit Armbrust und Bogen, und
selbst tapfere Helden wie Paris verschmähen es nicht, den Bogen zu
fuhren. Nur einmal wird der antike Kampf vom Streitwagen erwähnt
(v. 7857 ff).
Auf stolzen Streitrossen aus Spanien, Arragonien, Arabien und
Nubien etc., welche mit reich gestickten Decken behängt sind, sprengen
die Kämpfer gegen einander an, nachdem sie zuweilen nach Art der
homerischen Helden höhnische und herausfordernde Reden einander
zugeschleudert haben (v. 8333 ff). Sind die Lanzen gebrochen oder
die Ritter aus dem Sattel gehoben, so beginnt der Schwertkampf, in
dem der Unterliegende entweder schonungslos getötet oder gefangen
genommen wird, um gegen schweres Lösegeld oder Gefangene ausge-
wechselt zu werden.
Die erbeuteten Rosse führen die Schildknappen, welche einem
jeden Ritter folgen, aus der Schlacht Um sie entspinnt sich häufig
ein harter Kampf, da sie als kostbarer Gewinn gelten und dem Sieger
als Eigentum gehören, während die Beute aus einer eroberten Stadt
auf einen Haufen zusammengetragen und von dem Oberanfuhrer nach
Verdienst und Würde gleichmässig unter das Heer verteilt wird
(v. 6055 ff. u. 26171 ff).
Nach der Schlacht setzt man die gefallenen Vornehmen nach vor-
heriger Einbalsamirung in kostbaren Sarkophagen bei, die Leichen des
gemeinen Volkes dagegen werden in grossen Massen auf Scheiterhaufen
verbrannt. Benoit schliesst sich in diesem letzten Brauche an die
antike Tradition an, ebenso wie in dem Punkte, dass er bei der Bahre
des Patroclus die Griechen verschiedene Leichenspiele feiern lässt.
Welcher Art dieselben gewesen sind, sagt er indessen nicht (v. 10312 ff).
Wie die Kämpfe tragen auch die Befestigungswerke ganz das mittel-
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alterliche Gepräge. Wall, Graben und Mauer umgeben Troja. Feste
Türme und vorgeschobene Werke mit Zinnen und Schiessscharten
sichern die Mauern (v. 3004 ff.), während die Stadtthore von vorge-
gerückten Gräben und Pallisadenreihen flankirt werden (v. 7655 ff.).
Innerhalb der Stadtmauer von Troja haben die grossen Vasallen be-
festigte Paläste (v. 26230 ff.), welche alle von der Burg Ilion überragt
werden, die auf einem hohen Felsen gelegen weit in das Land hinein-
schaut.
Da wir im Roman von Troja kein einziges Beispiel einer regel-
rechten Belagerung finden, so sind wir über die Angriffs- und Ver-
teidigungsmittel bei einer solchen nur mangelhaft unterrichtet Zum
Angriff auf die griechischen Schiffe wird an einer Stelle (v. 19231 ff.)
das griechische Feuer verwendet und zur Verteidigung werfen die Be-
wohner von Tenedos bei der Erstürmung ihrer Stadt durch die Griechen
Steine und spitze Balken auf die Angreifer herab (v. 6005 ff.).
Gericht wird unter freiem Himmel gehalten (v. 1171 ff.). Als
Beweisgrund gilt auch der gerichtliche Zweikampf. Palamedes, der
des Verrats angeklagt ist, erbietet sich gegen jeden Kämpfer seine
Unschuld zu verfechten (v. 27674 ff.), und als Orestes von einem
Gerichtshof zu Athen wegen des Muttermordes der Herrschaft ver-
lustig erklärt werden soll, will Menoetius für ihn eintreten gegen jeden,
der Orestes die Würdigkeit zu regieren abspricht, und wirft seinen
Handschuh vor den Gerichtshof hin (v. 28368 ff.).
Selbst in der Architektur der Tempel und Paläste mit ihren
kühnen Constructionen, ihren Bögen, Skulpturen und grossen Gemälden,
den Reichtümern, welche darin angehäuft sind, erkennen wir das
Mittelalter. Das Grabmal Hectors ist in dieser Hinsicht besonders in-
teressant, und das glänzende Tabernakel und das reiche Ciborium,
welche bis in die kleinsten Einzelheiten beschrieben sind, erinnern an
die schönsten Werke dieser Art aus dem 12. und 13. Jahrhundert. In
dieselbe Zeit gehört die Architektur der Paläste, und bei der Schilde-
rung der Burg Ilion mit ihren weiten Sälen uud prunkvollen Ge-
mächern, die mit Gold, Elfenbein, Marmor, Skulpturen, kostbaren
Teppichen und wunderbaren Kunstwerken von klugen Zauberern ver-
fertigt verschwenderisch ausgestattet sind, hat Benoit vielleicht einen
der glänzenden Paläste Heinrichs II. vor Augen gehabt.
Entsprechend diesen herrlichen Wohnungen sind ihre Bewohner
in all der Pracht, die das Rittertum zur Zeit Benoits entfaltete, ge-
kleidet. Hector trägt ein rotes Gewand aus Saragossa mit goldenen
Löwen durchwirkt und gefüttert mit Hermelin. Darüber wallt ein
mit schwarzem Zobel verbrämter Purpurmantel, und ein goldener Reif
ziert sein Haupt (v. 13012 ff). Seine Barone gehen einher in Cendal
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und Seide (v. 13003 ff.). Die Argonauten tragen bei ihrem Einzuge
in Jaconites Gewänder von Seide, die mit Gold gestickt und mit Her-
melin gefuttert sind (v. 1127 ff). Nicht weniger reich ist die Tracht
der Frauen. Medea kleidet sich in indischen, goldgesprenkelten Purpur.
Ihr blialt und ihr Mantel sind mit kostbarem Pelzwerk besetzt, und
darüber ist ein überseeisches Tuch geschlagen, welches 7 Pfund feinen
Goldes wert war (v. 1217 ff.). Als Briseida Troja verlässt, trägt sie
einen blialt , dessen Tuch von einem indischen Zauberer aagefertigt ist.
Allerlei Tiere und Blumen sind hineingewebt, und an einem Tage ver-
ändert er siebenmal die Farbe (v. 13307 ff).
Doch nicht nur äusserlich gehören die Gestalten Benoits dem
Mittelalter an, sondern auch in ihrer ganzen Lebensweise, ihrem Denken
und Thun sind es echte Söhne seiner Zeit.
Sie haben ein feines, höfisches Benehmen, das sich besonders im
Umgang mit den Frauen zeigt und an den Minnedienst erinnert. Priamus
geht der Helena bei ihrem Einzuge in Troja entgegen und führt ihren
Zelter am Zügel. Er tröstet sie in ihrem Schmerz und bittet sie, die
Thränen zu unterdrücken (v. 4825 ff). Briseida wird von den griechi-
schen Fürsten in das Lager eingeholt, und Diomedes, der sonst so
rauhe Krieger, überbietet sich in Galanterien gegen die Tochter des
Kalchas. Überhaupt begegnen die Männer den Frauen mit Achtung
und sind für ihre Schönheit nicht unempfänglich (v. 17493 ff)
Musik und Gesang werden in den Palästen gepflegt , und von
Aias und Antenor erzählt der Dichter, dass sie bretonische Lais sangen.
Der Sänger ist ein gern gesehener Gast und empfangt reichlichen
Lohn. Neoptolemus gab lieber sein bestes Gewand hin, als dass er
einen Sänger mit leeren Händen ziehen Hess (v. 5224 ff).
Daneben vertreibt man sich in den Mussestunden die Zeit mit
Würfel-, Schach- und Brettspiel und andern ergötzlichen und unter-
haltenden Spielen (v. 1178 ff, 3169 ff).
Reiche Geschenke werden gegeben und genommen. Gastfreund-
schaft wird in ausgedehntestem Masse geübt. Der König O'etts nimmt
die Argonauten mit grossen Ehren auf und bewirtet sie aufs allerbeste
(v. 1189 ff), Priamus hält ein offenes Haus, und einst speisen am
Abend vor der Schlacht in seinem Palaste mehr als tausend Ritter
(v. 11815 ff).
Die Gesandten sind unverletzlich. Priamus will lieber 1000 Mark
feinen Goldes verlieren, als dass dem Ulixes und Diomedes, welche
als Gesandte nach Troja gekommen waren und durch ihr Gebahren
die Troer zum Zorne gereizt hatten, ein Leid zugefügt wird (v. 6397 ff).
Auch die Frauen und Kinder erfreuen sich des ritterlichen Schutzes,
und als daher Andromache, Cassandra und andere hülflose Frauen und
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Sander bei der Zerstörung Trojas aus dem Tempel gerissen werden,
in dem sie Schutz gesucht hatten , nimmt sich Aias ihrer ritterlich an
und verteidigt sie gegen die mordlustigen Griechen (v. 26111 ff).
Die Stellung der Frauen ist überhaupt eine viel bevorzugtere und
hervorragendere, als sie es im Altertum war. Häufig sehen wir, wie
sie von den Mauern und Türmen dem Streite zuschauen und lebhaften
Anteil an dem Geschick der Kämpfer nehmen. Sie freuen sich der
Siege der Ihrigen und zittern und bangen für sie in der Gefahr
(w. 8047, 10527, 13926). Durch ihren Anblick werden die Helden
ermutigt und zu neuem, kräftigen Ringen angetrieben. Frauen und
Jungfrauen nehmen den aus der Schlacht heimkehrenden tapfersten
Kämpfern das Schwert ab, ziehen ihnen die Rüstungen aus (w. 11558,
20605) und heilen ihnen in liebevoller Pflege die Wunden. Den besten
Kriegern erteilen sie den Preis (w. 10221, 17114) und feuern daheim
durch zündende Worte die Ritter zu neuen Thaten und Siegen an
(v. 11759 ff.). Dafür werden sie auch hochgeachtet und geehrt, und
selbst Helena, um derentwillen das ganze Unglück über Troja herein-
gebrochen ist, hat sich in hohem Grade die Liebe der Troer erworben.
Um so mehr muss es uns wundern, dass Hector, der sonst in
jeder Beziehung als das Ideal eines wahren Ritters von Benoit hin-
gestellt wird, in seinem Zorn eine unglaubliche Roheit gegen seine
liebevolle Gemahlin zur Schau trägt und sich beinahe hinreissen lässt
sie zu schlagen. Auch sonst finden wir nicht selten neben den höchsten
Tugenden eine grosse Sittenroheit und eine gemeine niedrige Gesinnung.
Priamus schlägt im Rate vor, den gefangenen Thoas grausam töten zu
lassen, um dadurch die Griechen einzuschüchtern, und Pyrrhus sticht
am Altäre den alten, hüflosen Priamus grausam nieder. Die Griechen
scheuen sich nicht, die den Troern geleisteten Schwüre zu brechen
und beruhigen ihr Gewissen damit, dass sie den Wortlaut der Schwüre
erfüllt haben. Hecuba glaubt ein Recht dazu zu haben, den Achill
durch den gemeinsten Meuchelmord aus dem Wege zu schaffen, und
wenn sich auch Paris anfänglich dagegen sträubt, ihr Werkzeug zu
sein, so erklärt er sich doch schliesslich zu dem schändlichen Unter-
nehmen bereit. Männer wie Aeneas und Antenor überliefern ihre
Vaterstadt den Feinden, und Achill verlässt um die Liebe zu einem
Weibe die gemeinsame Sache, indem er sich vom Kampfe zurückzieht
Ein wunderliches Gemisch von alten und neuen Sitten haben wir
bei den religiösen Gebräuchen. Die Götter sind zwar noch vorhanden,
es wird ihnen noch in ihren Tempeln geopfert, zu ihnen gebetet, auch
werden ihre Orakel noch befragt, aber persönlich greifen sie nie in
die Handlung ein. Zuweilen vergisst Benoit ganz, dass seine Helden
Heiden sind und lässt sie wie gute Christen ausrufen por Dm (v. 1041),
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por amor Di (v. 28098), es non Di. Der religiöse Apparat ist fast
gauz der christliche. In dem Tempel des Apollo befindet sich ein
kostbares Tabernakel und ein reiches Ciborium , und als Friede
zwischen Troern und Griechen geschlossen werden soll, trägt man die
Reliquien aus der Stadt, um auf sie die Eide zu leisten (v. 25705 ff.).
Troja hat einen Bischofssitz, dessen Inhaber Kalchas ist. Bei den
Leichenfeierlichkeiten für Hector und Paris kommt der ganze Klerus
aus dem Bistum zusammen , um zu singen und Messen zu lesen (vv.
16511 ff., 22962 ff.), und die Trojaner fasten, um ihre gefallenen Freunde
zu ehren. Neben dem Grabe Hectors gründet Priamus ein Kloster,
das er reich ausstattet (v. 16801 ff.). Als Helenus von dem Zuge des
Paris nach Griechenland abrät und den Untergang Trojas verkündet,
nennt Hector ihn einen provoire und fordert ihn voller Verachtung
auf, lieber im Kloster zu beten und dort seines Leibes zu pflegen.
Da es Benoit nicht zweifelhaft sein konnte, dass für den Ausfall
der Göttergeschichten, welche das Altertum so entzückt hatten, ein
Ersatz geschaffen werden musste, suchte er durch andere Mittel den
Hang seiner Leser für das Wunderbare zu befriedigen.
Abgesehen davon, dass er die durch den Artussagenkreis so be-
liebt gewordenen Feen als neues Moment einführt (w. 2990 ff., 24404 ff),
teilt er der Zauberei mit ihren merkwürdigen Erzeugnissen eine wichtige
Rolle zu. Seine Zauberer, welche poetes , devins , sagte auctors , enchanteors
heissen, sind aber nicht die Repräsentanten böser Mächte, sondern er-
findungsreiche Bildner vornehmlich mechanischer Kunstwerke.
Trei poete, sages auctors
Qui molt sorent de nigromance
haben die vier Statuen verfertigt, welche in den vier Ecken der Ala-
basterkammer auf kostbaren Pfeilern aufgestellt sind und zu leben
scheinen. Die eine hält einen Spiegel in der Hand, der einem jeden,
welcher hineinsieht, sein wahres Bild zeigt, die andere tanzt und spielt
die verschiedensten Spiele, die dritte macht die herrlichste Musik oder
streut duftende Blumen und die vierte ertheilt jedem den erbetenen
Rat. Ein kunstvoll gebildeter Adler fliegt ganz natürlich, wenn ein
kleiner Satyr nach ihm mit einer goldenen Kugel wirft, die immer
wieder in dessen Hand zurückschnellt (v. 14620—840). Drei weise
Zauberer sind es auch, die das Tabernakel und Ciborium im Tempel
des Apollo gemacht haben, und die goldene Fichte vor dem Palast
des Priamus, welche trotz ihres dünnen Stammes mit ihren Zweigen
einen grossen Platz beschattet, ist durch artimaire , nigromance und
grammaire verfertigt (v. 6251 ff.) Zauberer haben endlich noch den
wunderbaren Mantel der Briseida gewoben (v. 13315 ff.) und aus
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ihren kunstfertigen Händen ist das Bett Hectors hervorgegangen , in
dem man weder Schmerz noch Leid empfindet (v. 14859 ff.).
Wodurch Benoit vor allen Dingen zu fesseln sucht, das sind die
Liebesgeschichten, welche viele hundert Verse füllen. Die Liebe wird
in allen Arten und Phasen geschildert, sowol die ungestüme und sinn-
liche Liebe der Medea, als die reine und keusche Flamme der Po-
lyxena, die unbeständige und flatterhafte Liebe der Briseida und die
Liebesqualen Achills und Diomedes, welche sich in langen Monologen
Luft machen.
Daneben befriedigt Benoit die Wissbegierde seiner Zeit dadurch,
dass er lange Auseinandersetzungen in den Text einschiebt, wie z. B.
gelegentlich des Auftretens der Amazonen eine Erdbeschreibung und
eine vollständige Geschichte der Amazonen.
Was Benoits Quellen häufig nur andeuten, führt dieser weiter aus,
anonymen Personen legt er neue Namen bei, während er die alten
Namen oft entstellt und verstümmelt. Eigene Zuthaten Benoits sind
schliesslich noch die bei den mittelalterlichen Dichtern ziemlich stereo-
typen Schilderungen des Frühlings (vv. 939 ff., 4151 ff).
Nachdem wir so die allgemeinen Grundsätze kennen gelernt haben,
nach denen Benoit den antiken Stoff umgeformt und durch die er
seinem Roman den Stempel des Mittelalters aufgedrückt hat, will ich
kurze Charakteristiken der vornehmsten Helden und Frauen geben,
um zu zeigen, in wieweit auch der Charakter des einzelnen von Benoit
umgeändert ist. Doch damit wir ein klares Bild von dem Inhalt des
Romans bekommen, will ich die Verse 1—8292 in gedrängter Analyse
wiedergeben und erst von da ab einzelne Gestalten herausgreifen.
In der Einleitung spricht der Dichter davon, dass es Pflicht sei,
das eigene Wissen andern mitzuteilen und sagt, dass er deshalb die
Geschichte von Troja aus dem Lateinischen in das Französische über-
tragen wolle. Dem Homer spricht er alle Glaubwürdigkeit ab und
führt den Troer Dares, der die Belagerung seiner Vaterstadt mit erlebt
habe, als seinen Gewährsmann an (w. 1 — 140).
Nach einer kurzen Inhaltsangabe des ganzen Romans beginnt er
v. 703 mit dem Argonautenzuge.
Jason, der Sohn des Eson und Neffe des Peleus hat sich schon
in seiner Jugend durch Tapferkeit und Unternehmungslust solchen
Ruhm erworben, dass Peleus von ihm für seine Herrschaft fürchtet.
Um sich seiner zu entledigen, fordert Peleus ihn auf, das goldene
Vliess von Colcoe zu holen und verspricht ihm nach Ausführung
dieser That die Herrschaft in seinem Reiche. Der mutige Jüngling
erklärt sich zu dem sichern Tod bringenden Unternehmen bereit und
segelt mit Hercules und mehr als 700 thatendurstigen Helden auf der
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{?
Argo nach Colcos ab. Als die Argonauten nach mehrtägiger Fahrt in
Simoneta, einem Hafen bei Troja gelandet sind, um sich von den An-
strengungen der Seefahrt zu erholen, lässt ihnen der König Laomedon
von Troja den Aufenthalt in seinem Lande verbieten, und grollenden
Herzens folgen sie seinem Gebot. Schliesslick kommen sie in Jaconites ,
der Hauptstadt von Coleos , an, wo sie vom Könige Ostes freundlich
aufgenommen werden. Medea, dessen Tochter, eine in allen Zauber*
künsten erfahrene, unvergleichlich schöne Jungfrau fasst eine leiden*
schädliche Liebe zu Jason, und da sie seinen sichern Untergang vor*
hersieht, sucht sie ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen.
Als aber Jason unerschrocken darauf besteht, bietet sie ihm ihre
mächtige Hülfe an, wenn er sie zu seiner Gemahlin machen und mit
in seine Heimat fortführen will. Trotzdem ihr Jason alles verspricht,
zweifelt sie aber doch noch an seinem redlichen Willen. Sie lässt ihn deshalb
in der Nacht zu sich entbieten und sich ewige Treue von ihm schwören.
Dann geben sie sich den Genüssen der Liebe hin und trennen sich erst
beim Morgengrauen, nachdem Medea noch zuvor ihn durch Unter-
weisung geschickt gemacht hat, das schwere Werk zu vollbringen.
Jason setzt am andern Morgen allein nach der Insel über, auf der
sich das Vliess befindet, ängstlich verfolgt von den sorglichen Blicken
der Medea. Nachdem e? sich gesalbt und den Göttern geopfert hat,
pflügt er mit den feuerschnaubenden Stieren, besiegt den Drachen und
säet die Zähne desselben in die Furchen, alles wie ihn Medea ge-
heissen. Gewappnete Ritter wachsen daraus hervor, welche sich gegen-
seitig umbringen. Ungefährdet nimmt Jason dann das Vliess und
kommt unter dem Jubel seiner Gefährten zurück, nur der König
Ostes grollt. Doch erst nach einem Monat und 14 Tagen brechen die
Argonauten mit Medea nach Griechenland auf. Die weiteren Schick-
sale der Medea deutet der Dichter mit kurzen Worten an:
v. 2014 ff. Grant folie fist Medea;
Trop a la vassal aamä,
Quant por lui let son parente,
Son p&re et sa mfere et sa gent
Puis l’en avint molt malement,
Car si com li anctors reconte
Puis la lessa a molt grant honte;
Elle l’ot gari de la mort
Puis la lessa, si fist grant tort ;
Trop l’engingna, 90 peise moi,
Ledement li menti sa foi.
Lea deu vers lui s’en corroci&rent,
Qui trop asprement la vengiferent.
Jason wird von Peleus bei seiner Rückkehr scheinbar freundlich
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empfangen. Weiter erfahren wir von ihm nichts, denn Benoit sagt
v. 2045 — 6:
De sa vie ne de son fait
Ne sera plus par moi retrait.
Die Argonauten, vor allem Hercules, eingedenk der ihnen von
Laomedon zugefügten Unbill, reizen die Griechen zum Kampfe gegen
diesen auf, und Castor und Pollux, Telamon, Peleus, Nestor, Hercules
und viele andere Helden segeln im Frühling nach Troja ab. Unbe-
merkt landen sie im Hafen Siege bei Troja, und während sich Her-
cules nebst Telamon und Peleus unter dem Schutze der Nacht bei
Troja in einen Hinterhalt legen, bleibt der übrige Teil des Heeres
bei den Schiffen zurück. Kaum erblicken am andern Morgen die
Troer die Griechen, als sie ihnen mit Laomedon an der Spitze ent-
gegenziehen und sie so bedrängen, dass die Griechen nur durch das
Eingreifen der im Hinterhalte gelegenen Scharen, welche inzwischen
das fast wehrlose Ilion genommen haben, gerettet werden. Jetzt aber
wird unter den Troern ein schreckliches Blutbad angerichtet. Lao-
medon fällt von der Hand des Hercules, und siegreich zieht das
Griechenheer in Troja ein. Mit unermesslicher Beute beladen kehrt
es nach gänzlicher Zerstörung von Troja n^ch Griechenland zurück.
Unter den fortgeführten Kriegsgefangenen befindet sich auch Hysiona,
die Tochter Laomedons, welche Telamon von Herculus als Geschenk
erhalten hat und zu seinem Kebsweibe macht.
Wir haben hier die antike Sage entstellt, denn nach ihr ist die
Veranlassung zu dem Rachezuge des Hercules gegen Troja folgende:
Herakles findet die Hesione an einen Felsen am Meere angekettet,
einem Meerungeheuer zum Frasse ausgesetzt. Nachdem er das Un-
geheuer gegen das Versprechen eines bestimmten Lohnes getötet hat,
wird ihm dieser von Laomedon vorenthalten, und deshalb überzieht er
ihn später mit Krieg.
Nur einer der Söhne Laomedons, Priamus, der grade zur Belage-
rung eines festen Platzes abwesend war, ist übrig geblieben. Mit
seiner Gemahlin Hecuba, seinen Söhnen Hector, Paris, Deiphobus,
Helenus und Troilus, seinen Töchtern Andromache, Cassandra und
Polyxena und mit den Resten des zerstreuten Troervolkes, kehrt er
nach Troja zurück und baut die Stadt schöner und herrlicher als
zuvor auf. Dann sinnt er auf Befriedigung seiner Rachelust an den
Griechen, die ihm die Schwester entehrt, den Vater getötet und die
Vaterstadt zerstört haben. Doch um nicht unnötig schweres Leid
über sein Volk heraufzubeschwören, schlägt er in einer Versammlung
vor, durch Gesandte um die Zurückgabe seiner Schwester zu bitten.
Antenor, ein kluger Redner, wird mit dieser Mission an die griechi-
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sehen Fürsten beauftragt, aber er erntet bei allen nur Hohn und Spott
und ist froh, unversehrt nach Troja zurückkehren zu können. Da
ergreift Priamus der Zorn, und der Krieg gegen Griechenland wird
beschlossen. Vergebens mahnt Hector zur Vorsicht und Besonnenheit,
vergebens sagt Helenus den Untergang Trojas vorher. Ein Heer wird
gesammelt und trotz der Mahnungen der Cassandra und des Panthus
sticht die Flotte unter Führung des Paris in See. Auf der Insel
Cythera , wo man gerade ein Fest der Venus feiert, landen die Troer.
Helena und Paris, welche sich im Tempel sehen, fassen eine heftige
Liebe zu einander. In der Nacht überfallen die Troer den Tempel
und entfuhren die Helena und viele Gefangene trotz der Dazwischen*
kunft der Besatzung aus der Festung Helee. Unter grossem Jubel des
Volkes wird der Einzug in Troja gehalten, und Helena mit grossem
Prunk dem Paris vermählt.
Schnell fliegt die Kunde von dieser That durch ganz Griechen-
land. Agamemnon fordert die Griechen zum Rachezuge gegen Troja
auf, in Sparta wird von den Fürsten der Krieg beschlossen und Aga-
memnon zum Oberfeldherrn erwählt. 700,000 Streiter versammeln
sich beim Beginn des Frühlings zur Abfahrt in Athen. Doch bevor
sie absegeln, werden Achilles und Patroclus nach Defeis gesandt, um
das Orakel des Apoll über den Ausgang des Krieges zu befragen.
Während das Orakel diesen die Zerstörung Trojas nach zehnjähriger
Belagerung verheisst, verkündet es dem Kalchas, der von den Troern
gleichfalls zur Befragung des Orakels abgesandt ist, Unglück und be-
fiehlt ihm, sich den Griechen anzuschliessen und ihnen mit seinem
Rate zu helfen. Ein widriger Sturmwind hindert die Griechen am
Auslaufen, und das Meer beruhigt sich nicht eher, als bis Agamemnon
auf den Rat des Kalchas der erzürnten Diana zu EUda ein Opfer ge-
bracht hat. Nach glücklicher Meerfahrt landen sie in Tenedos, das
im Sturme genommen wird. Dann aber bleiben sie lange unthätig bei
Tenedos liegen, nachdem Ulixes und Diomedes ohne Erfolg als Ge-
sandte nach Troja geschickt sind, um die Troer zur Herausgabe der
Helena nebst den geraubten Schätzen und zur gütlichen Beilegung des
Streites zu bewegen. Nur ein Fouragirungszug des Achilles nach
Messe fällt in diese Zeit. Erst nach der Ankunft des Palamedes legen
sich die Griechen vor Troja selbst vor Anker, erzwingen trotz des
tapfersten Widerstandes der Troer die Landung und schlagen ein be-
festigtes Lager am Gestade des Meeres auf. Am andern Tage hält
Hector, welchem Priamus den Oberbefehl über die Truppen über-
tragen hat, grosse Heerschau und teilt die Troer mit ihren Bundes-
genossen in 10 Scharen, zu deren Führern er seine Brüder und Ver-
wandten macht. Agamemnon seinerseits teilt das griechische Heer in
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30 Abteilungen und giebt diesen ihre Befehlshaber. Dann beginnt
der Kampf.
Es würde nun kein grosses Interesse gewähren, ja auf die Dauer
ermüdend wirken, wenn ich eine Analyse der ganzen Kämpfe geben
wollte, die sich in grosser Zahl an einander reihen; denn im grossen
und ganzen ist ihr Charakter immer derselbe. Dieselben Schilde-
rungen mit fast denselben Ausdrücken wiederholen sich fortwährend.
Das gemeine Volk, die grosse Menge tritt ganz in den Hintergrund
und dient den Thaten der Barone nur als Relief. Es wird meist nur
dann erwähnt, wenn ein berühmter Held Hunderte oder gar Tausende
niedermäht. Alle Hanptentscheidungen werden durch die grossen Va-
sallen herbeigefuhrt, und der Fall eines starken Helden wird häufig
zur Niederlage seiner Partei. Das grösste Gewicht wird von Benoit
auf die Schilderungen der Einzelkämpfe gelegt. Ein nicht selten vor-
kommender Typus ist der, dass ein Ritter einen geliebten Freund
oder Verwandten unterliegen sieht und sich wutentbrannt auf den
Sieger stürzt, um den Tod seines Genossen zu rächen. Die Nacht
setzt meistens erst den Kämpfen ein Ziel. Zuweilen dauert eine
Schlacht mehrere Tage, ja mehrere Wochen und v. 12649 ff. lesen
wir sogar, dass 80 Tage hinter einander gekämpft wird. Zuweilen
wird aber auch schon nach einer eintägigen Schlacht ein Waffenstill-
stand geschlossen, der meistens 30 Tage dauert, doch einmal (v. 14530)
auch nicht weniger als 6 Monate. Dann werden die Leichen der Ge-
fallenen verbrannt, die Wunden geheilt, die Befestigungswerke ausge-
bessert, und die von Kampf und Anstrengung ermüdeten Krieger
sammeln frische Kräfte. Im ganzen können wir bis zur Zerstörung
Trojas 21 grosse Schlachten unterscheiden, in denen bald die Troer
siegen und die Griechen bis in ihr Lager zurücktreiben, ja sogar ein-
mal einen grossen Teil ihrer Schiffe verbrennen, bald aber auch die
Troer unterliegen und bis in die Stadt zurückgeworfen werden. Nur
einige Episoden unterbrechen diese fortwährenden Kämpfe, wie die
Liebesgeschichten von Troilus, Diomedes und Briseida und von Achilles
und Polyxena, ebenso eine längere geographische Auseinandersetzung
bei der Erwähnung des Amazonenreiches und ein grösserer Excurs
über die Kunstwerke auf der. Burg Ilion.
Auf die Kämpfe folgen in grosser Ausführlichkeit die Friedens-
verhandlungen und die endliche Zerstörung Trojas nebst den sich un-
mittelbar daran schliessenden Ereignissen. Von v. 26484 werden die
weiteren Schicksale der nach der Zerstörung übrig gebliebenen Troer
und der in ihre Heimat zurückkehrenden griechischen Fürsten erzählt.
Nach diesem flüchtigen Ueberblick über das ganze Gedicht will
ich mit den Charakteristiken beginnen, welche besonders insofern
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interessant sein werden, als Benoit seinen Personen znm Teil einen
ganz anderen Charakter giebt wie den, welcher uns von der Lektüre
des Homer her bekannt ist.
Priamus.
König Priamus, der Sohn Laomedons, ist bei der Belagerung
Trojas bereits ein Greis und nimmt nicht mehr am Kampfe teil. Nur
nach dem Tode Hectors stürzt er sich in seinem Zorn noch einmal
in die Schlacht und legt so glänzende Proben seiner Tapferkeit ab,
dass die Frauen ihm nach dem Kampfe den Preis der Tapferkeit zu-
erkennen und der Dichter sagt:
Y. 17105 — 6. Onques mfcs hom de son sage
De sei ne fist tel vasselage.
Wie ein schöner Kranz umgeben ihn seine Söhne und Töchter.
Acht hat ihm seine Gemahlin Hecuba, dreissig haben ihm seine Kebs-
weiber geboren. Allen ist er in gleicher Weise in zärtlicher Liebe
zugethan (v. 12434 ff.). Als daher Hector an seinem Todestage in die
Schlacht eilen will, befiehlt er ihm, von banger Ahnung erfüllt, von
seinem Vorhaben abzulassen, und als nun doch das Schreckliche ge-
schehen ist, wirft er sich von unsäglichem Schmerze ergriffen über die
Leiche seines Lieblingssohnes und wird wie ein Toter hinweggetragen.
Wie seine Kinder liebt er auch sein Volk. Bei jeder wichtigen
Sache holt er erst den Rat seiner Vasallen ein, und um seinem Volke
einen schweren Krieg zu ersparen, den ihm seine Ehre zu führen ge-
bietet, versucht er zuvor, auf gütlichem Wege sich Genugthuung zu
verschaffen. Er ist in feiner und höfischer Sitte erfahren (v. 4825 ff)
und hält auf Herkommen und Recht. Diomedes und Ulixes, welche
durch ihr keckes Auftreten die Troer gegen sich erbittert haben,
schützt er vor deren Angriffen und sagt:
Por C. mars d'or fin nc voidreie
Que m us d’els eust mal k Troie.
Seine Ehre und sein guter Name gehen ihm über alles. Mit
Entrüstung weist er die Friedensbedingungen des Ulixes als schimpflich
zurück (v. 24520 ff) und nur mit grossem Herzeleid willigt er später in
den Frieden mit den Griechen ein. Befremden müsste uns nach so
vortrefflichen Eigenschaften seine Absicht , den gefangenen Thoas
grausam zu töten und Aeneas und Antenor, deren verräterische Be-
strebungen er merkt, durch Meuchelmord aus dem Wege zu schaffen,
wenn uns nicht seine Motive dazu bekannt wären. Denn im ersteren
Falle fürchtet er von den Griechen für feige gehalten zu werden, falls
er den Thoas unversehrt lässt, und im zweiten Falle erkennt er zwar
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das Verwerfliche seiner Handlungsweise, glaubt sich aber doch dazu
berechtigt, weil man von zwei Uebeln das kleinere wählen müsse
(v. 24575 ff.). Wie viele Greise hat ihn das Alter misstrauisch und
vorsichtig gemacht So vermutet er zuerst in dem Anerbieten des
Achilles, gegen die Hand der Polyxena vom Kampfe abzulassen, eine
Hinterlist und glaubt fest an eine solche, nachdem Achilles wieder die
Waffen ergriffen hat (v. 17909 ff). Vorsichtiger Weise verlangt er
beim Abschluss des Friedens erst Sicherheit von den Griechen, bevor
ihnen die versprochenen Schätze ausgeliefert werden (v. 25384 ff).
Seiner tapfersten Söhne und Helfer beraubt, sehen wir ihn schliess-
lich als Spielball in den Händen des Aeneas und Antenor. Unter
Wehklagen zerrauft er sein Haar und erweckt unser ganzes Mitleid.
Die, welche ihm früher zum Kriege geraten haben, lassen ihn jetzt
schmählich im Stiche und werden an ihm zu Verrätern (v. 24120 — 560).
Als die Katastrophe über Troja hereinbricht, flüchtet er sich, ein ge-
brochener Greis, in den Tempel Apollos, wo er den Todesstoss von
dem grausamen Pyrrhus empfängt (26041 ff).
Heetor.
Als die bei weitem hervorragendste Gestalt des ganzen Troja-
Romans steht unbestritten Heetor da. Er ist der Lieblingsheld des
Dichters und wird von diesem mit ganz besonderer Liebe und beson-
derem Fleisse geschildert. Zwar stottert er ein wenig und schielt,
aber es steht ihm nicht übel (v. 5310 ff), und man vergisst diese
kleinen Schwächen über den ausgezeichneten Eigenschaften seines
Körpers und Geistes. Seine Tapferkeit und Stärke findet kaum ihres
Gleichen. Immer ist er der erste im Kampf und treibt die Griechen
vor sich her wie die Hunde den Eber (9105 ff, 12081 ff.). So lange
er an der Schlacht teilnimmt, gehört der Sieg fast immer den Troern
(v. 7510 ff), sein Anblick erfüllt sie mit neuem Mute (16010 ff). Und
als er einst der Uebermacht weichen muss und die Blicke der Frauen
von den Mauern auf sich gerichtet sieht, erfasst ihn ein solches Scham-
und Zorngefühl, dass er sich wieder in die Reihen der Feinde stürzt
und furchtbar unter ihnen wütet (v. 14083 ff).
Zu den grössten Opfern für das Vaterland ist er bereit und gern
will er sein Leben im Zweikampf mit Achilles auf das Spiel setzen,
um den Troern weiteres Unglück zu ersparen. An sich selbst denkt
Heetor zuletzt. Obgleich von vielen Wunden bedeckt, eilt er nach
der Schlacht nicht nach Hause, sondern besucht erst in voller Rüstung
die Verwundeten in ihren Wohnungen, um ihnen durch tröstenden
Zuspruch und hülfreiclies Eingreifen ihr Los zu erleichtern (v. 11555 ff).
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Für seine Getreuen hat er stets offene Hände, so dass der Dichter
von ihm sagt v. 5324 — 5:
Kar si li mondes fust toz siens
S’il donast il a bone gent.
Grossmütig schenkt er dem gefangenen Theseus die Freiheit ein-
gedenk eines ihm erwiesenen Liebesdienstes (v. 9055 ff.) und treibt
diese Grossmut so weit, dass er sich durch die Bitten seines Vetters
Aias bewegen lässt, die Troer von der Verbrennung der Schiffe zurück-
zuhalten (v. 10059 ff.). Im Rat ist er einer der besten (v. 7633 ff),
Besonnenheit und Vorsicht sind ihm eigen (v. 3751 — 822). Den
König Thoas, welchen Priamus töten will, rät er aus Klugheit zu
schonen, und als die Griechen einst einen dreimonatlichen Waffen-
stillstand erbitten, schlägt er vor, nur eine kurze Frist zu bewilligen,
um den Feinden keine Zeit zur Verproviantirung zu geben (v. 12830 ff).
Doch bei alledem ist er bescheiden und sagt v. 12862 ff.:
Trop i feroie grant orgoil,
Se desvoloie gie toz sous
I 90 qui agr 6 e k toz vous.
Besonders zeigt sich sein bescheidenes und höfliches Benehmen
gegenüber Achilles. Er verschmäht es nicht, bei ihrem Zusammen-
treffen ihn zuerst zu grüssen, und während dieser mit ruhmredigen,
prahlerischen Worten ihn anspricht, antwortet Hector lächelnd in
einer ruhigen, vornehmen Weise, die Achilles vollends zur Wut reizt
(v. 13031 ff).
Alle diese Eigenschaften machen ihn zu einem Hort der Troer,
auf den sie voll Liebe und Bewunderung schauen (v. 5355 ff.) und
für den sie Gebete zum Himmel emporschicken (v. 8618 ff).
Als Hector verwundet vom Kampfe nach Hause kommt, gehen
ihm Frauen und Männer entgegen, weinend vor Schmerzen und Freude
(v. 10145 ff.), und als er gefallen ist und sein Leichnam in die Stadt
gebracht wird, erhebt das ganze Volk ein solches Klagegeschrei, dass
es im Gedichte heisst:
V. 16301 — 2: Enprfes li cors est tex li criz
Que nus ai granz ne fu oiz.
Die Frauen lieben ihn und lassen es sich nicht nehmen, dem aus
der Schlacht heimkehrenden die Rüstung auszuziehen und ihn zu
pflegen (v. 11560 ff.). Während er an seinen Wunden damiederliegt,
kommen Frauen und Jungfrauen, um ihn zu besuchen (v. 14566 ff.).
Selbst seinen Feinden gewinnt er Bewunderung ab (v. 13037 ff), und
das beste Zeugnis seines Wertes stellt ihm Agamemnon aus, wenn er
sagt v. 10905 ff:
C’est lor esforz, c’est lor chastiax
C’est lor apoi, c’est lor chadiax
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C’est lor adox, c’est lor fiance,
Qo est tote lor atendance
Qu’il ne font riens, se par lui non
C’est lor enseigne et lor dragon.
Nur durch eins wird das schöne Bild, welches uns der Dichter
von Hector entwirft, entstellt, durch das rohe Benehmen gegen seine
Gemahlin am Tage seines Todes. Diese Scene berührt uns um so un-
angenehmer, als Homer grade hier dem Hector ein ganz besonders
weiches und gefühlvolles Herz giebt und den Abschied von Andro-
mache zu einer der schönsten und rührendsten Stellen der ganzen Ilias
gemacht hat.
Hectors Gemahlin, durch einen bösen Traum erschreckt, sucht
ihren Gatten vergebens von der Schlacht zurück zu halten. Weder
ihr Klagen und zärtliches Bitten, mit dem sich das seiner Mutter und
Schwestern vereint, noch der Anblick seines nnmündigen Sohnes
Astamantes kann ihn von seinem Vorhaben abbringen, da er in den
Augen der Troer als Feigling dazustehen furchtet. Und als Priamus
auf Betreiben der Andromache ihm den Kampf untersagt, fällt sein
ganzer Hass auf sie und er lässt sich in seinem Zorne fast dazu hin-
reissen, seine Gemahlin zu schlagen. Er zittert, vor Wut, sein Antlitz
ist gerötet, seine Augen geschwollen^ und keiner wagt es, ihm zu
nahen. Doch das Wehgeschrei der geschlagenen Troer treibt ihn
schliesslich unwiderstehlich in die Schlacht, wo ihn bald das Verhängnis
ereilt. Achilles durchbohrt ihn mit der Lanze, als er unbedeckt von
dem Schilde einen König am Helm mit sich fortziehen will (v. 16175 ff.).
Klagend singt der Dichter:
Ha las! Com pesante aventure !
Taut par es pesme et tant es dure!
Et com pesante destin6e.
Bemerkenswert ist, dass Hector 2 Söhne Astamantes und Lando-
mata hat, während ihm Homer nur einen Namens Astyanax giebt.
Paris.
Während Paris uns von Homer als ein weichlicher Feigling ge-
schildert wird, ist er bei Benoit einer der ersten Helden und wird
immer mit unter den tapfersten seines Volks genannt (v. 9539 ff.,
21600 ff.). Er ist von ausserordentlicher Schönheit (v. 5427 ff), klug
und tugendhaft (v. 5430 ff.) und erfreut sich des Schutzes der Göttin
Venus, welcher er vor Juno und Minerva den Preis der Schönheit zu-
erkannt hatte. Wegen seiner Geschicklichkeit in der Führung des
Bogens (v. 5431) macht ihn Hector zum Anführer der bogenkundigen
Perser, an deren Spitze er viele Feinde mit Bogen und Schwert erlegt
(11062 ff, 11510 ff, 22675 ff), unter andern den Aias und Palamedes.
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Im Kampfe mit Achilles aber (9505 ff.) und Menelaus (11225 ff,
11510 ff) wird er nur durch das Eingreifen anderer Helden vor dem
Tode bewahrt. Als die Griechen einst in Troja einzudringen ver-
suchen, gehört er zu denen, an deren tapferm Widerstande in den
Aussenwerken ihr Versuch scheitert (v. 15905 ff).
Mit seinen Brüdern verbindet ihn eine herzliche Liebe, welche
sich besonders bei deren Tode äussert. Denn nach Hectors Fall
zerrisst er seine Kleider und wirft sich in unendlichem Schmerz über
dessen Leichnam (v. 16312 ff), während er dem von Palamedes tötlich
verwundeten Deiphobus Rache an seinem Mörder zu nehmen schwört
(18822 ff.) und sein Wort wahr macht. Dieser grossen Liebe zu seinen
Brüdern und dem glühenden Verlangen sie zu rächen, ist es wohl
nicht am wenigsten zuzuschreiben, dass er zum Meuchelmörder herab-
sinkt und den Achilles auf den Wunsch seiner Mutter, wenn auch erst
nach einigem Widerstreben, durch Verrat aus dem Wege schafft
(21895 ff). Seinen Tod findet er von dem Schwerte des Aias, den er
vorher tötlich verwundet hat. Nach der antiken Sage stirbt er an
einer Verwundung, die ihm Philoktet mit einem Pfeile des Hercules
beibrachte.
Deiphobus.
Deiphobus, Priamus’ dritter Sohn, nimmt mit Paris an dem Raube
der Helena teil, deren warmer Fürsprecher er immer ist. Seinem
Bruder Helenus an Körper ganz gleich, ist er an Kraft und Mut weit
überlegen (5365 ff). Aias Telamon kann der Wucht seines Anpralls
nicht widerstehen und wird vom Rosse gestochen, aber Palamedes
verwundet ihn tötlich mit dem Speere. Erst als Paris ihm die Nach-
richt bringt, dass er ihn an seinem Gegner gerächt habe, lässt er den
Speer auB der Wunde ziehen und stirbt mit der Bitte an Paris, seinen
Vater und seine Mutter in ihrem Schmerze zu trösten (18655 ff.).
Helenus.
Ganz verschieden von dem Heldengeschlechte des Priamus ist
Helenus, der als ein mit grosser Weisheit begabter Seher dem Kampfe
fern bleibt (2939 ff, 5370 ff.). Als Paris und Deiphobus zum Kriege
gegen Griechenland raten, warnt er davor, da er den Untergang des
trojanischen Volkes voraussieht Aber niemand glaubt seinen Worten
und sein Bruder Troilus macht ihm sogar den Vorwurf der Feigheit
(3925 ff). Ein anderes Mal findet er mehr Gehör und setzt es durch,
dass der Leichnam Achills, welchem die Troer das Begräbnis ver-
weigern wollen, den Griechen zur Bestattung herausgegeben wird
(22305 ff).
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Nach der Zerstörung Trojas wird ihm auf die Bitte Antenors
Leben und Freiheit geschenkt, und mit seiner Mutter schliesst er sich
dem Pyrrhus an (t. 26218 ff.).
Troilus.
Dem Hector fast in jeder Beziehung gleich ist Troilus, und nach
dem Tode Hectors füllt er dessen Platz vollkommen aus. Seine
Schönheit kann nicht genug gepriesen werden (5380 ff.). Fujcht
ist ihm fremd, Kampf und Arbeit sein Element Er sagt:
Peine et trav&il por pris aveir,
Devons plus amer qu’altre aveir.
So mild und freundlich er gegen seine Freunde ist, so furchtbar
ist er seinen Feinden (5385 ff.). In der Schlacht wütet er wie ein
Löwe, keiner kann ihm ungestraft Stand halten (15567 ff, 20993 ff).
Immer ist er im dichtesten Kampfesgewühl (21393). und die Griechen
fürchten ihn so, dass Benoit sagt v. 20825 ff:
Onques le cors d’un Chevalier
D&s lo derrain jusqu’al premier
Ne fu plus cremuz ne dotez.
Agamemnon, Menesteus und Achilles empfinden seinen starken
Arm, und mit seinem Todfeinde Diomedes misst er sich drei Mal im
Kampfe, da ihm dieser das Herz der Briseida gestohlen hat. Nächst
Hector erkennen ihm die Frauen den Preis der Tapferkeit zu (10225 ff),
und als Hector gefallen, wendet sich auf Troilus im gleichen Masse
die Verehrung und Bewunderung der Troer. Sie flehen zu den
Göttern, ihn vor Tod und Gefangenschaft zu schützen (20597 ff.), und
wie dem Hector so ziehen auch ihm die Frauen und Jungfrauen seine
Rüstung aus und pflegen seiner (20607 ff.). Auch er sollte nicht im
ehrlichen Kampfe Mann gegen Mann fallen, sondern Achilles schlägt
ihm, als er wehrlos unter seinem getöteten Pferde am Boden liegt,
das Haupt ab und schändet seinen Leichnam, indem er ihn an den
Schweif seines Rosses bindet und durch den Staub schleift. Doch der
tapfere Mennon gewinnt die kostbare Beute zurück. Der Jammer
über seinen Tod ist in Troja grenzenlos, da mit ihm die stärkste Stütze
der Stadt gefallen ist (v. 21653 ff).
Antenor.
Antenor, einer der vornehmsten Trojaner, ist reich und mächtig
(3234 ff.) und durch seine grosse Verwandtschaft ein einflussreicher
Mann in Troja. Klug und beredt (3379) ist er ein vertrauter Freund
und Ratgeber des Priamus (11632), und dieser glaubt keinen bessern
als ihn nach Griechenland schicken zu können, um die Herausgabe
seiner Schwester Hysiona zu erlangen, Aber er rechtfertigt schlecht
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das in ihn gesetzte Vertrauen und wird zum Verräter an seinem Volke.
Wie Polidamas, Aeneas und Anchises des Krieges müde, sehnt er sich
nach Frieden und rät denselben gegen Zurückgabe der geraubten
Schätze und der Helena, die schon so namenloses Elend über Troja
gebracht habe, zu erkaufen. Deshalb sucht Priamus, der nichts von
Frieden wissen will .und den Einfluss des mächtigen Vasallen furchtet,
diesen durch Meuchelmord aus dem Wege zu schaffen.
Als aber Antenor sein Leben bedroht sieht, wird er zum Verräter
und verschwört sich mit den anderen Unzufriedenen, die Stadt gegen
Sicherheit ihrer Familien und ihrer Habe den Griechen zu überliefern.
Von dem zur Nachgiebigkeit gezwungenen Priamus mit den Friedens-
verhandlungen beauftragt, zettelt er im griechischen Lager den Verrat
an, und als ihn Priamus am andern Tage auffordert, das Resultat
seiner Verhandlungen dem versammelten Volke kund zn thun, weiss
er durch den Hinweis auf die gemeinsame Abstammung der Troer
und Griechen von Pelops, durch die beredte Schilderung der traurigen
Lage und durch das Hervorheben der Ungunst der Götter das Volk
zu bewegen, einmütig zusammen zu treten und den Frieden um die
Helena und reiche Schätze zu erkaufen (v. 24905 ff). Mit Aeneas
wird er zum Friedensvermittler bestimmt. Um sich die Gunst der
Griechen noch mehr zu gewinnen, entdeckt er dem Ulixes und Dio-
medes das Geheimnis des Palladiums und entführt es auf ihren Wunsch
mit Hülfe des Priesters Theano aus dem Tempel der Minerva in das
griechische Lager (25505 — 860). Auch überredet er mit Aeneas die
Troer, das hölzerne Pferd in die Stadt aufzunehmen (v. 25780 ff). Als
die Griechen Troja überfallen, dient er ihnen als Führer (26031 ff).
Doch ist die Liebe zu seinem Vaterlande noch nicht ganz in ihm er-
loschen, denn er bittet für Helenus und Andromache bei den griechi-
schen Fürsten um Gnade und erwirkt ihre Befreiung (26111 ff).
Nach langen Irrfahrten kommt er schliesslich nach dem adriati-
schen Meere und lässt sich in Italien nieder, wo er die Stadt Corehirre
erbaut und allmählig durch Zuzug der in Troja zurückgebliebenen
Landsleute verstärkt ein mächtiges Reich gründet (27385 ff).
Polydamas.
Gleichfalls zu den Verrätern gehört der sonst so vortreffliche
Polydamas, der Sohn Antenors. Hector schätzt den tüchtigen Helden
wert und macht ihn zum Anführer der Lisonier (6906). Freudiger
Kampfesmut beseelt ihn, als er zum ersten Male seine Scharen zum
Streite mit den verhassten Feinden führt. Wackere Helden unter-
liegen seinem Arme und Diomedes muss ihm sein Ross überlassen.
Als die Troer einst bis vor die Stadt zurückgeworfen werden, leistet
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er ihnen mit Troilus und Paris unter den Mauern energischen Wider-
stand und tötet ihrer so viele, dass er im Blute watet (v. 15915 ff.).
Mit Troilus ist er durch Freundschaft eng verbunden und Priamus
hat ihn wegen seiner Klugheit mit unter seine Ratgeber berufen.
Dass auch er zum VeiTäter gestempelt wird, ist wohl nur auf das
nahe Verwandtschaftsverhältnis mit Antenor zurückzufuhren.
Kalchas.
Eine wenig sympathische Erscheinung ist der Seher Kalchas. Der
Dichter hat ihn vor ein hartes Dilemma gestellt, denn er hat zu
wählen zwischen Ungehorsam gegen die Götter und Verrat am Vater-
lande. Als Priester ordnet er sich dem Willen der Götter unter, ob-
gleich er das Schimpfliche seiner That fühlt und sein Herz ihn zu den
Troern hinzieht. Seiner Tochter Briseida, die ihm deshalb bittere
Vorwürfe macht, antwortet er:
Se il fußt a mon talent
Ceste orre alast tot altrement
Nus hom ne seit la grant dolor
Qu'en souffre mis euer nuit et jor.
Seine Landsleute verachten ihn wie einen Hund und Priamus
schwört, ihn mit Pferden zerreissen zu lassen, wenn er seiner habhaft
werden kann (12970 ff.). Den Griechen leistet er grosse Dienste. Er
richtet ihren gesunkenen Mut wieder auf (12643 ff.), und als Diomedes
und Ulixes zum Frieden mit den Troern raten, ermahnt er sie, tapfer
auszuharren, da bei den Göttern der Untergang Trojas beschlossen sei
(19912 ff.). Auf seinen Rat erbauen die Griechen das hölzerne Pferd
(25618 ff.) und auf seinen Rat muss Polyxena als Sühnopfer fallen
(26281 ff.).
Aeueas.
Eine ähnliche Rolle wie Antenor spielt Aeneas. Wenn sein
Aeusseres auch wegen seines kleinen, dicken Körpers, seiner roten
Haare und seines roten Bartes (v. 5441 ff.) nicht vorteilhaft ihn aus-
zeichnet, so ist er doch tapfer im Kampfe, klug im Rat und ge-
wandt in der Rede. Mit überzeugenden Gründen weiss er den Priamus
von der Ermordung des Thoas abzuhalten (11658 — 89), während er
geneigt ist, den Diomedes und Ulixes bei ihrer Mission an Priamus
ihre hochfahrenden Worte teuer entgelten zu lassen (6405 ff.).
Doch auch er wird wie Antenor zum Verräter seines Vaterlandes
und führt mit diesem gemeinschaftlich das Unglück über Troja herbei
Im Vertrauen auf seine Macht antwortet er dem Priamus trotzig, als
ihn dieser wegen seiner Neigung zum Frieden tadelt (v. 24545 ff.).
Bei der Zerstörung Trojas sehen wir ihn die ohnmächtig zusammen*
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gebrochene Polyxena auf die Aufforderung der Hecuba in sein Haus
tragen, obgleich ihm die letztere mit kränkenden Worten seine Schurkerei
▼orgeworfen hat, und sie vor den Griechen verbergen. Zur Strafe
dafür soll er Troja verlassen. Doch wird ihm Zeit gegeben, zuvor
seine Schiffe auszurüsten. Er ruft die Überbleibsel der Troer zu-
sammen und verheisst ihnen seinen Schutz, wenn sie sich ihm an-
schliessen wollen (27240 ff.). Nach der Abfahrt der Griechen aber ist
seines Bleibens nicht mehr lange in Troja, da ihn die umwohnenden
Völker beständig angreifen. Sobald daher die Schiffe ausgerüstet sind,
sticht er in See und lässt sich nach langem Umherirren in Lombardie
nieder (v. 28082 ff.).
Von seinem Vater Anchises erfahren wir weiter nichts, als dass
auch er zu den Verrätern gehörte (v. 24630 ff.).
Memnon.
Der hervorragendste Held unter den Hülfsvölkern der Trojaner
ist Memnon, der aus dem fernen Aethiopien herbeigeeilt war. Zwar
ist er nicht gewandt in der Rede (5475 ff.), aber ohne Furcht und
Tadel und bildet nach dem Tode Hectors nebst Troilus die Haupt-
stütze der Troer. Als bei Hectors Falle die Troer bestürzt fliehen,
hält er Achilles mutig stand und kämpft mit ihm so tapfer, dass beide
schwer verwundet aus der Schlacht getragen werden müssen (16210 ff.).
Ein anderes Mal erobert er den Leichnam des Troilus zurück, der von
Achill so grausam geschändet wird, und setzt dem Achill so zu, dass
dieser 8 Tage lang an seinen Wunden darniederliegt.
Doch sobald Achilles wieder im Kampfe erscheint, stürzt dieser
sich mit den Myrmidonen auf Memnon, welcher bald der Uebermacht
unterliegt (v. 21545 ff.). Seine Leiche wird in einem kostbaren Sar-
kophag neben der des Troilus beigesetzt und später von seiner
Schwester Helena nach ihrem Vaterlande Palioton geholt, wo sie in
einem reichen Tempel ihre letzte Ruhestätte findet
Nachdem wir so die bedeutendsten Helden der Troer schnell an
uns haben vorüberziehen lassen, sei es uns auch vergönnt, ein Bild
der trojanischen Frauen zu entwerfen, die einen so wichtigen Platz im
Troja-Roman einnehmen.
Hecuba.
Hecuba, die Gemahlin des Priamus, ist eine schöne Erscheinung
mit etwas männlichem Aussehen (5489 ff) und besitzt eine für Frauen
ungewöhnliche Klugheit. Sie versteht die Begeisterung der trojanischen
Helden durch kluge Worte wach zu erhalten, indem sie auf deren und
des trojanischen Königshauses gemeinsame Interessen hinweist.
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Eine zärtliche Matter ihrer Kinder, muss sie es erleben, dass ein
Sohn nach dem andern dnrch das Schwert dahingerafft wird. Rührend
sind ihre Klagen an der Leiche Hectors und gehören anstreitig za
den schönsten Stellen des ganzen Romans:
Filz, dolz amis, p&rlez k mei,
Vos n’estes mie morz, 90 crei,
Mal fetes qu’ä mei ne parlez.
Ovrez ces ielz si m’esgardez.
Filz dolz, vos nes poez ovrir.
In ihrer Verzweiflung wünscht sie sich den Tod and, hadert mit
den Göttern (16411 ff.). Als auch noch Troilus, der ihre letzte Hoff-
nung war, von der Hand Achills gefallen ist, vergisst sie sich in ihrem
Schmerze so weit, dass sie den Göttern flacht and ihnen die Schuld
an allem Unglück zuschreibt (21668 ff). Mächtiger aber als das Ge-
fühl des Schmerzes wird bald das der Rache. Mit Freuden war sie
auf das Anerbieten Achills, gegen die Hand der Polyxena vom Kriege
abzulassen, eingegangen und hatte auch Priamus mit klugen Worten
für den Plan gewonnen. Nach der Wiederaufnahme des Kampfes
durch Achilles zweifelt sie noch nicht an der Redlichkeit seiner Ab-
sicht. Doch nachdem erHector getötet hat, erblickt sie in ihm einen
Verräter und ihre Zuneigung verwandelt sich in glühenden Hass, vor
dem jedes weibliche Gefühl aus ihrer Brust weicht Paris gewinnt sie
für ihren Plan, Achill durch Meuchelmord zu beseitigen und lockt den
Achilles durch eine falsche Botschaft in den Tempel des Apollo, wo
er als Opfer ihrer Rache unter den Streichen des Paris und seiner
Genossen füllt Diese That wird der Dichter im Auge haben, wenn er
von ihr sagt: N’aveit pas feminin talant.
Bei der Zerstörung Trojas begegnet sie auf der Flucht mit Po-
lyxena dem Aeneas, welchem sie mit entehrenden Worten seine Ver-
räterei vorwirft Aber sie appellirt auch zugleich an seine Vaterlands-
liebe, indem sie ihm die Rettung ihrer Tochter ans Herz legt (26060 ff).
Durch die Bitten des Helenus von griechischer Knechtschaft befreit,
nimmt sie bald ein schreckliches Ende. Denn als Pyrrhus vor ihren
Augen die Polyxena opfert, wird sie vor Schmerz und Zorn wahn-
sinnig, und da sie sich ganz unbändig geberdet, die griechischen Fürsten
beschimpft und wie ein Hund um sich beisst, steinigt man sie zu Tode
(v. 26444 ff).
Androm&che.
Ebenso ausgezeichnet durch ihre Schönheit wie durch die innige
Liebe zu ihrem Gatten Hector ist Andromache. Da ihr die Götter
durch Zeichen und Gesichte verkündigt haben, dass ihrem Gemahl ein
grosses Unglück droht, bittet sie Hector inständig, dem Winke der
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Götter za folgen and nicht in den Kampf zu gehen. Als ihr Bitten
vergebens ist, wendet sie sich in ihrer Bekümmernis an Priamus,
welcher Hector den Kampf untersagt Doch trotzdem legt dieser vor
ihren Augen die Rüstung an, und obgleich sie in den rührendsten
Tönen klagt und fleht, und die Frauen, welche sie in ihrer Herzens*
angst zu Hülfe herbeigeholt hat, ihre Bitten mit denen Andromaches
vereinigen, besteht Hector gleichwohl auf seinem Vorhaben. Da ge-
berdet sie sich wie eine Wahnsinnige, schlägt ihre Brüste und zerrauft
ihr Haar. Aber noch einen letzten Versuch wagt sie. Mit ihrem
kleinen Sohn Astarnantes fallt sie ihm zu Füssen und beschwört ihn,
wenigstens mit dem hülflosen Knaben Mitleid zu haben und ihn nicht
verwaisen zu lassen. Ohnmächtig fällt sie zur Erde nieder, ohne auch
hierdurch das Herz ihres Gemahls zu erweichen (v. 15203 ff.). Als
nun schliesslich das Gefürchtete geschehen ist und der tote Körper
Hectors vor ihren Füssen liegt, weint und schreit sie so sehr, dass sie
fast das Leben aushaucht (16413 ff.). Bei der Zerstörung der Stadt
wird sie von den Griechen aus einem Tempel geschleift und hätte den
Tod erlitten, wenn nicht Aias sie in seinen Schutz genommen hätte
(v. 26108 ff.). Nachdem Helenus von den griechischen Fürsten ihre
Freiheit erwirkt hat, folgt sie dem Pyrrhus in seine Heimat Doch
da ihr hier von Hermione, der neuvermählten Gattin des Pyrrhus
nach dem Leben getrachtet wird, begiebt sie sich unter den Schutz
des Volkes und folgt nach der Ermordung des Pyrrhus mit ihrem
Sohn Landomata dem Peleus und der Thetis in deren Reich, wo sie
von Pyrrhus noch einen Sohn Achillides gebiert (29437 ff.).
Gassandra.
Was Helenus unter den Söhnen des Priamus, ist Cassandra unter
den Töchtern desselben.
v. 5513: Des arz ®t des segrez devins
Saveit les somes et les fing
De la chose qui aveneit
Diseit tot quant il en esteit
Vermöge ihrer Sehergabe sieht sie den Untergang Trojas voraus
und verflucht deshalb die Helena als die Ursache alles Unglücks. Sie
klagt über die Stadt, die bald öde liegen, über Priamus r der seiner
Söhne beraubt werden wird und über die Frauen und Jungfrauen, die
ihre Angehörigen werden dahinsterben sehen. In einem Turm, in den
sie Priamus werfen lässt, verhallen ihre Klagen für lange Zeit. Erst
bei dem Begräbnis ihres Bruders Cassibelan lässt sie ihre warnende
Stimme wieder vor dem Volke hören und flösst vielen Besorgnis da-
durch ein, weshalb man sie von neuem einsperrt (v. 10385 ff.). Aber
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als die Not in Troja steigt und die Götter die dargebrachten Opfer
verschmähen, da nimmt man zu Cassandra seine Zuflucht, um den
Zorn der Götter abzuwenden (v. 25483 ff.). Bei dem Untergang Trojas
flieht sie in den Tempel der Minerva und durch Aias dem Tode ent-
rissen, wird sie bei der Verteilung der Beute dem Agamemnon ge-
geben. Diesem verkündet sie den Tod in seinem eignen Hause und
auch den andern Helden sagt sie Verbannung oder Tod voraus
(v. 27063 ff.). Weiter erfahren wir nichts von ihr.
Polyxena.
Die vom Dichter mit am meisten Liebe geschilderte Frauengestalt
ist Polyxena, was wir schon aus dem rein äusserlichen Umstande ent-
nehmen können, dass er zu ihrer Beschreibung noch einmal so viel
Verse gebraucht als zu der der übrigen Frauen (v. 5521 ff.). Der
Helena steht sie an Schönheit nicht nach, und die Männer streiten sich
darüber, welcher von beiden der Preis der Schönheit gebührt (v. 14574 ff).
Achilles, der sie nur einmal gesehen hat, ist von ihren Reizen so be-
zaubert, dass er sie zur Gemahlin begehrt und ihretwegen die allge-
meine Sache im Stiche lässt. Auch ihr ist der edle Held nicht gleich-
gültig, und als er wieder den Kampf aufiiimmt, schmerzt es sie sehr
und nach seiner Ermordung ergreift sie gerechter Zorn gegen ihre
Mutter. Doch da sie fürchtet, dass ihr Unwille schlecht gedeutet
werden könnte, schweigt sie bald (v. 22380). Bei der Zerstörung
Trojas verbirgt sie Aeneas in seinem Hause, als aber Kalchas ver-
kündet, dass nur durch ihren Tod das aufgeregte Meer beruhigt und
der Mord des Achilles gesühnt werden könne, wird sie nach langem
Suchen von Antenor aus ihrem Versteck hervorgezogen und dem Aga-
memnon gegeben, welcher sie Pyrrhus schenkt. Das ganze Volk be-
weint das Loos der Unglücklichen und keiner kann die unschuldige,
von glänzender Schönheit strahlende Jungfrau ansehen, ohne Mitleid
mit ihr zu empfinden. Doch sie selbst sieht mutig, ja freudig dem
Tode entgegen und verschmäht es, um Gnade zu bitten, da sie nach
so grossem Unglück das Leben für nichts mehr achtet und als Jung-
frau aus demselben scheiden will Auf dem Grabe Achills empfängt
sie .von der Hand des grausamen Neoptolemus den Todesstoss
(v. 26335 ff).
Penthesilea.
Einzig in ihrer Art steht die Amazonenkönigin Penthesilea da,
welche mit 1000 Jungfrauen den Trojanern zu Hülfe kommt Um
Ruhm und Reichtum zu gewinnen und den von ihr geliebten Hector ,
zu sehen, ist sie aus ihrem Lande aufgebrochen; doch als sie in Troja
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ankommt, ist Hector schon gefallen nnd sie kann weiter nichts für
ihn thun, als seinen Tod an den Griechen rächen. Wunder der Tapfer-
keit ▼errichtet ihr starker Arm, und bald wird sie den Griechen
so furchtbar, dass diese gezwungen sind, wieder in ihr altes Lager
zurückzukehren (v. 23635 ff.). Alle erkennen ihr den Preis der Tapfer-
keit zu und Priamus ehrt sie hoch und beschenkt sie reich (23635 ff.).
Gegen Menelaus, Diomedes und Telamon kämpft sie mit Glück und
bis zur Ankunft des Neoptolemus sind die Griechen immer im Nach-
teil. Erst dieser vermag die Penthesilea nach harten Kämpfen zu be-
siegen (v. 24179 ff.). Ihre Leiche, welche die Griechen in ihrem Hass
in den Achander werfen, wird erst beim nächsten Waffenstillstand aus
dem Flusse gezogen und in Troja unter allgemeiner Trauer mit grossem
Prunke beigesetzt (24330 ff.).
Briseida.
Als letzter unter den Troerinnen sei der Briseida, der Tochter
des Kalchas gedacht. Als sie auf Verlangen ihres Vaters in das grie-
chische Lager übersiedeln soll, weint und klagt sie, dass sie sich von
ihrem Geliebten Troilus trennen muss. Sie schwört ihm ewige Treue,
und beim Abschied ist des Seufzens und Klagens kein Ende. Mit
reichen Gewändern angethan, verlässt sie in Begleitung der Königs-
söhne tief betrübt die Stadt. Doch der Dichter deutet schon auf ihre
baldige Sinnesänderung hin, indem er sagt (v. 13405 ff.):
Par tens aura tot oubli£
Et son corage si muä
Que poi li ert de cels de Troie.
Noch einmal versichert sie dem Troilus ihre unendliche Liebe, bevor
sie von Kalchas, der ihr mit den griechischen Fürsten entgegenkommt,
in Empfang genommen wird. Unter dem frischen Eindruck des eben
Erlebten weist sie freilich die Bewerbungen und Galanterien des Dio-
medes, welcher eine heftige Liebe zu ihr gefasst hat, zurück, jedoch
in einer Weise, welche den Diomedes zu neuen Anstrengungen er-
mutigt:
Que parait bien a son senblant
Que n’esteit mie trop salrage.
Ihrem Vater zeigt sie sich noch rinmal als echte Troerin, indem sie
ihm bittere Vorwürfe macht, dass er zum Verräter an seinem Vater-
lande geworden ist (13648 ff.). Doch als am nächsten Tage die grie-
chischen Fürsten, welche grosse Bewunderer ihrer Schönheit sind, ihr
grosse Ehre erweisen und sie mit freundlichen Worten trösten, lässt
sie dies bald ihre Vergangenheit vergessen, und schon ehe der dritte
Abend kommt, hat sie kein Verlangen mehr nach Troja zurückzu-
kehren (13815 ff.).
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Dass Diomedes sie heiss liebt, weiss sie nur zu wohl. Sie erhört
aber nicht gleich seine Bitten sondern gefällt sich darin, sich hart
und znrückweisend gegen ihn zu zeigen und ihn mit ihren Launen zu
quälen. Sie macht ihn jedoch nicht ganz mutlos, und als Diomedes
ihr in unzarter Weise das erbeutete Ross des Troilus als Geschenk
übersendet, ist sie zwar scheinbar ungehalten darüber, lässt ihm jedoch
sagen, dass es Unrecht sein würde ihn zu hassen, da er sie so sehr
liebe (14277 ff.)« Um ihm ein anderes Mal ein sichtbares Zeichen
ihres Wohlwollens zu geben, reisst sie ein Stück aus ihrem Ärmel
zum Wimpel für seine Lanze. Hinter all dieser Koketterie steckt
aber auch wahre Liebe, die sich in ihrem aufrichtigen Schmerze über
seine Verwundung deutlich zeigt (20195 ff.). Troilus hat ganz ihr
Herz verloren, und obgleich sie das Unrecht fühlt, welches sie an ihm
begangen und sich selbst der Leichtfertigkeit und Unbeständigkeit
zeiht, kommt doch ein ernstliches Gefühl der Reue nicht mehr in ihr
auf, denn, sagt sie: En ce na mh recovrement. Sie nimmt sich vor,
ganz der Zukunft zu leben und dem Diomedes eine treue Gemahlin
zu werden (v. 20230 ff).
Helena.
Wenn Helena schliesslich als geborene Griechin unter den Troe-
rinnen auch noch ihren Platz findet, so geschieht dies deshalb, weil
sie nicht nur äusserlich durch ihre Vermählung mit Paris sondern
auch ihrer ganzen Gesinnung nach eine Troerin geworden ist.
Benoit schildert sie als unvergleichlich schön und weiss kaum
Worte genug dafür zu finden (4304 ff, 5100 ff, 10129 ff). In dem
schönen Körper aber wohnt wie nicht selten bei schönen Frauen ein
leichtfertiges Gemüt Kaum hat sie deshalb Paris auf Cythera im
Tempel der Venus gesehen, als sie schon von heftiger Liebe zu ihm
entbrennt, und nachdem Paris sie geraubt hat, sagt der Dichter
von ihr:
V. 4489: Ne 80 fist mie trop ledir
Bien fist senbl&nt de consentir.
Auf der Fahrt über das Meer und bei ihrer Ankunft in Sigaeum ist
sie zwar traurig und jammert nach ihren Verwandten und ihrer Heimat,
aber bald findet sie sich in ihr Schicksal und giebt als Grund ihrer
Sinnesänderung an:
v. 7300: 86 Den planst
Ja ne volsisse qne si fust;
Et quant gie vei 90 et entent
Qne il ne puet estre altrement
Si nos covendra k soffrir
Voillons on non, yostre plaisir.
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Paris führt sie als Gemahlin heim, und von allen Verwandten des
Paris mit Ausnahme der Kassandra wird sie geachtet und geehrt Und
in der That macht sie sich in Troja dieser Verehrung würdig, da sie
ihrem Gemahl die aufopferndste und zärtlichste Gattin und seinen
Brüdern die liebevollste und fürsorglichste Schwester ist« Zeigt sie
schon bei Hectors Tode einen tiefen, ungeheuchelten Schmerz, so ist
ihre Trauer noch grösser über den Fall von Paris. Sie fürchtet ein
Fluch der Menschheit zu sein und verwünscht die Stunde ihrer Ge-
burt, durch welche so grosses Unheil über die Welt gekommen und
das Blut so vieler Edlen vergossen sei. Mit Thränen benetzt sie den
Leichnam und küsst und umarmt ihn, so dass sie sich aller Herzen
noch mehr gewinnt und die Königin sie wie eine Tochter hält (23010 ff.).
Als Friede geschlossen werden soll, fürchtet sie von Menelaus Schande
und Tod. Doch dieser fügt ihr kein Leid zu, sondern bewahrt sie
vielmehr mit Hülfe des Ulixes vor dem Verderben, welches ihr Aias
und die meisten griechischen Fürsten zugedacht hatten.
Nachdem wir mit Helena die Reihe der Troer und Troerinnen ab-
geschlossen haben, wollen wir uns zu der Beschreibung der griechischen
Helden wenden.
Der Telamonier Mm ,
Einer der stärksten und unerschrockensten Helden war Aias^ der
Sohn des Telamon und der Hesione. Zweimal errettete er die Griechen
aus der grössten Not. Schon waren einst die Troer unter Anführung
Hectors in das griechische Lager gedrungen und hatten 300 Zelte be-
reits davongetragen, als Aias mit Hector im Kampfe zusammentraf.
Erst nachdem die beiden Vettern eine Weile mit einander gekämpft
hatten, erkannten sie sich. Sie brachen den Kampf ab, umarmten und
küssten sich vor Freude, und Hector zog in seinem Grossmut auf die
Bitten des Aias die Troer von den Zelten zurück (10065 ff.). Ein an-
deres Mal rettete er die Schiffe, welche zum Teil schon von den
Troern in Brand gesteckt waren, von gänzlicher Vernichtung, indem
er die Griechen zur Tapferkeit anfeuerte und so wacker kämpfte, dass
der Dichter von ihm sagt:
Que s’il ne fast, 90 dit l’escrit
Mort fassent tait et les n 6es arses.
Wenn nach diesen beiden Beispielen wohl kaum noch angeführt zu
werden braucht, dass er einst die Myrmidonen vor dem Untergange
bewahrte, so verdient doch das noch zu seinem Lobe hervorgehoben
zu werden, dass er die hülflosen Frauen und Kinder, welche bei der
Zerstörung Trojas aus dem Tempel gerissen waren, unter seinen Schutz
stellte und sich ihrer ritterlich annahm (26111 ff,). Einen solchen Zug
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hätten wir kaum von einem Manne erwartet, der bald darauf das Blut
der Helena verlangte (26176 ff.). Tragisch ist sein Untergang. Mit
Diomedes und Ulixes tritt er als Bewerber um das Palladium auf und
hält sich wegen seiner grossen Verdienste dieses Geschenkes für am
würdigsten (v. 26503 ff.). Als nun aber wider sein und aller Erwarten
Agamemnon und Menelaus dem Ulixes das Palladium zusprechen, gerät
er in eine so furchtbare Wut, dass er fast den Verstand verliert und
die schrecklichsten Drohungen gegen seine Widersacher ausstösst
(26961 ff.). Am andern Morgen findet man seinen Leichnam entsetzlich
verstümmelt, ungewiss ob durch eigene oder fremde Hand (26983 ff.).
Agamemnon.
Das Haupt und die Seele des ganzen griechischen Heeres war
Agamemnon, König von Mycene. Nicht nur durch Macht (5588),
sondern auch durch seine Klugheit und Umsicht war er so hervor-
ragend (5005, 5130, 5695, 6068, 7387), dass die Griechen ihn zum
Oberbefehlshaber ernannten (5005). Seine Würde machte ihn nicht
stolz und hochfahrend, vielmehr warnte er die Griechen, vor dem Stolz
als dem schlimmsten aller Uebel und veranlasste sie, durch Gesandte
von Priamus die Herausgabe der Helena und der geraubten Schätze
zu verlangen, bevor man den Krieg begann (6067 ff.). In der Not
stärkte und ermutigte er das Heer, indem er ihm das ruhmvolle Bei-
spiel der Vorfahren vorhielt (10923 ff.), und so viel vermochte er im
Verein mit Nestor durch seine Worte von Achilles zu erlangen, dass
dieser wenigstens die Myrmidonen wieder in den Kampf ziehen liess
(20399 ff.).
Alle waren mit seiner Leitung zufrieden, nur Palamedes nicht
(16900 ff.). Neidlos gesteht Agamemnon die Vorzüge des Palamedes
zu und ist gern bereit, von seiner Würde zurückzutreten, wenn die
Griechen einen tapferem und klügeren als ihn wählen werden, da er
nichts sehnlicher als den Sieg wünscht (16865 ff.). Nach Palamedes
Fall aber wird er auf Nestors Rat wieder zum Anführer gewählt, da
man keinen bessern und der Herrschaft würdigeren finden konnte
(19060 ff.).
So beliebt Agamemnon vor der Einnahme Trojas gewesen war,
so verhasst machte er sich nach derselben dadurch, dass er das Pal-
ladium dem Ulixes zusprach (26931 ff.). Er war daher froh, dass man
ihm gestattete, vor den andern die Rückkehr antreten zu dürfen
(27169 ff.). Doch zu Hause wurde ihm ein schrecklicher Empfang be-
bereitet, wie ihm Kassandra geweissagt hatte (26195 ff«), denn seine
Gemahlin CUmmtra, die den Aegisth geheiratet hatte und deshalb den
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Zorn Agamemuons fürchtete, ermordete letzteren mit Hülfe ihres
Bahlen in der ersten Nacht (27925 ff.).
Ulixes.
Ulixes ist bei Benoit weniger der tapfere Held als vielmehr der
schlaae and vielgewandte Redner, voll von Lug and Trug, aber dabei
freigebig (5186) und der höfischste Mann im ganzen Heere (12808).
Daher fehlt er bei keiner wichtigen Gesandtschaft. Mit Diomedes
überbringt er dem Priamus die Friedensbedingungen der Griechen,
wobei er durch sein keckes und dreistes Auftreten sich den Unwillen
der Troer zuzieht (6276 ff r ).
Mit Diomedes wird er einst noch in der Nacht nach Troja ge-
schickt, um einen Waffenstillstand zu erbitten und mit ebendemselben
begleitet er Aeneas und Antenor nach Troja, um über den Frieden
zu unterhandeln. Seinen Bemühungen vor allem haben die Griechen
den Besitz des Palladiums zu verdanken (25320 ff.). Auch bei der
ersten Gesandtschaft an Achilles finden wir ihn wieder (19667 ff.), und
so gross ist sein Einfluss im Heere, dass er mit Diomedes nach dem
Fernbleiben Achills vom Kampfe die Griechen zum Frieden überredet
haben würde, wenn nicht Kalchas sie amgestimmt hätte (19838 ff.).
Er weiss zu verhindern, dass Helena getödtet wird, obgleich die
meisten Fürsten ihren Tod verlangen (26188 ff.), während er anderer-
seits die Opferung der Polxyena gegen den Willen des Volkes durch-
setzt (26326 ff). Auch bei der Bewerbung um das Palladium erreicht
erreicht er durch die Atriden seinen Zweck, da diese ihm wegen der
Helena verpflichtet waren (26933 ff.).
Weil die allgemeine Stimme ihm die Schuld an dem Tode des
Aias beima88, waren die Griechen so erbittert auf ihn, dass er aus
Furcht vor dem Volke nach Ismaron floh und das Palladium bei seinem
Freunde Diomedes zurückliess (27038 ff.). Als auch dort die Krieger
des Aias ihn angriffen und ihm seine ganze reiche Habe raubten, floh
er weiter. Den Nachstellungen des Naulus, des Vaters von Palamedes,
entging er nur mit grosser Mühe (28340 ff.). Nachdem er kurze Zeit
in Myrra verweilt, segelte er an der Küste weiter nach Lotofagos und
kam nach einer stürmischen Fahrt zu Lestigorus und Gdopain, zwei
Königen auf der Insel Sicilien, welche ihn fast aller seiner Schätze
beraubten (28486 ff.) und deren Söhne PoUxenxus und Alfatus viele
seiner Gefährten töteten. Ulixes selbst mit den übrig gebliebenen Ge-
noBsen wurde gefangen genommen, aber von Polixenius, der Mitleid
mit ihm hatte, wieder in Freiheit gesetzt und hoch geehrt. Als aber
Anfenor , ein trauter Gefährte des Ulixes, die schöne Destrigora, eine
Schwester des Polixenius raubt, und mit ihr und den andern Griechen
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entflieht, setzt Polixenius ihnen nach und gewinnt zwar die Schwester
zurück, verliert aber durch Ulixes ein Auge. Glücklich entkommt
dieser mit seinen Genossen und gelangt zu der Insel Oloai , deren
Königinnen Cirxes und Calixa , welche grosse Zauberinnen sind, ihn
freundlich aufnehmen. Cirxes liebt Ulixes sehr und wird von ihm
schwanger. Durch ihre Zauberkünste sucht sie ihn vergebens zurück-
zuhalten, da er ihr in der Zauberei überlegen ist, und mit reichen
Schätzen beladen fährt Ulixes weiter zn der zauberkundigen Königin
Lacafise^ aus deren Banden er sich nur mit Mühe befreit. Ebnem
Orakel, von dem er Auskunft über das Schicksal der Seelen nach dem
Tode zu haben wünscht, bringt er reiche Opfer. Die Sirenen mit
ihrem die Sinne bethörenden Gesänge können seinen Gefährten nichts
anhaben, da er durch seine Zauberei bewirkt, dass keiner sie hören
kann. Den Nabeln des Meeres zwischen Sillam und Charibdis entrinnt
er nur mit dem Verlust eines grossen Teils der Schiffe. Aber da fällt
er den Fenices in die Hände, welche ihn gänzlich ausplündem und
lange Zeit im Gefängnisse festhalten. Nachdem er wieder von ihnen
freigelassen ist, kommt er zu Idomeneus von Kreta, der ihn freundlich
aufnimmt und mit reichen Geschenken zu dem König Alcenon entlässt.
Als er hier erfahren, das 30 Ritter um die Hand seiner Gemahlin
Penelope werben, fährt er in Begleitung des Alcenon nach seinem
Reiche hinüber, um Rache an den Freiern zu nehmen. Sein Sohn
Telemach verbirgt ihn und in der Nacht schlägt Ulixes den trunkenen
Freiem die Köpfe ab. Nausica, die Tochter Alcenons, wird von
Telemach als Gemahlin heimgefuhrt und gebiert diesem den Poliberus
(28479—28940).
Ulixes hat einst einen bösen Traum, der ihn sehr erschreckt und
von den Sehern als Unglück bedeutend ausgelegt wird. Namentlich
von seinem Sohne, sagen sie, drohe ihm Gefahr. Nachdem er deshalb
den Telemach in Cefalania sicher eingekerkert, sich selbst aber eine
wohl verwahrte Burg erbaut hat, glaubt er vor allen Nachstellungen
gesichert zu sein. Doch das Verhängnis drohte ihm von einer anderen
Seite her. Thelegonus , der Sohn des Ulixes und der Cirxes, welcher
inzwischen zu einem stattlichen Jüngling herangewachsen war, wünschte
seinen Vater kennen zu lernen und machte sich zum grossen Leid
seiner Mutter auf die Suche nach ihm. Nach langer Wanderung kam
er vor der Burg desselben an. Da die Hüter ihm den Eingang ver-
wehrten, erschlug er im Streite mehrere von ihnen. Auf den Lärm
eilte Ulixes herbei und verwundete den Thelegonus, wurde aber selbst
tötlich von ihm getroffen. Da erst erkennen sich Vater und Sohn,
Ulixes verzeiht dem Thelegonus und versöhnt den herbeigerufenen
Telemach mit seinem Bruder. Nach 3 Tagen stirbt er, und Telemach
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wird Herrscher. Reich beschenkt entlässt dieser den Thelegonus nach
der Heilung seiner Wunden in seine Heimat. Cirxes freute sich sehr
seiner Wiederkunft, aber um Ulixes trug sie Leid ihr ganzes Leben
(29629—3009 2).
Diomedes.
Dem Ulixes durch seinen Charakter verwandt und durch Freund-
schaft mit ihm verbunden war Diomedes, König von Argos. Auch
er hielt oft nicht, was er versprach und war gleichfalls ein gewandter
Redner (5198). Deshalb treffen wir ihn mit Ulixes zusammen immer
als Gesandten oder Unterhändler. Dabei war er aber auch in der
Schlacht eine der Hauptstützen der Griechen (24165 ff.) und ein von
allen gefürchteter Gegner. Mit Aeneas, Hector und Polidamas kämpfte
er mit wechselndem Erfolg, und Troilus suchte vergebens seinen ver-
hassten Nebenbuhler in der Liebe zu bezwingen. Den furchtbaren
Bogenschützen in Centaurengestalt, der die Griechen fast an den Rand
des Verderbens brachte, erlegte er (12308 ff.) und in seinem Kampfes-
ungestüm folgte er, was wir von keinem andern Helden lesen, den
Troern vier Bogenschuss weit in die Stadt hinein, bis ihn die Über-
macht zu weichen zwang.
Wunderbar ist es, dass dem Diomedes ein so warmes Herz für
die Liebe schlägt, demselben, der so grausam war, der gefallenen Pen-
thesilea ein ehrenvolles Begräbnis zu verwehren und sie in den
Achander werfen zu lassen (24353 ff.)/ Briseida entflammt ihn bei
der ersten Begegnung derartig, dass er ohne ihren Besitz sterben zu
müssen glaubt. Die Liebe macht ihn warm und kalt, traurig und
fröhlich und raubt ihm die Ruhe und den Schlaf (14930 ff.). Und
wenn Briseida auch zuweilen seiner spottet (15006 ff.) und sich hart
und zurückhaltend gegen ihn zeigt, so lässt er sich doch nicht ab-
schrecken, sondern erneuert immer wieder seine Anstrengungen, welche
auch schliesslich von Erfolg gekrönt sind (20210 ff.). Nach seiner
Rückkehr von Troja teilt er das Schicksal vieler griechischer Helden.
Seine Gemahlin Egial , welche von Oeaus , dem Bruder des Palamedes,
gegen ihn aufgestachelt war, überredete die Argiver, Diomedes nicht
wieder in sein Reich aufzunehmen (27860 ff.), und da man ihn ausser-
dem für schuldig hielt an dem Tode des Assandrus , des Bruders der
Egial, so vertrieben ihn die Argiver (27910 ff.). In Salamis hoffte er
bei Theucerus , dem Bruder des Aias, Schutz und Hülfe zu finden, doch
anstatt dessen wäre er beinahe von diesem getötet worden, da das
Gerücht den Diomedes als Mitschuldigen an dem Tode des Aias be-
zeichnete (27991 ff.). Gern folgte er daher dem Rufe des Aeneas,
ihm gegen die um Troja wohnenden feindseligen Stämme zu helfen.
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Er besiegte diese und machte dabei so reiche Beute, dass Egial, be-
sorgt wegen seiner Macht, ihm Frieden und Versöhnung anbieten liess
und ihn in Argos wieder als König aufnahm (28100 ff.).
Menelaus.
Weit unbedeutender als Agamemnon ist sein Bruder Menelaus.
Agamemnon muss ihn erst aus seiner Traurigkeit über den Raub der
Helena aufrütteln und zur Rache und thatkräfrigem Handeln antreiben
(4917 ff.). Im Kampfe zeichnete er sich nicht in hervorragender Weise
aus, weshalb man ihn auch wohl abschickte, den Pyrrhus vom König
Lycomedes zu holen (22567 ff.). Während er den Paris glühend hasste
und oft ihn im Kampfe zu töten suchte, liebte er die Helena noch wie
zuvor. Nicht einmal einen Vorwurf machte er ihr, als er sie bei der
Zerstörung Trojas wieder fand (26091 ff), und als die Griechen sie zu
töten beabsichtigten, vereitelte er dies mit Hülfe des Ulixes und Aga-
memnon (26175).
Zum Entgelt dafür verhalf er mit Agamemnon dem Ulixes zu
dem Besitz des Palladiums und zog sich wie sein Bruder hierdurch
den Hass der Griechen zu. Auch er fuhr eher als die andern Griechen
von Troja ab, und nachdem er zuvor dnrch einen Sturm nach Kreta
verschlagen war, wo er Kunde von der Ermordung seines Bruders er-
hielt, kam er glücklich in seinem Reiche an und wurde mit Jubel
empfangen. Seine Tochter Hermione gab er dem Orestes zur Ge-
mahlin (28409 ff.).
Patroclus.
Verherrlicht durch die sprichwörtlich gewordene Freundschaft mit
Achilles steht Patroclus da, ein schöner, freigebiger und ritterlicher
Held (5153 ff). Mit Achilles war er ein Herz und eine Seele:
Car quant qu’il a est suen demeine
Li uns n’a rien que l’autre n’ait,
Sans conte rendre et sans nul plait.
Dui Chevalier tant ne s’amerent
Ne tant de fei ne se porterent.
Aber schon als einer der ersten füllt er von der Hand Hectors, der
ihn vergebens seiner kostbaren Waffen zu berauben sucht (v. 8293 ff).
Achilles.
Doch ein Rächer ersteht ihm in Achilles, der ganz untröstlich
über seinen Tod ist und Hector furchtbare Rache zuschwört Wie
kein anderer ist er dazu angethan, diese Drohung ivahr zu machen;
denn wie Hector unter den Troern so ragt Achill unter den Griechen
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weit hervor. Wunder der Tapferkeit verrichtet seine Hand, und die
Troer fliehen vor ihm wie der Bär vor den Hunden (7541 ff.). Er ist
der Griechen Hort und Burg, und als er sich vom Kampfe zurück-
zieht, verfolgt sie beständig das Unglück (20336 ff.). Was er erreicht,
ist seinem Schwerte verfallen, hinter ihm rötet sich das Feld von dem
Blute der Erschlagenen (10595 ff.). Nur Hector, sein verhasstester
Feind, ist ihm gewachsen. Wo sie sich nur treffen können, messen
sie sich mit einander und es bedurfte nicht mehr der Bitten der
Griechen bei Achill, seine ganze Kraft auf die Vernichtung dieses ge-
fährlichen Gegners zu verwenden (10945 ff.). Lange sind seine An-
strengungen vergebens. Aber trotzdem hat er die feste Zuversicht,
dass Hector ihm doch noch einmal unterliegen wird und in prahle-
rischem Stolze ruft er aus:
v. 13098 ff. Vostre mort port entre mes mains
Ne vos porreit pas g&rantir
Trestoz li ors qui seit el monde
Que vostre force ne confonde.
Noch zweimal kämpfen sie nach dieser Begegnung mit einander, ohne
dass Achilles seine Prahlerei wahr gemacht hätte (14205 ff., 16135 ff.).
Vielmehr wird er im letzten Kampfe so verwundet, dass er aus der
Schlacht eilt, um sich die Wunden verbinden zu lassen. Dann aber
kommt er wieder zurück, denn er will lieber sterben als Hector nicht
töten, und als Hector grade einen Griechen aus dem Gedränge fort-
ziehen will, ersieht Achill den günstigen Augenblick und durchbohrt
den vom Schilde Unbedeckten, so dass er tot niedersinkt Memnon
will seinen Tod rächen und verwundet Achill so schwer, dass die
Myrmidonen dessen Tod befürchten, und nur der Geschicklichkeit
eines orientalischen Arztes verdankt dieser sein Leben (16210 ff).
Da sollte die Macht der Liebe die Griechen auf lange Zeit ihrer
besten Stütze berauben. Bei der Gedächtnisfeier von Hectors Todes-
tage erblickt Achill die Polyxena und fasst eine so leidenschaftliche
Liebe zu ihr, dass er sich nicht scheut, um ihren Preis Verräter an
der gemeinen Sache zu werden. Der Hecuba lässt er durch einen
vertrauten Boten sagen, dass er gegen die Hand der Polxyena mit
den Myrmidonen den Kampf aufgeben und auch die übrigen Griechen
zum Abzüge bewegen werde. Er sieht zwar selbst ein, dass er seinen
Ruhm darüber einbüsst und thöricht handelt, aber er sagt: Qui est
qui contre Amor est sagest Da ihm der Bote erwünschte Nachricht
zurückbringt, fordert er am andern Tage die Griechen auf, nach Hause
zurück zu kehren und verkündet, dass er selbst nicht mehr am Kampfe
teilnehmen will. Als seine Aufforderung aber keinen Erfolg hat, geht
er zornig in sein Zelt und verbietet auch den Myrmidonen den
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Kampf. Lange scheitern alle Versuche, ihn wieder zum Ergreifen der
Waffen zu bewegen, er ist taub gegen alle Bitten und Vorwürfe. Erst
Agamemnon und Nestor erlangen von ihm, dass er verspricht,
wenigstens den Myrmidonen die Beteiligung am Kampfe wieder zu
gestatten (20347 ff.). Als diese arg mitgenommen aus der Schlacht
heimkehren, erfasst ihn Zorn. Doch seine Liebe besiegt das Verlangen
sie zu rächen. Auch noch ein anderes Mal, als die Griechen von
Troilus hart bedrängt werden, bemeistert die Liebe seine schon
mächtiger werdende Kampfeslust. Aber wie in der achtzehnten Schlacht
die Myrmidonen bis zu den Zelten mit grossen Verlusten zurückge-
worfen werden, kann er sich nicht länger halten und stürzt wie ein
wütender Löwe in die Schlacht Erst Troilus gebietet seinem Morden
Einhalt und verwundet ihn so schwer, dass er nur durch die grösste
Tapferkeit der Myrmidonen der Gefangennahme entgeht Qualen im
Herzen und Qualen am Körper, sehnt er den Tag der Vergeltung an
Troilus herbei und in der nächsten Schlacht schlägt er seinem Gegner,
der hülflos unter seinem gefallenen Pferde liegt, das Haupt ab. Den
Leichnam bindet er an den Schwanz seines Pferdes und schleift ihn
durch den Staub. Memnön gewinnt aber die Leiche zurück, und
Achilles trägt so schwere Wunden davon, dass er 8 Tage krank dar-
niederliegt. Sobald er genesen, eilt er rachedurstend in die Schlacht
und mit Hülfe der Myrmidonen streckt er Memnon nieder. Er selbst
trägt lebensgefährliche Wunden davon (21515 ff.). Doch im Kampfe
sollte er nicht fallen, sonden durch elenden Meuchelmord umkommen.
Hecuba, welche den Tod vieler Söhne an ihm zu rächen hat, entbietet
ihn zur Mitternacht in den Tempel Apollos unter dem Vorwände, ihm
Polyxena als Gemahlin zuzuführen. Ohne Rüstung, nur von Antilochus,
dem Sohne Nestors, begleitet, macht er sich zum Tempel auf. Doch
bei seinem Eintritt empfängt ihn nicht die Braut mit liebevoller Um-
armung, sondern wilder Schlachtruf tönt ihm entgegen, und Paris mit
20 Rittern schleudern ihre Speere aus dem Hinterhalte auf ihn ab.
Obgleich beide sich heldenmütig wehren und manchen der Gegner zu
Boden strecken, müssen sie doch schliesslich, den Geschossen der
Gegner schutzlos preisgegeben, der Übermacht unterliegen. Als Anti-
lochus ohnmächtig niedersinkt, verteidigt Achilles mit seinem Körper
noch lange den unglücklichen Jüngling. Aber immer von neuem ver-
wundet, ermatten auch seine Kräfte und er sinkt in die Kniee. Selbst
dann noch wehrt er sich verzweifelt, bis er von Paris den Todesstreich
empfangt (22101 ff). Schrecken, Bestürzung und Trauer ruft sein
Tod im Lager hervor, während die Troer über seinen Fall jubeln.
Sein Leichnam wird den Griechen ausgeliefert und unter einem stolzeq
Denkmal beigesetzt (22323 ff),
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Nestor.
Nestor ist im Gegensätze zu dem Nestor Homers ein jähzorniger,
aufbrausender Grgis , den die Unverletzlickeit eines Gesandten kaum
davon abhält, in seiner Wut den Antenor zu ermorden und durch
Pferde zerreissen zu lassen (3499 ff.). Üeberkam ihn der Zorn, so
hielt er niemandem sein Wort (5211 ff.). Doch war er ein weiser
Redner und guter Berater (5207 ff), und als er nach dem Tode des
Palamedes die Wiederwahl Agamemnons zum Oberfeldherrn vorschlägt,
ßtösst er auf keinen Widerspruch (19039 ff.). An der unbeugsamen
Hartnäckigkeit Achills scheitert allerdings zuerst auch seine Beredt-
samkeit gänzlich (19667 ff.), aber bei der zweiten Gesandtschaft an
Achilles erwirkt er die Teilnahme der Myrmidonen am Kampfe.
Palamedes.
Palamedes, der, wie schon bei einer andern Gelegenheit erwähnt,
die Griechen veranlasste, von Tenedos vor Troja selbst vor Anker zu
gehen, war eine egoistische, herrschsüchtige Natur. Es verdross ihn,
dass Agamemnon über alle gebot, und in einer Volksversammlung
empfahl er sich selbst den Griechen als Herrscher und hob selbst-
bewusst alle seine Vorzüge hervor. Da sich schon jetzt die meisten
Führer auf seine Seite neigten, so wurde er in einer zweiten Ver-
sammlung, wo er sich abermals über die Herrschaft Agamemnons be-
klagte, trotz der treffenden Erwiderungen seines Nebenbuhlers zum
Heerführer gewählt (16974 ff). Dieser Stellung zeigte er sich aber
auch würdig, denn nicht nur war er in der Schlacht immer der erste
(18474, 18745), nicht nur spornte er die Griechen zur Tapferkeit an
und verwendete alle Kraft darauf den Feinden zu schaden, sondern
auch während des Waffenstillstandes war er darauf bedacht, die Schiffe
ausbessern zu lassen und neue Verteidigungswerke anzulegen (17431 ff).
Sein Ende fand er von einem Pfeile des Paris.
Eine andere Version von seinem Tode giebt uns Benoit v. 27500 ff.
Ulixes sucht Palamedes aus Neid über dessen Ruhm aus dem
Wege zu schaffen. Gefälschte Briefe, welche bei einem gefallenen
Griechen, dem sie Ulixes heimlich zugesteckt hatte, gefunden werden,
beweisen, dass Palamedes um Geld die Griechen hat verraten wollen,
und da man genau die in einem der Briefe angegebene Summe unter
dem Bette des Palamedes verborgen findet, so können die Griechen
an seiner Schuld nicht mehr zweifeln und verurteilen ihn zum Tode.
Aber keiner wagt das Urteil an ihm zu vollziehen, da er entschlossen
ist, sein Leben teuer zu verkaufen. Als er seine Unschuld durch den
Zweikampf beweisen will, stellt sich ihm kein Gegner. Da erwirkt
ihm Ulixes von den Fürsten Straflosigkeit, um sich unter der Maske
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eines Freundes ihm nahen zu können. Er erwirbt auch sein Vertrauen
im vollsten Masse, und als er ihn auffordert, mit ihm und Diomedes
einen Schatz aus einem Brunnen zu heben, läsjt sich Palamedes
ahnungslos an einem Tau in den Brunnen hinab, wo er durch Herab-
werfen schwerer Steine von Ulixes und Diomedes getötet wird.
Neoptolemus.
Als die Griechen vor Troja einst unschlüssig waren, ob man den
Krieg fortsetzen oder beendigen sollte, beschloss man die Entscheidung
des Orakels zuvor einzuholen (22431 ff.). Da dieses günstigen Aus-
gang verhiess, wenn Neoptolemus, der Sohn Achills, im griechischen
Lager sein würde, so wurde Menelaus abgesandt, um Neoptolemus von
dem Könige Lycomedes zu holen. Nach 2 Monaten kam Menelaus
mit ihm unter grossem Jubel des ganzen Heeres im Lager an. Er
war ein grosser Jüngling von erst 15 Jahren, der seinem Vater ganz
an Gestalt glich. Aber trotz seines jugendlichen Alters verrichtete er
die grössten Heldenthaten und wurde ein Hort der Griechen. Mit der
Amazonenkönigin Penthesilea hatte er manch harten Strauss zu be-
stehen, und obwohl sie ihm an Kraft und Tapferkeit ebenbürtig war,
unterlag sie ihm doch schliesslich. Freilich wurde er selbst so schwer
getroffen, dass er ohnmächtig zu Boden sank. Aber wie sehr er sie
auch im Leben gehasst hat, so will er ihr doch im Gegensätze zu den
andern Griechen nach ihrem Tode ein ehrliches Begräbnis gönnen
(24350 ff). Grausam ist er andererseits gegen den alten, wehrlosen
Priamus, dem er vor dem Altäre das Haupt abschlägt (26039 ff.), und
grausam gegen die unschuldige Polyxena, die er gefühllos .auf dem
Grabe seines Vaters opfert (26440 ff). Mit Helenus und Andromache
macht er sich nach dem Untergange Trojas nach seiner Heimat auf.
In Molose , wo er nach einem Sturm vor Anker geht, hört er, dass
Alcastusj der Bruder des Peleus, diesen vertrieben hat. Er sticht
wieder in See und läuft in den Hafen Sepdiadon ein. Hier hat er
nicht nur das Glück, seinen Grossvater Peleus zu finden, sondern
erfährt auch, dass die Söhne des Alcastus, Plestmes und Menalijms 9 in
der Nähe jagen. In ärmlicher, zerrissener Kleidung gesellt er sich zu
ihnen, und als sie sich auf der Jagd getrennt haben, werden sie einzeln
von ihm getötet. Da hört er auch, dass Alcastus nicht fern weilt.
Schnell vertauscht er sein armseliges Gewand mit dem Kleide eines
trojanischen Königssohnes, und als er Alcastus trifft, giebt er sich für
einen Sohn des Priamus aus, der von Pyrrhus in die Knechtschaft ge-
führt werde. Dieser selbst liege schlafend am Meeresgestade. Dann
trennt er sich von Alcastus, welcher sich begierig aufmacht, den
Pyrrhus zu ermorden. Thetis, die Tochter des Alcastus, begegnet
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ihrem Vater und teilt ihm die Ermordung seiner Söhne mit. Während
sie noch mit einander sprechen, sehen sie Pyrrhus mit 100 Rittern
herbeieilen. Thetis bittet um Gnade für Alcastus, und nachdem Peleus
herbeigeholt ist, findet eine Versöhnung statt. Seinen Tod erleidet
Pyrrhus von der Hand des Orestes, dessen Gemahlin Hermione er
geraubt hatte (28941 ff.).
Mit Neoptolemus wollen wir die Reihe der Charakteristiken
schliessen, weil die übrigen Personen des Romans mehr oder weniger
von ziemlich untergeordneter Bedeutung sind.
Den grossartigen Erfolg, welchen der Roman de Troie im Mittel-
alter erzielte, schildert Joly S. 58 — 59 der Einleitung zu der Ausgabe.
Es giebt kaum ein Buch, welches eine grössere Verbreitung gefunden
hätte, wie die zahlreichen Handschriften auf den Bibliotheken beweisen.
Plagiatoren haben ihn umgearbeitet und ihren Namen hineingeschrieben.
Mehrere Male ist er in Prosa aufgelöst worden. Während dreier Jahr-
hunderte haben die Franzosen Gefallen an seiner Lektüre gefunden.
Als man ihn schliesslich nicht mehr als dichterisches Product sehätzte,
lieferte er den bedeutendsten Beitrag zu den sogenannten Geschichts-
büchern, welche das fünfzehnte Jahrhundert entzückten. Er ist in fast
alle Sprachen Europas übersetzt und Chaucer und Boccaccio haben
aus ihm zum Teil ihre Stoffe entlehnt (vgl. Christ oforo Nyrop, Storia
delF epopea francese, Firenze 1886, S. 244 ff.).
Einen andern Beweis von dem Erfolg des Roman de Troie liefert
uns der Roman d’Hector oder, wie er in der anderen Hss. heisst,
der Roman d’Ercules. Er ist eine Geschichte der Jugendthaten des
Helden, wie solche in späterer Zeit oft als Einleitung den berühmten
Chansons de geste hinzugedichtet wurden. Vgl. Nyrop a. a. O. S. 246,
Gaspary, Geschichte der italienischenLiteratur 1, 120, Joly a. a. O.S.802ff.,
Hist. litt. IX, 670, Bartoli, I codici francesi della Biblioteca Marciana.
Der Roman ton Aeneas.
An den Roman von Troja schliesst sich stofflich der Roman von
Aeneas an, welcher die Flucht des Aeneas nach der Zerstörung von
Troja, seine Fahrten und die Gründung seiner Herrschaft in Italien
nach der Aeneide Virgils schildert.
Die bekannte Verfasserschaftsfrage lassen wir hier bei Seite, da
sie erst endgültig beantwortet werden kann, wenn eine Ausgabe des
Romans vorliegt. Die Abfassungszeit fallt vor 1170, da Heinrich von
Veldecke seine Eneit in den siebziger Jahren des 12. Jh. nach dem
französischen Werke begonnen hat.
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Unser Roman ist ungefähr so lang als Virgils Aeneide, denn er
besteht aus 10400 Achtsilbnern, während die Aeneide 9891 Hexameter
zählt Aber wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte des Romans
freie Erfindung des Dichters ist, z. B. die Schilderung der Liebe des
Aeneas und der Lavinia, das Urteil des Paris, die Beschreibung der
Gräber des Pallas und der Camilla, so wird man ermessen können,
wie sehr der französische Nachahmer das Original verstümmelt hat.
Es ist alles das weggelassen, wofür den Zeitgenossen das Verständnis
und der Geschmack fehlte. Die Episode von Laocoon und Achaeme-
nides, die Spiele zn Ehren des verstorbenen Anchises, die Beratungen
der Götter im Olymp hat der Dichter nicht beachtet. Er nennt nicht
Jupiter und unterdrüc ktdie Person der Juturna, der Schwester des
Turnus, welche von Zeus geliebt und mit der Unsterblichkeit und der
Herrschaft über die Gewässer beschenkt wurde. Das Eingreifen der
Venus und Juno ist seltener, kurz der Verfasser bemüht sich, alles spe-
cifisch Heidnische zu unterdrücken. Nur die Fama ist beibehalten. Wie
weit sich der französische Roman von seinem lateinischen Vorbilde
entfernt, wird man notdürftig aus der kurzen Analyse nach Pey
(Essai sur li romans d’Eneas, Paris 1856) erkennen können.
Als Menelaus Troja eroberte und die Griechen alles mit Feuer
und Schwert verwüsteten, entging Aeneas, der von seiner Mutter Venus
gewarnt war, mit Anchises und Ascanius glücklich dem Verderben
und schiffte sich mit vielen Trojanern auf 20 griechischen Schiffen
ein. Juno hasste wegen des Urteils des Paris, das der Dichter kurz
erwähnt, die Trojaner und verfolgte auch Aeneas mit ihrem Hass.
Sie erregte ihm einen furchtbaren Sturm, welcher die Flotte zerstreute,
so dass Aeneas mit nur noch 12 Schiffen an der Küste von Lybien
landete. Er tröstete seine traurigen Gefährten mit dem Hinweis auf
eine glückliche Zukunft und sandte Kundschafter aus, welche nach
Karthago zur Königin Dido kamen. Die Stadt und der Königspalast
werden geschildert. Dido, deren Vergangenheit uns der Dichter er-
zählt, nahm die Gesandten huldvoll auf. Schnell kehren diese nach
Aeneas zurück, und nach einer Beratung mit seinen Baronen macht
sich Aeneas nach Karthago auf, wo ihn Dido mit grosser Herzlichkeit
empfängt. Venus, für das Schicksal ihres Sohnes besorgt, legt in
Ascanius die Kraft, durch seine Umarmung Liebe einzuflössen, und
als daher Dido den Ascanius herzt, wird sie von einer glühenden
Leidenschaft für Aeneas ergriffen. Mit Wohlgefallen weilt der Dichter
bei der Schilderung dieser Liebe, während er die Erzählung des
Aeneas von der Zerstörung Trojas, dem Tode des Priamus und der
Flucht des Aeneas in wenigen Worten zusammenfasst und die Episode
von Laocoon ganz unterdrückt. Der Beschreibung der Fama werden
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mehr als 30 Verse gewidmet. Als ein Götterbote dem Aeneas Kar-
thago zu verlassen befiehlt, trifft dieser sogleich die Vorbereitungen
zur Abreise, die er vergebens vor der Dido geheim zu halten sucht.
Sein letztes Zusammentreffen mit Dido und deren Tod wird ziemlich
genau geschildert, das fünfte Buch der Aeneis dagegen lässt der
Dichter fast ganz aus. Die Abreise des Aeneas, seine Ankunft in
Sicilien, die Spiele zu Ehren des verstorbenen Anchises sind in wenige
Verse zusammengedrängt.
Anchises erscheint dem Aeneas und fordert ihn auf, unter Füh-
rung der Sibylle in die Unterwelt hinabzusteigen. Aeneas holt aber
erst den Rat seiner Barone hierzu ein, dann fahrt er nach Comts und
tritt, begleitet von der Priesterin Sibylle, den Weg durch die Unter-
welt an. Der Höllenhund Cerberus, dessen Bild uns genau gezeichnet
wird, erregt dem Aeneas Furcht, so dass er nicht weiter zu gehen
wagt. Aber Sibylle schläfert ihn durch einen Zauber ein und beruhigt
setzt Aeneas seinen Weg fort. Er begegnet der Dido und den Griechen,
welche vor ihm fliehen, bis er schliesslich zu seinem Vater gelangt,
der ihm die glänzende Zukunft seines Geschlechts weissagt. Aber
gerade die schönsten Verse Virgils sind ausgelassen und rasch springt
Anchises von Romulus su Caesar über. Durch die elfenbeinerne
Pforte steigt Aeneas wieder aus der Unterwelt empor und segelt
weiter nach Lombardie, Hier herrscht der König Latinus, dem er
durch Gesandte reiche Geschenke überbringen lässt. Inzwischen aber
beginnt er den Bau eines festen Schlosses. Latinus nimmt die Ge-
sandten freundlich auf und lässt dem Aeneas die Hand seiner Tochter
Lavinia zum grossen Missvergnügen der Königin Amate anbieten.
Diese fürchtet nämlich die Treulosigkeit der Troer und stachelt des-
halb den Herrscher der Rutuler, den marquis Turnus an, die Troer
aus dem Lande zu jagen. Eine günstige Gelegenheit zum Kriege
bietet sich bald dar. Ascanius verwundet auf der Jagd einen ge-
zähmten Hirsch, welcher der Silvia, der Tochter des Ritters Tyrus,
gehört. Die Brüder der Silvia mit den Landleuten der Umgegend
stürzen sich auf Ascanius, der aber bald Hülfe aus dem Lager erhält
und die Feinde bis in die Burg des Tyrus treibt. Doch diese fliehen
auch von hier und lassen den Troern 1000 Sack Getreide als Beute
zurück. Auf die Nachricht hiervon entbietet Turnus seine Vasallen
zum Kriege. Die bedeutendsten unter ilmen sind Mezentius und sein
Sohn Lausus, Aventinus, Messapius, Claudius und die heldenhafte
Camilla, deren Gestalt, Rüstung und Streitross der Dichter genau be-
schreibt. Während Turnus mit seinen Baronen Rat hält, befestigt
Aeneas in Gewärtigung eines Angriffs das neu erbaute Schloss
Montalban, und Venus bittet den Vulcan, für ihren Sohn göttliche
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Waffen zu schmieden. Der Dichter schiebt hier die Geschichte von
der unerlaubten Liebe des Mars und der Venus ein, welche sich bei
Virgil nicht findet. Vulcan schmiedet vor unsern Augen Helm,
Schild, Schwert und Lanze. Nachdem Venus an die letztere ein Fähn-
lein gebunden hatte, welches ihr von Mars gegeben und von Pallas ge-
wirkt war, schickte sie die Waffen ihrem Sohne und trieb ihn zugleich
an, den König Evander von Arkadien um Hülfe zu bitten. Mit meh-
reren Rittern machte sich Aeneas zu diesem auf und versprach sein
Vasall zu werden, wenn der König ihm gegen Turnus helfen wolle.
Da Evander in seiner Jugend selbst in Troja gewesen war und An-
chises gekannt hatte, so gewährte er die Bitte des Aeneas und er-
nannte seinen Sohn Pallas zum Anführer der Truppen; denn er selbst
war schon zu alt, um noch in den Krieg ziehen zu können. Unter-
dessen belagerte Turnus, von der Abwesenheit des Aeneas unterrichtet,
die Burg Montalban, ohne indessen am ersten Tage etwas gegen sie
ausrichten zu können, weil die Troer sich nicht aus der Burg heraus-
locken Hessen und sich tapfer verteidigten. Turnus begnügte sich
damit, die Schiffe der Troer zu verbrennen und die Feste scharf be-
wachen zu lassen. Doch trotzdem drangen Nisus und Euryalus un-
bemerkt in das Lager der Rutuler und richteten unter den schlafenden
Feinden ein furchtbares Blutbad an. Schon haben sie 300 derselben
getötet, als den Euryalus ein glänzender Helm, den er im Lager ge-
funden und aufgesetzt hat, verrät. Er wird gefangen genommen,
während Nisus glücklich entkommt. Als dieser aber noch einmal um-
kehrt, um seinen Freund zu befreien, wird auch er von der Über-
macht erdrückt und getötet. Am andern Morgen zeigt man ihre
blutigen Köpfe den entsetzten Troern. Drei Stürme werden siegreich
von den Troern zurückgeschlagen, und selbst das griechische Feuer
ist wirkungslos. Prahlereien und Tod des Romolus, eines Schwagers
des Turnus. Heldenthaten und Tod der beiden Riesen Pandarus und
Becias. In seinem Kampfesungestüm dringt Turnus in die Burg ein
und wird dort für einen Augenblick eingeschlossen; nur durch Zufall
entkommt er.
Am nächsten Tage nimmt Aeneas, der aus Arkadien zurückgekehrt
ist, am Kampfe Teil und verrichtet Wunder der Tapferkeit. Pallas,
der Sohn Evanders, unterliegt dem Turnus nach verzweifeltem Wider-
stande. Aber während der Sieger dem Gefallenen einen kostbaren
Ring vom Finger zieht, wird er durch einen Bogenschützen von einem
Kahne aus leicht verwundet. Wütend stürzt sich Turnus inr den Kahn
und tötet den Schützen; doch durch die Erschütterung ist das Halte-
tau zerrissen, und bald treibt Turnus auf hohem Meere. Erst am
vierten Tage wird er nach der Stadt verschlagen, in der sein Vater
Dardanus wohnt.
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Auch während der Abwesenheit des Turnus kämpfen seine
Scharen tapfer. Lausus und Mezentius fallen. Die Nacht trennt die
Kämpfenden. Tags darauf wird ein Waffenstillstand geschlossen, um
die Toten zu verbrennen. Den Leichnam des Pallas schickt Aeneas
zu seinen Eltern, welche in jämmerliche Klagen ausbrechen und ihrem
Sohn ein prachtvolles Grab erbauen lassen.
In Laurentum hält Latinus mit seinen Baronen Rat, als das
Herannahen der Troer gemeldet wird. Man läuft zu den Waffen, und
während Camilla vor der Stadt den Troern die Spitze bieten soll, will
sich Turnus in einen Hinterhalt legen. Mit 100 bewaffneten Jung-
frauen eilt Camilla aus der Stadt und schlägt die Troer in die Flucht,
da diese die Jungfrauen für Göttinnen halten und keinen Widerstand
zu leisten wagen. Als aber eine von ihnen zufällig getroffen wird und
vom Pferde sinkt, werden die Troer ihres Irrtums inne und gehen
zum Angriff über. Camilla tötet viele tapfere Helden, bis ein Pfeil
des Aruns sie erlegt gerade in dem Augenblicke, wo sie den Priester
Cores seines schönen Helms beraubt. Der Tod der Camilla ist das
Ende der Schlacht, und ein Waffenstillstand von 8 Tagen wird ge-
schlossen. Während der Nacht schlagen die Troer unter den Mauern
von Laurentum ihre Zelte auf, die durch ihre Pracht die Bewunderung
der Latiner erregen. Turnus beweint den Tod der Camilla und lässt
sie nach ihrer Heimat bringen, wo sie mit grossem Pomp zur Erde
bestattet wird.
Als beide Parteien ihre Toten begraben haben und der Kampf
wieder beginnen soll, will Turnus durch einen Zweikampf mit Aeneas
die Geschicke der Völker entscheiden, ein Vorhaben, von dem Latinus
und dessen Gemahlin Amate ihn umsonst abzubringen suchen. Der
Waffenstillstand wird um 8 Tage verlängert, am achten Tage soll der
Kampf stattfinden.
In dem Augenblick, wo Latinus und Amate den Turnus bitten,
vom Zweikampfe abzustehen, erscheint bei Virgil Camilla zum ersten
und letzten Male. Während ihr aber der römische Dichter nur sechs
Verse widmet, hat unser Dichter ihre Liebe mit Aeneas in einer langen
Episode besungen. Im Frauengemach ist Amate bemüht, im Herzen
der Lavinia für Turnus Liebe zu erwecken, den Aeneas ihr aber als
hassenswert hinzustellen. Lavinia weiss jedoch noch nichts von Liebe
und fragt deshalb die Mutter: Was ist Liebe? Als ihr Amate die
Frage beantwortet hat, weist sie überhaupt jeden Gedanken an Liebe
zurück, da diese ja nur Kummer und Leid bringe. Kaum aber sieht
sie Aeneas vom Fenster eines Turmes aus, als Amor sie mit seinem
Pfeile verwundet und eine heftige Neigung für den stattlichen Helden
hi ihr entzündet. Alle Schmerzen der Liebe hat die Jungfrau zu er-
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leiden. Sie seufzt, klagt und weint, wird bald warm, bald kalt, und
selbst die Nacht bringt ihr keine Ruhe. Der Mutter bleibt ihr Liebes-
gram nicht verborgen. Sie glaubt, fer gelte dem Turnus, muss aber
zu ihrem Schmerz erfahren, dass Aeneas der Gegenstand ihrer Liebe
ist. Amate beschuldigt den Aeneas der Knabenliebe und der Treu-
losigkeit, um Lavinia von ihm abzuwenden; aber alles ist vergebens.
Lavinia bewahrt ihm ihre Liebe, und um von der quälenden Unge-
wissheit, ob sie Erhörung finden wird, befreit zu sein, beschliesst sie
nach langem Schwanken, Aeneas in einem Briefe ihre Liebe zu ge-
stehen. Den Brief bindet sie um den Schaft eines Pfeiles und lässt
ihn durch einen Bogenschützen Aeneas vor die Füsse schiessen. Dieser
bemerkt den Brief, und als er ihn gelesen und die Jungfrau gesehen,
wird auch sein Herz von Liebe zu ihr entflammt. Die Nacht auf
seinem Lager flieht ihn der Schlaf und in 135 Versen lässt ihn der
Dichter seine Liebesschmerzen ausströmen. Liebeskrank bleibt er am
andern Morgen im Zelte, so dass Lavinia schon an der Aufrichtigkeit
seiner Gesinnung zweifelt und ganz untröstlich darüber ist. Am Nach-
mittag aber reitet Aeneas in die Nähe des Turmes der Lavinia, und
diese macht sich Vorwürfe, dass sie Aeneas in einem falschen Verdacht
gehabt hat
Inzwischen ist der Waffenstillstand abgelaufen. Die Latiner
kommen aus der Stadt, um die Bedingungen des Zweikampfes zwischen
Aeneas und Turnus zu vereinbaren. Da tötet ein Ritter aus der Stadt
einen Troer und das Handgemenge wird bald allgemein. Aeneas, der
sich ohne Rüstung unter die Kämpfenden wirft, um sie zu trennen,
wird von einem Pfeile verwundet in sein Zelt getragen. Erst durch
die Wirkung des Heiltrankes Dytan, den der Arzt Yapis mischt,
wird der Pfeil aus der schmerzhaften Wunde entfernt.
Während der Abwesenheit des Aeneas hat Turnus unter den
Troern ein grosses Gemetzel angerichtet; als dieser aber in die
Schlacht zurückkehrt, erlangen die Troer wieder die Oberhand. Turnus
weicht lange dem Aeneas aus. Schon bedrohen die Troer die Mauern
in ernster Weise und schon werfen sie Brandfackeln in die Stadt, da
erst stellt sich Turnus dem Aeneas zum Kampf. Die Schlacht hört
auf, und in der Mitte zwischen den beiden Völkern streiten die beiden
Helden mit einander. Turnus wird nach mannhaftem Widerstande von
Aeneas mit der Lanze am Schenkel verwundet und zu Boden ge-
worfen. Vergebens fleht er um Schonung seines Lebens; denn als
Aeneas den Ring des Pallas an seiner Hand sieht, tötet er ihn voll
Zorn.
Die Latiner huldigen Aeneas. Doch kommt dieser nicht in die
Stadt, um seine Braut zu begrüssen. Erst nach 8 Tagen will er die
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Lavinia aus der Hand des Latinus als seine Gemahlin empfangen.
Lavinia glaubt sich schon von Aeneas verlassen und dieser macht sich
selbst Vorwürfe, dass er so zurückhaltend gewesen ist und die Ver-
mählung so weit hinausgeschoben hat. Am festgesetzten Tage aber
wird Aeneas von Latinus und seinen Baronen in festlichem Zuge nach
Laurentum eingeholt, und die Hochzeit wird einen Monat lang mit
grosser Pracht gefeiert. Latinus giebt Aeneas einen grossen Teils seines
Reiches und setzt ihn zu seinem Erben ein. Aeneas baut die Stadt
Alba. Ihm folgt Ascanius und eine Reihe mächtiger Könige bis zu
Romulus und Remus, den Gründern der Stadt Rom. Die Nachkommen
des Aeneas werden später zu Herren der Welt.
♦
*
Der Roman von Theben.
Nächst der Sage von dem trojanischen Kriege gehörten die Sagen
von Oedipus und dem Zuge der Sieben gegen Theben zu den be-
liebtesten im Mittelalter.
Denn einerseits sagte der Stoff, wie er in der Thebais des
Statius überliefert war, dem Geschmacke des Mittelalters sehr zu, und
andererseits erfreute sich Statius im Mittelalter eines Ansehens und
einer Popularität, welche der Virgils nicht viel nachstand. Nicht nur
bei den lateinisch schreibenden Schriftstellern jener Zeit 1 ), sondern
auch bei den französischen Dichtern finden wir ihn unter den grössten
Dichtern des Altertums erwähnt und im Departement des livres wird
er sogar Estace le grant genannt Was den Statius aber in den Augen
der Leser ganz besonders empfahl, war der Umstand, dass man ihn
für einen Christen hielt. So versetzte ihn Dante z. B. ins Fegefeuer,
weil er als Christ seinen Glauben nicht frei bekannt und sich damit
begnügt habe, seinen Glaubensgenossen im geheimen zu helfen.
Dies sind nach Constans die drei Hauptgründe, welche den Ver-
fasser des Romans von Theben bewogen,* den Statius in der Vulgär-
sprache zu bearbeiten, um ihn einem grösseren Kreise zugänglich zu
machen.
G. Paris (Romania X, 271) glaubt aber diesen Gründen nicht so
grosse Bedeutung beimessen zu dürfen und kann vor allem sich nicht
erklären, welchen Einfluss das angebliche Christentum des Statius auf
die Übertragung der Thebais hat ausüben können, da dieses Gedicht
allen christlichen Anschauungen fremd ist. Er sieht vielmehr, und
das wohl mit Recht, in dem grossen Erfolg des Troja - Romans das
Hauptmotiv für den französischen Bearbeiter.
*) L. Constans, La legende d’Oedipe, Paris 1881, S. 144 ff.
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Das Gedicht besteht aus 14620 Achtsilbnem in Reimpaaren und
rührt von einem unbekannten Verfasser her, der bald nach dem Roman
von Troja schrieb und vielleicht ein Nachahmer oder Nebenbuhler
Benoits, jedenfalls nicht Benoit selbst war.
Die Quelle des Romans ist nach Constans nicht die Thebais in
ihrer ursprünglichen Gestalt, sondern eine mittelalterliche, lateinische
Bearbeitung derselben. Ob aber in dieser Redaction die bei Statius
nicht vorhandenen, in den Roman von Theben neu eingeschobenen Epi-
soden, wie die Begegnung des Tydeus mit der Tochter des Lycurg,
die Eroberung von Montflor, der Fouragirungszug des Hippomedon,
der Verrat des Darius etc., schon enthalten gewesen oder freie Er-
findung des Dichters sind, dies ist eine Frage, deren Lösung Constans
vorläufig für unmöglich hält. Da die Art und Weise der Bearbeitung
des antiken Stoffes im Roman von Theben dieselbe ist wie im Roman
von Troja, so will ich mich auf eine gedrängte Analyse nach Constans
beschränken.
Nach einer kurzen Einleitung, in welcher der Dichter von der
Verpflichtung spricht, das eigene Wissen auch andern mitzuteilen,
deutet er kurz den Gegenstand seines Gedichts, die Geschichte der
beiden feindlicken Brüder Eteocles und Polynices an. Bevor er
jedoch mit diesen selbst beginnt, geht er zurück bis auf deren Gross-
vater Laius.
Laius, der König von Theben, befragt das Orakel über seine
Nachkommenschaft und erhält die Antwort, dass er einen Sohn er-
zeugen werde, welcher der Mörder seines Vaters sein würde. Als
daher seine Gemahlin Jocaste einen Sohn gebiert, befiehlt er drei
Dienern diesen zu töten. Diese erfasst aber Mitleid mit dem armen
Kinde, und sie begnügen sich damit, ihm die Fersen zu durchbohren
und es an einer Eiche tief in einem Walde aufzuhängen. Dort findet
der König Polibus von Foche den Knaben, nimmt ihn mit nach Hause
und lässt ihn wie seinen Sohn erziehen. Oedipus, so wird das Kind
genannt, wächst zu einem stattlichen Jüngling heran und wird der
Vertraute des Königs. Aber da man ihm oft seine dunkele Herkunft
vorwirft, so verlässt er traurig den Hof, um das Orakel des Apollo
über seine Eltern zu befragen. Dieses weist ihn nach Theben, wo er
Nachrichten über sich erhalten werde. Nicht fern von Theben wird
ein Götterfest gefeiert; es kommt dabei zum Streit, und Oedipus, der
grade vorbeikommt und auch darin verwickelt wird, erschlägt seinen
Vater, ohne ihn zu kennen. Dann setzt er seinen Weg fort, löst das
Rätsel der Sphinx und tötet das scheussliche Ungeheuer. Auf die
Kunde hiervon holen ihn die Thebaner hoch erfreut in ihre Stadt, die
Königin erweist ihm die grössten Ehren, und obgleich er sich ihr als
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den Mörder des Laius zu erkennen giebt, fasst sie doch eine heftige
Neigung zu ihm, und als daher am andern Tage die Thebaner sie
bitten, den Oedipus zum Gemahl zu nehmen, willigt sie nach schein-
barem Widerstreben gern darin ein. Schon 20 Jahre haben Oedipus
und Jocaste zusammen gelebt und 4 Kinder mit einander gezeugt,
da erst kommt es durch die tiefen Narben, welche Jocaste an den
Füssen des Oedipus sieht, ans Licht, dass ihr Gemahl ihr eigener Sohn
ist. Oedipus sticht sich in Verzweiflung die Augen aus und lässt sich
in ein elendes Gefängnis werfen, um seine Schuld zu sühnen. Seine
Söhne Eteocles und Polynices spotten über ihn und treten die ausge-
stochenen Augen mit Füssen. Da verflucht er sie, und von Stund an
beginnt unter ihnen die Zwietracht. Doch kommen sie überein, dass jeder
ein Jahr die Regierung führen, und der, welcher von der Herrschaft
ausgeschlossen ist, freiwillig in die Verbannung gehen soll. Eteocles
als der ältere tritt zuerst die Regierung an, während Polynices in die
Verbannung geht, nicht ohne Furcht, unterwegs von seinem Bruder
überfallen zu werden. Müde kommt er nach neuntägiger, gefahren-
reicher Wanderung des Nachts in Argos an, sucht sich unter der Vor
halle des Königspalastes ein Obdach und schläft bald ein. Als Tydeus,
Herzog von Calydon, dort gleichfalls Unterkommen sucht, fährt Poly-
nices ihn zornig an. Von Worten kommt es zuThaten, und der König
Adrastus, welcher durch den Lärm aus dem Schlafe gestört ist, trennt
nur mit Mühe die Kämpfenden. Nachdem er sie nach ihrer Herkunft
gefragt, versöhnt er sie mit einander, bewirtet sie in seinem Hause
und bietet ihnen seine Töchter zu Gemahlinnen an. Am andern Tage
wiederholt er ihnen, durch einen Traum in seinem Vorhaben bestärkt,
sein Anerbieten, und Polynices heiratet die Argia, Tydeus die Dei-
phile.
Als Eteocles von dem Glücke seines Bruders hört, furchtet er,
dass sich Polynices nach Ablauf des Jahres mit Hülfe seines Schwieger-
vaters in den Besitz Thebens setzen möchte, und nachdem er sich
deshalb von der Treue seiner Barone überzeugt hat, sieht er sich nach
Bundesgenossen um und bessert die Mauern Thebens aus. Im Ver-
trauen auf seine Macht schlägt er dem Tydeus, welcher von Polynices
an ihn geschickt ist, um die Uebergabe der Regierung zu verlangen,
diese Forderung ab, und auch seine Barone schenken den Worten des
Tydeus kein Gehör. Für die drohende Herausforderung, welche
Tydeus dem Eteocles entgegengeschleudert hat, sinnt letzterer auf
Rache. Er befiehlt seinem Connetable, sich mit 50 Rittern bei dem
Felsen der Sphinx in den Hinterhalt zu legen und den Tydeus lebendig
oder tot nach Theben zu bringen. Tydeus, welcher beim Mondschein
den Hinterhalt bemerkt, fordert die Feinde mutig zum Kampfe heraus.
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Den Connetable Fidimus spaltet er bis zum Gürtel und wehrt sich
tapfer, aber von der Üebermacht gedrängt, zieht er sich auf den Felsen
der Sphinx zurück, dessen Zugang er so energisch verteidigt, dass die
Thebaner weichen, Corinus sammelt sie wieder, und Tydeus erhält
eine schwere Wunde. Als aber die Thebaner ihre besten Helden
fallen sehen, zerstreuen sie sich von neuem. Noch einmal reisst sie
Cremius zum Angriff mit sich fort Doch auch er erliegt bald dem
Schwerte des Tydeus, und wie tapfer auch seine Gefährten kämpfen,
und wie schwere Wunden Tydeus auch davonträgt, er behauptet doch
den Felsen der Sphinx, auf den er sich wieder zurückgezogen, ja er
geht schliesslich zum Angriff über und tötet alle Feinde. Nur einen
lässt er am Leben, damit dieser dem König Eteocles das Geschehene
melden kann.
Nachdem Tydeus notdürftig seine Wunden verbunden hat, reitet
er eilends weiter und kommt totmüde bei einem schönen Garten an,
unter dessen schattigen Bäumen er sich zum Schlummer niederlegt
Dort findet ihn die Tochter des Königs Lycurg. Sie empfindet Mit-
leid mit dem von Blut überströmten und führt ihn heimlich in ihre
Kammer, wo sie seiner Wunden -sorgsam pflegt. Umsonst ist ihr Be
mühen ihn länger zurückzuhalten, und am andern Tage macht er sich
nach zärtlichem Abschied wieder auf den Weg. In Argos ruft er
wegen seines jämmerlichen Zustandes grosse Bestürzung hervor, aber
ein armenischer Arzt heilt ihn bald.
Als der übrig gebliebene Ritter dem Eteocles die Unglücks-
botschaft überbringt, bezichtigt dieser die Thebaner der Feigheit,
während der Ritter die ganze Schuld auf den Verrat des Königs
schiebt. Zornig will ihn Eteocles töten, doch um dieser Schmach zu
entgehen, tötet sich der Ritter selbst. Die Thebaner aber trauern und
begraben die Toten.
Polynices und Adrastus sammeln ein grosses Heer. Aber bevor
sie ausziehen, befragt Adrastus den Seher Amphiaraus über den Aus-
gang des Krieges, und trotzdem dieser grosses Unheil verkündet,
bricht das Heer im Mai in der Stärke von 300,000 Mann anf. Da die
Truppen in den Wüsten vonNemea schrecklich durch Hitze und Durst
leiden, wird Tydeus, der gonfanonier, vorausgeschickt, um eine Quelle
zu suchen. Gegen Abend trifft er in einem Garten eine Jungfrau mit
einem Sonde, welche ihn zu einer Quelle führt. Eilend kommen alle
herbeigestürzt, um ihren Durst zu löschen. Adrastus dankt der Jung-
frau und fragt sie nach ihrem Namen. Es ist Hypsipyle, die Tochter
des Königs von Lemnos, welche aus ihrer Heimat hierher geflohen ist
Denn während alle Frauen von Lemnos nach gemeinsamer Verabredung
ihre Männer, Väter und Brüder ermordet hatten, hatte sie ihren Vater
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verschont und war in die Verbannung gegangen, um sich der Wut der
Weiber zu entziehen. Lycurg, der König des Landes, hatte sie freund-
lich aufgenommen und ihr die Pflege seines Kindes anvertraut Als
sie noch dem Adrast ihre Schicksale erzählt, hört sie das Geschrei des
Kindes, welches sie ohne Aufsicht zurückgelassen hat. Sie eilt hin
und findet schon eine Leiche. Eine Schlange hatte es durch einen
Stich in den Leib getötet Da Hypsipyle sich vor dem Zorn des
Lycurg fürchtet, so ruft sie den Schutz des Adrastus an. Lycurg
nimmt das Heer freundlich auf. Als ihm der Tod seines Kindes ge-
meldet wird, schwört er sich zu rächen, während die Königin sich der
Verzweiflung überlässt. Parthenopaeus, der geschickteste Bogen-
schütze im Heere, erlegt die Schlange und erhält als Belohnung von
der Königin ein reiches Lehen. Der Hypsipyle wird verziehen.
Als die Griechen um die Stadt herum Spiele feiern, kommt die
Nachricht von dem Anmarsch von 60 000 Thebanern. Adrastus bricht
deshalb verwüstend und plündernd in Feindesland ein. Das Schloss
Monflor leistet ihm energischen Widerstand, und vier Grafen von
Venedig schlagen daher vor, dasselbe durch List zu nehmen. Während
Polynices sich in der Nacht bei dem Schlosse in einen Hinterhalt legt,
bricht Tydeus mit 2000 erlesenen Rittern in der Richtung nach Theben
auf. Bei Tagesanbruch kommt er unter so grossem Lärm und Getöse
zurück, dass die Besatzung der Feste in dem heranrückenden Heere
thebanische Hülfstruppen vermutet.
Adrastus mit der Hauptmacht flieht zum Schein, und während
die Belagerten das Lager plündern, dringt Polynices in das von Ver-
teidigern entblösste Schloss ein. Auf ein Horasignal kehrt Adrastus
um, und die Thebaner von beiden Seiten angegriffen müssen sich er-
geben. 500 Barone werden gefangen genommen und in den Kerker
geworfen. Dann zieht das Heer nach Theben und schlägt vor der
Stadt sein Lager auf. t
Noch in der Nacht beruft Eteocles seine Getreuen, um ihren Rat
zu hören. Zuerst weist er jeden Versöhnungsversuch zurück. Als
aber die Barone ihm harte Worte sagen und Jocaste ihn flehentlich
bittet, willigt er ein, einen Gesandten an Polynices zu schicken. Keiner
will die Botschaft aus Furcht vor der Rache des Tydeus übernehmen.
Da erklärt sich Jocaste dazu bereit, und mit ihren Töchtern Antigone
und Ismene geht sie in das griechische Lager. Drei Ritter, unter
denen sich Parthenopaeus befindet, holen sie ein. Parthenopaeus ver-
liebt sich auf dem Wege in Antigone und findet bei ihr Erhörung
seiner Liebe. Jocaste wird mit Auszeichnung empfangen, aber Adrastus
geht auf die Friedensbedingungen nicht ein, obwohl Polynices zur
Versöhnung gestimmt ist. Während dessen töten griechische Knappen
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einen gezähmten Tiger eines Thebaners und werden deshalb von den
hierüber aufgebrachten Feinden verfolgt. Hieraus entwickelt sich bald
eine allgemeine Schlacht, in der die Thebaner hart mitgenommen
werden. Parthenopaeus erobert das Pferd des Yomer und lässt es
durch einen Knappen der Antigone als Geschenk überbringen. Capaneus
treibt mit seiner Schar mehr als 10000 Ritter in einen Teich am Fusse
der Stadtmauer und wird nur durch griechisches Feuer am Eindringen
in die Stadt gehindert. Als Eteocles von der Niederlage der Thebaner
hört, beginnt er noch einmal die Schlacht, und erst Polynices setzt auf
die Bitten der Jocaste dem Kampfe ein Ziel. Nochmals bemüht sich
die Königin vergebens, die bei ihr versammelten Fürsten zum Frieden
zu bewegen, und unverrichteter Sache kehren die Frauen in Begleitung
von Polynices, Tydeus und Parthenopaeus nach der Stadt zurück. Mit
einem Geleitsbrief versehen begeben sich die drei Ritter mit in den
Königspalast, wo sie Oedipus auf einem prächtigen Bette liegen finden.
Eteocles zieht sich zornig mit seinen Freunden zurück. Polynices de-
mütigt sich vor seinem Vater und setzt ihm sein gutes Recht ausein-
ander. Als aber Oedipus Eteocles herbeirufen lässt, will dieser von
nichts hören, droht vielmehr seinem Bruder und weist Oedipus barsch
auf seine Kammer. Da wird dieser erregt. Trauernd erzählt er, wie
durch ihn das Unglück und die Sünde in sein Geschlecht gekommen
sei, wie er gebüsst und sein Reich seinen Söhnen gegeben habe. Ein
böses Ende sagt er voraus, da die Götter ihn mit ihrem Hasse ver-
folgten. Inzwischen legt sich ein Ritter, dessen Onkel von Tydeus
getötet war, mit 300 Gefährten vor der Stadt in einen Hinterhalt. Der
Knappe des Tydeus aber, welcher die Verräter belauscht hat, benach-
richtigt den Seneschall des Tydeus, der sich gleichfalls mit einer Schar
in den Hinterhalt legt. Polynices und seine Genossen retten sich durch
eilende Flucht. Die sie verfolgenden Feinde stossen auf die ver-
steckten Griechen, und es entspinnt sich ein Kampf, in den bald die
in der Nähe lagernden Griechen hineingezbgen werden, und der mit
der Flucht der Verräter endet. Aber Amphiaraus und 1000 Ritter
werden von der Erde verschlungen. Bei den Belagerern herrscht
grosse Trauer wegen dieser Zornesäusserung der Götter, und Adrastus
beruft eine Versammlung der Barone. Diese entscheiden sich jedoch
für Fortsetzung der Belagerung, und nachdem ein neuer Oberpriester,
Tiodamas, gewählt und den Göttern ein Sühnopfer gebracht ist, schliesst
sich sogleich die Erde. Sofort beginnen die Griechen wieder den
Kampf. Heldenthaten des Isaeus, des Grafen Alexis von Arcadien,
des TJiebaners Agenor und des Menesteus. Creon legt sich in einen
Hinterhalt und schlägt die Schar des Polynices in die Flucht. Dieser
wird sogar von zwei thebanischen Brüdern gefangen genommen, doch
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gleich wieder freigegeben. Athon, der Verlobte von Ismene, welcher
sich ohne Panzer in die Schlacht gewagt hat, wird von Tydeus ganz
wider dessen Willen tötlich verwundet. Tydeus lässt den tapfern
Jüngling auf seinem Schilde nach Theben tragen, und die Thebaner
heben ein grosses Klagen an. Ismene ist durch einen bösen Traum
erschreckt, und als sie das Jammergeschrei hört und die Bahre sieht,
ahnt sie den Tod ihres Geliebten und sinkt ohnmächtig zu Boden.
Dann wirft sie sich über den Leiclmam und macht ihren Schmerzen
in langen Klagen Luft. Nach der Bestattung zieht sie sich von der
Welt zurück und gründet ein Frauenkloster.
Am andern Morgen reitet der König zum Kampfe aus der Stadt.
Bei ihm sind seine treuen Verbündeten, der Jude Salatiel, Diogenes,
Herzog von Sur, Piraeus, Graf von Marseille, Agrippa, Graf von Si-
cilien, der Engländer Godris u. s. w. Tydeus kämpft der Reihe nach
mit allen diesen. Als er aber Eteocles bedrängt, wird er von dem
Thebaner Menalipus tötlich getroffen. Sein Tod erfolgt bald und die
Griechen erheben ein grosses Wehklagen. Eteocles, welcher hieraus
den Tod des Tydeus schliesst, macht einen Ausfall, um den Leichnam
zu rauben. Erbitterter Kampf des Eteocles und Polynices. Hippo-
medon verteidigt aber den Leiclmam tapfer, und erst nachdem Eteocles
durch eine List den Hippomedon fortgelockt hat, gelingt es ihm, sich
der Leiche zu bemächtigen. Um den Hals derselben wird ein Strick
gebunden, an dem sie von 500 Sklaven geschleift wird. Als Eteocles
ein Lösegeld von Jen Vasallen des Tydeus zurückweist, wollen diese
verzweifelt nach Hause zurückkehren, und nur mit Mühe hält sie
Adrastus davon ab.
Allmählig werden die Lebensmittel im Lager sehr knapp, und
Hippomedon fordert desshalb die Eingeborenen bei Strafe ihres Lebens
auf, ihn zu einer Fouragirung in eine fruchtbare Gegend zu führen.
Mit 1000 Rittern und vielen Lasttieren bricht er unter ihrer Führung
nach einem reichen Lande an der Donau auf und dringt nach einem
siebentägigen, mühsamen Marsche des Nachts durch den einzigen
Zugang im Gebirge in dasselbe ein. Grosse Beute fällt den Griechen
zu. Eteocles, der von dem Zuge erfahren hat, lauert den Zurück-
kehrenden mit 3000 Mann in einem Hinterhalt auf. Die Vorhut des
Hippomedon bemerkt aber die Feinde und benachricht ihren Führer
davon. Mutig tritt dieser den Thebanern entgegen, obgleich er sie
auf Umwegen hätte umgehen können, schlägt sie und kommt zur
grossen Freude des ausgehungerten Heeres glücklich wieder im Lager
an. Bei dieser Expedition war Alexander, der Sohn des Thebaners
Danus, des Roten, welcher in Theben einen festen Turm zu Lehen
hatte, gefangen genommen. Polynices verspricht dem Darius, seinen
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Sohn gegen Überlieferong des Turmes frei zu geben, und nach einigem
Bedenken erklärt dieser entweder Eteocles zum Frieden bestimmen
oder den Turm überliefern zu wollen. Als Eteocles zornig über ein
solches Ansinnen den Darius mit dem Stocke schlägt, liefert der Ver-
räther in der Nacht den Turm aus. Aber schon am nächsten Tage
wird derselbe durch eine Mine eines thebanischen Ingenieurs zu Fall
gebracht und zurückerobert
Eteocles will den Darius verbrennen lassen, doch Othon erlangt
vom Könige, dass der Verräter vor ein Gericht der Barone gestellt
wird. Da nun ein Teil der Barone Partei für den Angeklagten nimmt
und dessen Handlungsweise zu rechtfertigen sucht, kommt man überein,
eine Gesandtschaft an den König zu schicken, um diesen zur Milde
zu stimmen. Unverrichteter Sache kehren die Abgesandten zurück,
und die Gerichtsverhandlungen nehmen ihren Fortgang. Der König
wird zuletzt ungeduldig und lässt die Richter in seinen Palast ent-
bieten, wo die Beratung fortgesetzt wird. Schliesslich will Daniel das
Todesurteil verkünden. Da springt Darius zornig auf und fordert
jeden heraus, der ihn des Verrates zeihe, und als Jocaste, Antigone
und Salamandre, die schöne Tochter des Verräters, welche der König
sehr liebt, für Darius um Verzeihung flehen, und dieser selbst um
Gnade bittet, giebt Eteocles endlich nach. Den Alexander rettet
Polynices vor den aufgebrachten Griechen, indem er ihm ein schnelles
Pferd giebt und zu seinem Vater zurückschickt.
Da man einsah, dass Theben durch Gewalt nicht bezwungen
werden konnte, wandte Hippomedon eine List an. Das Heer zog
nach Vorausschickung der Bagage ab, und Hippomedon mit 20,000
Rittern bildete die Nachhut. Wie man erwartet hatte, machten sich
die Feinde zur Verfolgung auf. Es kam zum Kampfe, und die The-
baner mussten sich nach grossen Verlusten vor der überlegenen Streit-
macht der Griechen zurückziehen. Hippomedon fand in dieser Schlacht
seinen Tod, indem er von der Strömung eines Flusses fortgerissen wurde
und ertrank. Eteocles, welcher oft allein vor der Stadt kämpfte, um
sich unter den Augen der Salamandre auszuzeichnen, traf einst inBegleitung
von Alexander und Drias mit Parthenopaeus undDuceus zusammen. Par-
thenopaeus wollte den viel schwächeren Eteocles nicht töten, sondern hob
ihn nur aus dem Sattel, wurde aber aus Rache dafür von Drias trotz des
Verbotes von Eteocles auf den Tod verwundet. Der Gedanke an seine
Mutter macht ihm grossen Kummer, und er bittet Duceus, sie in schonender
Weise von seinem Tode zu benachrichtigen. Sein Seneschall soll reiche
Schätze unter seine Ritter verteilen. Dann stirbt er, und trauernd bringen
Duceus und Eteocles seinen Leichnam nach Theben. Antigone ist
untröstlich über den Tod des Parthenopaeus und stirbt vor Kummer,
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Im Lager ruft die Trauerbotschaft gleichfalls grosse Bestürzung, hervor,
aber Adrastus ermutigt das Heer und fordert zur Rache auf. Eine
heisse Schlacht findet am andern Tage statt. Eteocles trifft mit Po-
lynices hart zusammen und fällt nach erbittertem Kampfe. Mitleidig
steigt Polynices vom Pferde, umarmt und küsst seinen Bruder und
beklagt dessen Tod. Eteocles aber durchbort mit Anstrengung seiner
letzten Kräfte den nichts ahnenden Polynices, und beide hauchen zu-
sammen ihr Leben aus.
Da giebt Adrastus das Zeichen zum Sturm. Aber alle Griechen
werden durch Steine, welche die Belagerten von der Mauer herab-
wälzen, zerschmettert mit Ausnahme des Adrast, Capaneus und eines
schwer verwundeten Ritters, der die Unglücksnachricht nach Argos
bringt
Die Argiverinnen ergreift die Verzweiflung. Sie beschlossen,
nach Theben aufzubrechen und die Leichen ihrer Angehörigen zu be-
statten. In ungeordnetem Zuge, mit Beilen, Hacken und Schaufeln
versehen, ziehen sie ungehindert durch Griechenland, da alle Mitleid
mit den unglücklichen Frauen empfinden. Unterwegs schhessen sich
ihnen Adrastus und Capaneus an, und einen mächtigen Verteidiger
ihrer Sache finden die Frauen in dem König Theseus von Athen, der
ihnen zufällig mit einem Heere begegnet und seine Hülfe zusagt.
Gesandte werden an Creon, den neuen König von Theben, geschickt,
um die Leichen zu verlangen, und als dieser die Übergabe verweigert,
beginnt der Sturm auf Theben. Auch die Frauen beteiligen sich
daran und zerkratzen in ihrer Wut die Mauern mit den Nägeln.
Capaneus wird von einem Felsen das Haupt zerschmettert Es ge-
lingt den Frauen, einen Teil der Mauer zum Einsturz zu bringen.
Theseus dringt durch die Bresche ein und zerstört die Stadt Creon,
der sich nicht ergeben will, wird gehängt. Die Frauen begraben die
Leichen, und Eteocles und Polynices werden auf einem Scheiterhaufen
verbrannt. Aber selbst noch die Flammen kämpfen gegen einander,
und die Asche setzt in der Urne den Streit fort. Thesus kehrt mit
den Kriegsgefangenen nach Athen zurück, während die Frauen unter
Führung des Adrast nach Argos ziehen.
Das Gedicht schliesst mit der Aufforderung des Verfassers nichts
Widernatürliches zu thun, um nicht ein Schicksal wie das des Oedipus
mnd seiner Söhne zu erleiden.
Den Erfolg des Romans von Theben kann man, abgesehen von
den vielen Bearbeitungen in Prosa (vgl. Constans, La lögd. d'Oed.
S. 315 ff.) und häufigen Anspielungen darauf bei späteren Dichtern
(Constans, a. a. 0., S. 349 ff), am besten daraus ersehen, dass auch er wie
viele berühmte Epen des Mittelalters gewissermassen eine Einleitung
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und Fortsetzung in den Romanen von Ypontodon und ProtosilMS
erhalten hat. Da diese beiden Romane noch nicht gedruckt und
wenig bekannt sind, so begnüge ich mich mit der blossen Erwähnung
derselben.
Vielfache Berührung mit dem Roman von Theben zeigt der
Roman von Athis und Prophilias, welcher zum Teil von A. Weber,
Athis und Prophilias, Staefa 1881 und von H. Borg, Sagan on Athis
och Prophilias, Upsala 1882 gedruckt ist Das Gedicht zerfallt in
zwei Teile, deren zweiter mit v. 2439 beginnend eine Recapitulation
des bereits Erzählten und ziemlich trockene Betrachtungen über die
Freundschaft enthält Sein Charakter ist ein von dem ersten Teile
wesentlich verschiedener und deshalb stellt Weber nach dem Vor-
gänge W. Grimms (Athis und Prophilias, Berlin 1846, S. 48 — 53) die
Hypothese einer zweifachen Autorschaft auf. Als Dichter des ersten
Teiles nennt sich ein gewisser Alexander, dessen Identität mit Alexandre
de Bernay, dem einen Verfasser des Roman d' Alixandre, jedoch
höchst unwahrscheinlich ist Weber nimmt nicht, wie W. Grimm, eine
neugriechische Bearbeitung der Sage von den beiden Freunden etwa
aus dem 11. Jh. als Quelle des ersten Teiles an, sondern hält diesen
für eine französische Originaldichtung. Freilich ist es nach ihm nicht
ausgeschlossen, dass ein griechischer Roman (ev. eine lat. Übersetzung
desselben) den Stoff zu unserem französischen Gedichte lieferte, aber
in diesem Falle betrachtet er die Nachbildung nicht als eine unmittel-
bare, sondern als eine durch mündliche Tradition vermittelte. L. Con-
stans ist geneigt eher byzantinischen als griechischen Einfluss anzu-
nehmen.
Der Roman von Partonopeus p. p. Crapelet, Paris 1834 trägt
nur den Namen eines Helden aus dem thebanischen Sagenkreise, hat
aber im übrigen mit demselben nichts zu tun. Sein Inhalt ist der
Mythus von Amor und Psyche.
Eine Erzählung, die, wie wir aus dem Inhalte derselben ersehen
werden, viele Anklänge an die Oedipussage hat, liegt vor in der
Gregor-Legende (La vie du pape Gr6goire le Grand, p. p. Luzarche,
Tours 1854).
„Ein Graf von Aquitanien hinterlässt einen Sohn und eine Tochter,
die eine sündhafte Neigung zu einander fassen. Die Frucht derselben
ist ein Sohn, der in einem Kahne dem Meere preisgegeben wird. Der
junge Graf stirbt auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem, und seine
Schwester wird Herrin des Landes. Zwei Klosterfischer finden das
Knäblein auf hohem Meere. Sie nehmen es mit zum Kloster, und
von einem der Fischer wird es auf Befehl des Abtes erzogen. Als
dev Knabe herangewachsen ist und ihm einst von seiner Pflegemutter
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Beine Abkunft vorgeworfen wird, hält es ihn nicht länger im Kloster,
sondern vom Abte mit Pferd und Rüstung beschenkt, macht er sich
auf die Suche nach seinen Eltern. Gregor, so hiess der Jüngling,
tritt in die Dienste seiner von ihren Feinden bedrängten Mutter, be-
siegt dieselben und heiratet seine Mutter. Als diese aber durch Zufall
erfährt, wer ihr Gemahl ist, trennen sich beide. Gregor zieht ein
Bettlergewand an, um Busse zu tun, und lässt sich von einem Fischer
an eine einsame Felsklippe im Meere mit eisernen Fesseln schliessen.
Nur von dem Wasser des Himmels ernährt er sich 17 Jahre dort.
Nach Ablauf dieser Zeit wird er auf die Weisung Gottes durch Ge-
sandte aus Rom aus dieser traurigen Lage befreit und zum Papst
gewählt. Als seine Mutter, herbeigezogen durch den Ruf der Heiligkeit
des neuen Papstes, diesem ihre Sünde beichtet, erkennt sie in ihm
ihren Sohn und Gatten wieder. Auf seine Aufforderung entsagt sie
der Welt und zieht sich in ein Kloster zurück. a
Wie bei der Oedipus-Legende , so finden wir auch hier die un-
bewusste Blutschande eines Sohnes mit seiner Mutter und die schwere
Busse desselben. Aber es fehlt der Vatermord und die Weissagung,
welche unabwendbar in Erfüllung gehen musste. Eine neue Blut-
schande kommt hinzu, und die Entwicklung ist eine ganz andere.
Nach Comparetti (Edipo e la mitologia comparata S. 87) liegt
der Ursprung der Gregorlegende in der christlichen Idee, dass Gott
barmherzig ist und um Christi willen denen ihre Sünden vergiebt,
welche sie aufrichtig bereuen. Diese Idee, nach der es kein noch
so scheussliches Verbrechen giebt, welches nicht durch aufrichtige
Busse Vergebung finden könnte, regte die Einbildungskraft der Dichter
an und gab Veranlassung zur Abfassung von Legenden. Nach Gaston
Paris (Revue critique 1870, I. 413) hat der Verfasser der Gregor-
Legende die heidnische Erzählung nicht gekannt; denn da im all-
gemeinen die mittelalterlichen Dichter ihren Vorlagen ziemlich un-
selbständig gegenüber ständen, sei cs nicht anzunehmen, dass der
Verfasser der Gregor -Legende seine Vorlage so vollkommen um-
gearbeitet habe. G. Paris ist geneigt eine orientalische Quelle an-
zunehmen. Auch L. Constans (La lögende d’Oedipe S. 111 ff.) fuhrt
aus, dass an ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Gregor-Legende
und der Sage von Oedipus nicht zu denken sei und hält eine Be-
kanntschaft mit den Thatsachen der antiken Sage für den mittel-
alterlichen Dichter durchaus nicht erforderlich.
Ausser der altfranzösischen Bearbeitung haben wir auch noch
mittelenglische und den Gregorius Hartmanns von der Aue. Über das
Verhältniss derselben spricht Neussell, Über die afr.,.mhd. und me.
Bearbeitungen der Sage von Gregorius, Halle 1886,
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Die Romane von Julius Caesar.
Wie die Thebais des Statius, so fanden auch die Pharsalia des
Lucan, welche den Kampf zwischen Caesar und Pompejus bis zur
Belagerung von Alexandria behandeln, ihre französischen Bearbeiter,
da Caesar im Mittelalter allgemein als der Gründer des römischen
Kaiserreichs angesehen wurde uud seine Berühmtheit grösser als die
von Augustus und Constantin war.
Jean de Tuim, ein Geistlicher aus dem Hennegau h schrieb im
13. Jh. einen Prosa -Roman von Julius Caesar, den Settegast unter
dem Titel „Li hystore de Julius Cesar“, Halle 1881 herausgegeben hat
Die Quellen des Romans sind die Pharsalia Lucans, die Commentare
Caesars über den Bürgerkrieg und die Fortsetzungen desselben: De
bello Alexandrino, De bello Africano und De bello Hispaniensi.
Manches ist der eigenen Phantasie des Verfassers entsprungen, so die
Schlachtenschilderungen und die umständliche Erzählung des Liebes-
verhältnisses zwischen Caesar und Cleopatra, das Lucan nur andeutet.
Weniger Interesse als die Hystore bietet der Roman von Jacot
de Forest (circa 9800 Alexandriner in Tiraden), der im wesentlichen
eine Versification der Hystore ist. Ohne Zweifel hat Jacot aber ausser
der Hystore auch noch lateinische Quelleu aushülfsweise benutzt, wie
die Pharsalia und Caesars Commentare über den Bürgerkrieg. Der
Roman unterscheidet sich wie die Hystore dadurch von Werken ähn-
licher Art, dass er sich nur wenig von seiner indirecten Vorlage, den
lateinischen Texten, entfernt und ziemlich frei von jenen Abschwei-
fungen ist, in denen sich die Bearbeiter antiker Stoffe so sehr gefallen.
Deswegen habe ich es nicht für nöthig gehalten, eine Analyse beider
Werke zu geben.
Der Cyclus von Alexander dem Grossen.
Alle fabelhaften Erzählungen, welche über Alexander den Grossen
im Orient und Occident im Umlauf waren, gehen direct oder indirect
auf eine Redaction des griechischen Werkes von dem sogen. Pseudo-
Callisthenes *) zurück, das gegen das 3. Jahrh. in Alexandria verfasst
eine Zusammenstellung der volkstümlichen und gelehrten Alexander-
sagen gab. Dieses Werk bezeichnet einen bedeutsamen Abschnitt in
der Alexanderdichtung, denn mit ihm findet die Bildung der volks-
tümlichen Sagen ihren Abschluss und in ihm liegen die Keime für den
*) P. Meyer, Alexandre le Grand dans la littdrature fran^&ise du moyen
age, Paris 1886. III, 1—7. J. Zacher, Pseudo - Callisthenes, Forschungen zur
Kritik und Geschichte der ältesten Aufzeichnung der Alexandersage, Halle 1867.
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grössten Teil der mittelalterlichen Bearbeitungen der Sagen von dem
macedonischen Helden. Der Erfolg des Pseudo - Callisthenes war ein
grosser, wie wir aus der grossen Zahl der noch erhaltenen Hss.
schliessen können. Die Hss., welche man in 3 Klassen teilen kann,
weichen sehr von einander ab und lassen den Originaltext nur mangel-
haft erkennen. Diesen construirt man sich besser aus drei sehr alten
{Versetzungen, der ältesten lateinischen des Julius Valerius, der
armenischen aus dem 5. Jahrh. und der nicht viel jüngeren syrischen.
Durch die Vermittelung des Lateinischen wurde das Abendland mit
der Alexandersage bekannt. Von den zwei lateinischen Übersetzungen
des Pseudo - Callisthenes ist die älteste die von Julius Valerius, hgg.
von K. Müller, Paris 1846. Zacher setzt ihre Vollendung vor 340
(Pseudo-Call. , S. 84), da sie eine der Quellen des Itinerarium
Alexandri bildet, welches zwischen 340 und 345 verfasst ist. Das
Werk des Julius Valerius scheint nach der geringen Zahl der Hss. zu
urteilen in dieser Form nicht sehr beliebt gewesen zu sein. Erst ein
Auszug aus demselben das sogen. Epitome (hgg. von Zacher, Halle
1867), dessen Abfassung in das 5. JahrL fällt, erzielte einen grossen
Erfolg und diente den meisten mittelalterlichen Bearbeitungen der
Alexandersage als Quelle. Über das Verhältnis des Epitome zu Julius
Valerius vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 19 ff.
Ein Mittelglied zwischen J. Valerius und dem Epitome glaubt
P. Meyer (a. a. 0. S. 20 ff ) in der Hs. 82 des Corpus Christi College
zu Oxford entdeckt zu haben.
In mancher Beziehung eine Ergänzung des Epitome ist der Brief
Alexanders an Aristoteles über die Wunder Indiens, der in den Hss.
häufig hinter dem Epitome bteht. Ursprünglich machte er einen Teil
des Pseudo-Callisthenes aus, war aber schon zur Zeit des ersten Epi-
tomators des Valerius davon losgelöst und bildete ein selbständiges,
kleines Werk. Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 26 — 28.
Ausser dem eben besprochenen Briefe findet sich oft in den Hss.
ein Briefwechsel zwischen Alexander und Dindimus, dem Könige der
Brahmanen. Wenn dieser auch in den ältesten Aufzeichnungen des
Pseudo-Callisthenes uns noch nicht begegnet, so ist doch schon die
Idee dazu in dem philosophischen Dialoge mit den Brahmanen und
ihrem Könige Dandamis gegeben. Ein byzantinischer Rhetor hat nun
auf Grund dieses Dialogs die Briefe geschrieben und ein selbständiges
Werk daraus geschaffen, das später in eine der jüngsten Redactionen
des Pseudo - Callisthenes eingeschoben wurde, nämlich in die, nach
welcher der Archipresbyter Leo seine lateinische Übersetzung anfertigte.
Nicht ausgeschlossen, doch höchst unwahrscheinlich ist, dass Leo selbst
die Briefe einschaltete. Vgl, P. Meyer a. a. 0. S. 28—34.
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Eine weitere Bereicherung erfuhr die Alexanderdichtung, als um
die Mitte des 10. Jahrh. der soeben erwähnte italienische Archipresbyter
Leo eine ziemlich freie, lateinische Bearbeitung des Pseudo-Callisthenes,
die sog. Historia de proellis (hgg. von Landgraf, Erlangen 1885) an-
fertigte. Vgl. Zacher, Pseudo-Call. S. 108 ff. und P. Meyer a. a. O.
S. 34—44 Nach P. Meyer hat diese Version keiner der ältesten alt-
französischen Bearbeitungen als Vorlage gedient, da sie höchst wahr-
scheinlich erst gegen das Ende des 13. Jh. durch eine einfache Prosa-
übersetzung in Frankreich bekannt wurde. Doch von da ab gewann
die Üebersetzung Leos bald an Bedeutung und drängte das Epitome
gänzlich in den Hintergrund.
Zu den lateinischen Erzählungen, die im Pseudo-Callisthenes ihren
Ursprung haben, gehört nach Zaracke (Über das Fragment eines latei-
nischen Alexanderliedes in Verona in den Abh. der Kgl. Sächs. Aka-
demie der W., philos. -hist. Klasse 1877, S. 57 — 69) ein kleines, ryth-
misches Gedicht des 9. Jh. in Strophen von 3 ungereimten 15-Silbnern.
Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 44-46.
Die bis jetzt genannten Werke sind die Hauptquellen für die ro-
manischen Bearbeitungen der Alexandersage. Doch daneben haben die
romanischen Schriftsteller ganz abgesehen von den Geschichtsschreibern
des Altertums auch gewisse apocryphe Schriften benutzt, welche un-
abhängig von Pseudo-Callisthenes sind. Die wichtigste unter diesen ist
das kleine Werk, welches unter dem Namen Alexandri magni iter ad
Paradisum bekannt und mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit in der
ersten Hälfte des 12. Jh. abgefasst ist. In der französischen Litteratur
findet man verschiedentlich seine Spuren wieder. Vgl. P. Meyer a. a. O.
S. 47 — 51.
Wenn auch das Mittelalter im allgemeinen alle diese fabelhaften
Erzählungen von Alexander für wahr hielt, so wurden doch schon seit
dem 12. Jahrh. Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit laut. Beweist dies
direct die Einleitung des Alexanderfragmentes von Alberich von Be-
sauen, so haben wir einen indirecten Beweis in der Alexandreis des
Gautier von Chätülon, welcher dem Quintus Curtius als Quelle folgte.
Auch ein lat. Compilator aus der Abtei Saint -Alban in England,
der höchst wahrscheinlich um die Mitte des 12. Jh. schrieb, scheint
dieselben Zweifel gehegt zu haben, da er Justin, Orosius, Josephus etc.
als Vorlage benutzte. Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 52—63.
Ganz unkritisch ging dagegen wieder ein späterer Compilator vor,
ein englischer Ordensgeistlicher des 14 Jh., indem er das Epitome des
Valerius mit der Compilation von St- Alban verschmolz. Sein Werk
ist, soweit bis jetzt bekannt, nur in der Hss. 299 der Collection Douce
in der Bodleiana erhalten. Vgl. P. Meyer a. a. O. S. 63 — 68.
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Die älteste französische Bearbeitung der Alexandersage liegt uns
vor in dem fragmentarisch erhaltenen Roman des Alberich von Be-
Sanken«. Der Name des Verfassers ist nur aus einer mhd. Bearbeitung
des Romans, dem Alexanderliede des Pfaffen Lamprecht (12. Jh.) be-
kannt Das französische Gedicht besteht aus 105 Achtsilbnem in Ti-
raden und ist nach P. Meyer in dem Dialecte von Lyonnais oder Dau-
phinö geschrieben. Valerius und authentische Geschichtswerke haben
als Vorlage gedient. Vgl. P. Meyer a. a. 0. S. 69 — 101.
Der Inhalt des Fragments ist mit kurzen Worten folgender:
Alberich weist die Behauptung einiger Dichter, dass Alexander
der Sohn eines Zauberers sei, als Verleumdung und Lüge zurück und
nennt die wahren Eltern Alexanders. Grosse Zeichen geschehen bei
der Geburt des Helden, die Erde erbebt und die Sonne verliert ihren
Schein. Alexanders Körper ist ungewöhnlich ausgebildet Schon nach
einem Jahre kann er besser laufen als andere Kinder nach sieben.
Alle Künste und Wissenschaften lernt er. Ein Lehrer unterrichtet ihn
im Griechischen, Lateinischen, Armenischen und Hebräischen, ein
anderer in der Führung der Waffen, ein dritter in der Rechtswissen-
schaft, ein vierter in der Musik und ein fünfter im Vermessen des
Landes. Damit bricht das Fragment ab.
Das Werk Alberichs dient einem französischen Gedichte in Zehn-
silbnem als Grundlage. Dieses bildet in den beiden uns bekannten
Hss. einen Teil eines grösseren Werkes, denn nach 804 bezw. 705
Zehnsilbnern, welche mit dem Siege Alexanders über Nicolas aufhören,
fährt der Roman in Alexandrinern fort, die mit dem Gedichte Lam-
berts des Krummen und Alexanders von Paris identisch sind. Zwischen
beide Teile ist eine gewisse Anzahl von Tiraden eingeschoben, welche
teils dem Roman d’Alixandre entlehnt sind, teils das Werk des Ordners
zu sein scheinen, der beide Teile aneinandergefügt hat. Der Verfasser
der Zehnsilbner ist der Clerc Simon. P. Meyer hält ihn auch für
den Arrangeur des ganzen Gedichtes. Aus sprachlichen Eigentümlich-
keiten schliesst derselbe Gelehrte, dass das Gedicht in Zehnsilbnern
dem Süden des französischen Sprachgebietes und höchst wahrscheinlich
dem westlichen Teile desselben angehöre. Ueber das Quellenverhältnis
vgl. P. Meyer, a. a. 0. S. 114 ff.
Von allen französischen Bearbeitungen erlangte die grösste Be-
rühmtheit der Alexander-Roman von Lambert 11 Tors und Alexandre
de Paris. Die Hss. sind sehr zahlreich und weichen zum Teil be-
deutend von einander ab, sei es infolge von Umstellungen und Aus-
lassungen oder Hinzufügung ganzer Episoden oder sei es infolge Um-
arbeitung mehr oder weniger grosser Partieen. Da die einzige bis jetzt
vorhandene Ausgabe des Romans (Li romans d’Alixandre par Lambert
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li Tors et Alexandre de Bernay , hgg. von H. Michelant , Stuttgart,
1846) nur nach einer, noch dazu mittelmftssigen Hs. angefertigt wurde,
ist es unbedingt notwendig, direct auf die Hss. zurückzugehen, um
eingehende Studien über die Abfassung des Gedichtes zu machen.
Dieser Aufgabe hat sich P. Meyer mit vielem Fleisse unterzogen. Er
teilt den Roman in eine ziemlich grosse Zahl von willkürlich ange-
nommenen Abschnitten, welche er einzeln analysirt und auf ihre
Quellen hin untersucht.
Es ist mir an dieser Stelle natürlich nicht möglich, eine genaue
Analyse zu geben. Ich muss mich damit begnügen, den Gang des
Romans nach der Ausgabe Michelants skizzenhaft anzudeuten und im
übrigen auf P. Meyer zu verweisen.
Prolog. Kindheit Alexanders. (Ausg. Michelant, S. 1 — 15.)
Im Prolog erklärt der Dichter offen, dass der Roman kein Original-
werk sei. Er preist seinen Stoff und giebt seiner Verachtung gegen
die baitars troviors Ausdruck. Dann geht er zu dem eigentlichen
Thema über. Alexander wird unter ungewöhnlichen Naturerscheinungen
als der Sohn Philipps von Macedonien und dessen Gemahlin Olympias,
einer tugendhaften, makellosen Frau, geboren und wächst unter der
Leitung des Aristoteles und des Natanabus , eines grossen Zauberers,
heran. Ein Traum, den er in seinem zehnten Jahre hat, verheisst ihm
die Herrschaft über die Welt. Den Natanabus stürzt er von einem
Feben herab, weil diesen ein böses Gerücht als seinen Vater bezeichnete.
Er bändigt den Bucephalus, ein Pferd von scheusslicher Gestalt, und
empfängt in seinem dreizehnten Jahre auf den Rat der Barone mit
300 edlen Altersgenossen den Ritterschlag. Vgl. P. Meyer, S. 137—43.
Krieg gegen Nicolas. (Mich. S. 15—45). Bei der Feier dieses
Festes kommt ein Bote vom König Nicolas von Caesarea, um den schuldigen
Tribut von Philipp zu fordern. Alexander antwortet ihm kühn und
ablehnend und beruft seine Vasallen, aus denen er sich 12 Pairs als
Heerführer auswählt, zum Kriege. Nicolas wird in einer Schlacht ge-
schlagen und flüchtet sich nach Caesarea. Um weiteres Blutvergiessen
zu vermeiden, schlägt er dem Alexander vor, den Krieg durch einen
Zweikampf zu entscheiden. Alexander willigt mit Freuden ein; aber
Nicolas ist seiner Tapferkeit nicht gewachsen und fällt Caesarea
wird von den Baronen des Nicolas überliefert und dem Tolome von
Alexander zu Lehen gegeben. Vgl. P. Meyer, S. 143 — 6.
Zug gegen Athen. Zweite Heirat Philipps. (Mich.S.45 — 62.)
Nach der Niederwerfung des Nicolas zieht Alexander vor Athen, welches
seinen Nacken bislang noch keinem Fürsten gebeugt hatte und auch von
ihm vergebens zur Unterwerfung aufgefordert wird. In ihrer Not
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rufen die Bürger die Vermittelung des Aristoteles an, und durch eine
List bewegt dieser seinen Schüler die Belagerung der Stadt aufzuheben«
Auf dem Rückmärsche erhält Alexander die Kunde, dass sein Vater
Philipp auf Betreiben seines Seneschalls Jonas seine Gemahlin Olympias
verstossen und Cleopatra von Pincrmie geheiratet habe. Schnell feilt
er deshalb nach Hause, tödtet Jonas nebst den Getreuen der Cleopatra
und zwingt seinen Vater Cleopatra zu verstossen. Vgl. P. Meyer,
S. 146 — 8.
Krieg gegen Darius. Eroberung des Felsens Aornos.
Einnahme von Tarse. (Mich.S.52 — 74.) Darius, der König der Perser,
welcher über den Tod seines Verwandten Nicolas sehr aufgebracht
ist, lässt Alexander durch einen Gesandten vor seinen Richterstuhl
fordern und ihm befehlen, das eroberte Caesarea herauszugeben. Um-
ringt von seinen 12 Pairs empfängt Alexander den Gesandten, aber
weit davon entfernt, um Gnade zu bitten, erklärt er vielmehr dem
Darius den Krieg und bricht alsbald mit 10000 Kriegern gegen ihn
auf. Der fast unzugängliche Felsen Aornos , den tapfere Krieger ver-
teidigen, wird mit Sturm genommen.
Durch ein Bad, welches Alexander in dem eisigen Wasser eines
Flusses nahm, zog er sich eine gefährliche Krankeit zu und wäre bei-
nahe dem trauernden Heere durch den Tod entrissen, wenn nicht sein
Leibarzt Philipp ihn gerettet hätte. Sein nächstes Ziel war die Stadt
Tarse . Auf dem Marsche dahin zog er durch verzauberte Berge,
welche die Eigenschaft hatten, den Feigen mutig und den Mutigen feig
zu machen. Siegreich marschirte er in Tarse ein und belehnte damit
einen Harfner, dessen Spiel sein Gefallen gefunden hatte. Vgl. P.
Meyer, S. 148—52.
Belagerung von Tyrus. Kämpfe vor der Stadt. (Mich.
S. 75 — 92.) Von da eilte Alexander weiter nach Syrien vor die Mauern von
Tyrus, welches von dem kühnen Herzog Bales verteidigt und wegen seiner
starken Festungswerke für uneinnehmbar gehalten wurde. Doch trotz-
dem suchte Bales den Abzug Alexanders durch Anbieten einer goldenen
Krone zu erkaufen. Als Alexander diese zurückwies und die Be-
lagerung eröflnete, drangen die Tyrer in Bales, die Stadt zu über-
geben. Dieser aber wollte im Vertrauen auf die Hülfe des Herzogs
Betis von Oadres (Gaza) nichts von Übergabe wissen. Ein Ausfall
der Besatzung wurde von Alexander blutig zurückgeschlagen. Vgl.
P. Meyer, S. 152—4.
Die Fouragirung bei Gadres. (Mich. S. 92 — 231.) Da die
Lebensmittel während der Belagerung knapp wurden, schickte Alexander
den Emenidus zu einer Fouragirung nach dem Thale Josaphat in der
Nähe von Gadres ab. Glücklich hatten die Griechen nach hartem
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Kampfe sich grosser Herden bemächtigt , als der Herzog Betis von
Gadres, der sich auf dem Marsche nach Tyrus befand, sie mit grosser
Übermacht umzingelte. Schnell übersieht Emenidus die Grösse der
Gefahr und bittet der Reihe nach die hervorragendsten Krieger seiner
Schar Alexander zur Hülfe zu holen, aber alle weisen dies Ansinnen
entrüstet zurück, weil sie ihre Gefährten nicht im Stiche lassen wollen.
Da ordnet Emenidus seine Schaaren zum Kampfe, und obgleich zu
Anfang schon verwundet, verrichtet er doch Wunder der Tapferkeit mit
seinen Genossen. Als aber die Not immer grösser wird, überbringt
Aristes, aus vielen Wunden blutend, Alexander die Botschaft, das
Heer eilt zur Hülfe herbei, und Betis wird nach erbittertem Wider-
stande in die Flucht geschlagen. Alexander mit den frischen Mann-
schaften folgt ihm eilends, während Emenidus mit seiner Schar langsam
hinterdrein zieht. Da wird der letztere von dem Admiral der Arcois
und dem Herzog von Naman angegriffen, fast dieselben Scenen wie
wenige Tage zuvor wiederholen sich, und der zu Hülfe herbeigeholte
Alexander rettet seine Getreuen zum zweiten Male vom Verderben.
Inzwischen hat Bales durch einen Ausfall die Belagerungsarbeiten
zerstört und eine Anzahl gefangener Griechen grausam getötet Zornig
eilt Alexander deshalb nach Tyrus zurück, schliesst es zu Lande und
zu Wasser eng ein und geht dann zum Sturme über. Von einem Be-
lagerungsturm aus springt er auf die Mauern von Tyrus herab mitten
unter die Feinde. Seine Mannen folgen ihm, und bald ist die Stadt
in den Händen der Griechen. Antipalter wird damit belehnt
Dann macht sich Alexander zur Belagerung von Gadres auf. Auf
dem Wege dahin bemächtigt er sich der Stadt Amme, und nicht lange
nachher fällt auch Gadres. Von dort marschiert das Heer weiter vor
Ascalon, welches freiwillig seine Thore öfinet VgL P. Meyer, S. 164 — 7.
Einzug Alexanders in Jerusale^m. Niederlage des
Darius. (Mich. S. 231—49.) Nach der Besetzung von Ascalon zieht
Alexander durch Syrien nach Jerusalem, wo er mit grossen Ehren auf-
genommen wird. Dann dringt er in Persien ein. Nachdem Darius ver-
gebens versucht hat, Alexander durch leere Drohungen einzuschüchtern,
sammelt er ein grosses Heer. Aber noch einmal bemüht er sich den
Kampf zu vermeiden und bietet Alexander die Hälfte seines Reiches
und die Hand seiner Tochter an. Dieser aber schlägt das Anerbieten
ab, und es kommt auf den Wiesen von Pale zur Schlacht. Darius
wird geschlagen, und seine Mutter, Tochter und Gemahlin werden von
Alexander gefangen genommen, aber mit Achtung und Güte behandelt
Als der Perserkönig davon hört, giebt er seiner Bewunderung für die
Grossmut des Siegers offen Ausdruck. Dieser erobert die Stadt Sis
und schenkt sie der Mutter des Darius.
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Einige Verse nach dieser Stelle bricht die Erzählung einen Augen-
blick ab, um dann in anderer Weise und von einem anderen Erzähler
wieder aufgenommen zu werden. Die den Übergang vermittelnden
Verse berichten, wie Alexander nach der Einnahme von Sis den Darius
verfolgt, wie er sein Zelt an dem Ufer des Danges aufschlagen lässt
und sich mit mehreren Gefährten, darunter Aristoteles, auf die Jagd
begiebt. Dann kommen 3 Verse (Mich. S. 249, 19 — 21), in welchen
der Verfasser Alexandre de Paris uns anzeigt, dass die fuem ds Qadtu
zu Ende ist VgL P. Meyer S. 157 — 61.
Ermordung des Darius und Rache Alexanders an dessen
Mördern. Her ab st ei gen Alex anders auf den Meeresgrund.
(Mich. S. 249 — 266.) Unmittelbar nach dem V erse, wo Alexander von Paris
vorkommt, folgt eine Tirade, die unzweifelhaft einen Anfang bezeichnet:
Or entendäs signor, que ernste estore dist.
Das Ende der Tirade lautet:
1. den de Casteldun, L&mbers li ton, l’escrist,
Qui del latin le traist et en romans le mist
Nach dieser Tirade setzt die Erzählung wieder ein, wo sie abgebrochen
war. Bei der Rückkehr von der Jagd warnt Aristoteles den Alexander
vor der Treulosigkeit der „serfs“ und nach Tisch teilt er seinem Schüler
mit, dass Darius Tribut von ihm fordere. Da macht sich Alexander
gegen Darius auf, der auf die Nachricht hiervon ein Heer sammelt
und den König Porus von Indien um Hülfe bittet Dieser schlägt aus
Furcht seine Bitte ab, das treulose Heer verlässt den Darius und zwei
Verräter ermorden ihn. Alexander veranstaltet seinem gefallenen
Gegner ein prachtvolles Begräbnis und lässt die Mörder hängen. Nach
einem Marsche durch eine von wilden Tieren beunruhigte Wüste steigt
Alexander trotz des Widerspruchs seiner Pairs in einer gläsernen Tonne
in die Tiefe des Meeres hinab, um die Bewohner desselben kennen zu
lernen. Vgl. P. Meyer S. 161 — 1
Expedition nach Indien. Niederlage des Porus. (Mich.
S. 266 — 276.) Alexander verkündigt seinen Gefährten seinen Plan den
Porus anzugreifen und bricht nach Indien auf. Porus wird mit seinem
gewaltigen Heere geschlagen und flieht in die Wüste. Seine Haupt-
stadt und der Königspalast, reich an Schätzen und wunderbaren Kunst-
werken, fallen den Siegern in die Hände.
Die Wunder Indiens. (Mich. S. 276 — 296.) Alexander eilt dem
Porus nach. 150 Führer führen das Heer, welches sehr von Durst
leidet, bis zu einem Flusse, dessen Wasser wegen seiner Bitterkeit
ungeniessbar ist In der Mitte desselben befindet sich eine befestigte
Stadt, und als 400 Ritter sie schwimmend zu erreichen suchen, werden
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sie von IpvpaUsmo* (hippopotames) verschlungen. Zur Strafe lässt
Alexander 100 Führer in den Fluss werfen. In dieser Not beschreiben
ihm zwei Indier den Weg zu einem Teiche mit süssem Wasser, dem
einzigen in Indien. Nach einem beschwerlichen Marsch, auf dem das
Heer fortwährend von allerlei fabelhaften Tieren hart bedrängt wird,
kommt Alexander bei dem Teiche an. Er lässt zahlreiche Feuer und
2000 goldene Lampen am Abend anzünden, welche scheussliche, wilde
Bestien, die von ihrer gewohnten Tränke abgeschlossen sind, nicht ab-
halten, das Lager bis zum Tagesanbruch zu beunruhigen. VgL P. Meyer
S. 166—9.
Ankunft in Batre. Niederlage und Unterwerfung des
Porus. Gog und Magog. (M. 295 — 313.) Am andern Tage macht
sich das Heer wieder auf den Marsch und erreicht die Wiesen von Batre,
wo das Lager aufgeschlagen wird. Porus weilt in Batre und erlangt von
Alexander einen Waffenstillstand. Während desselben hat Alexander,
der sich für einen Kämmerer des Königs ausgiebt, mit Porus eine
Unterredung und stellt seinen Herrn als einen alten, gebrechlichen
Mann dar. Porus freut sich darüber und giebt dem vermeintlichen
Kämmerer einen beleidigenden Brief an Alexander mit Es kommt
zur Schlacht Porus wird besiegt und gefangen genommen, erhält aber
von Alexander sein Reich zurück. Gos und Magos (Gog und Magog),
zwei mächtige Vasallen des Porus, fliehen nach der Schlacht ins Ge-
birge und werden von Alexander verfolgt. Da aber die Verfolgung
aussichtslos ist, lässt Alexander sie durch eine Mauer, welche den Zu-
gang zu dem Gebirge versperrt, einschli essen. VgL P. Meyer
S. 169—70.
Zug Alexanders nach den Säulen desHercules. (Mich.
S. 313 — 18.) Porus führt Alexander zu den Säulen des Hercules und ver-
anlasst ihn den Statuen des Hercules und Liber ein Opfer zu bringen.
Gegen den Rat des Porus rückt das Heer noch weiter vor. Grosse
Scharen von Elephanten greifen die Griechen an, werden aber durch
eine List Alexanders in die Flucht getrieben. VgL P. Meyer
S. 170—2.
Rückmarsch des Heeres. Das gefährliche ThaL (Mich.
S. 318 — 329.) Schliesslich giebt Alexander der Bitte des Porus nach und
kehrt um. Die Otifal , scheussliche Ungeheuer von zwölf Fuss Grösse,
fliehen ohne Kampf. Das Heer hat sehr von Kälte zu leiden und
kommt in ein Thal, aus dem es keinen Ausweg finden kann. Als ein
Stein gefunden wird mit einer Inschrift, die Rettung aus dieser Not
verheisst, wenn jemand freiwillig im Thale zurückbleibe, entschliesst
sich Alexander hierzu, und alsbald findet das Heer einen Ausgang.
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{(V
Im Thale aber bebt und brennt die Erde während der ganzen Nacht,
ein unerträglicher Gestank herrscht, Berge stürzen zusammen und böse
Geister heulen. Erst der Tag setzt dieser Aufregung in der Natur
ein Ziel. Ein Teufel, welcher durch Alexander von einem auf ihm
lastenden Steine befreit wird, zeigt diesem den Weg aus dem Thale,
und wohlbehalten kommt Alexander wieder zu seinem jauchzenden
Heere. VgL P. Meyer S. 173—4.
Ankunft am Ocean. Meerweiber. Die drei wunderwir-
kenden Quellen. (Mich. S. 329 — 35.) Bis an den Ocean zieht der
unermüdliche Krieger. Aber da hier Meerweiber viele Soldaten bethören
und in ein nasses Grab ziehen, bricht er bald von hier wieder auf. Unter-
wegs werden vier riesenhafte, schwarze Greise mit zottigem Körper
und Hirschgeweihen auf dem Haupte mit grosser Mühe eingefangen.
Nach der Aussage des einen befinden sie sich auf der Reise zu drei
verzauberten Quellen, von denen die erste Tote auferweckt, die zweite
Greisen die Jugend wieder verleiht, und die dritte unsterblich macht.
Doch nur einmal im Jahre kann man die letztere sehen. Alexander
befiehlt den Greisen, ihn nach den Quellen zu führen. Zuerst kommt
das Heer zu der wiederbelebenden Quelle. Tote Fische, welche zu-
fällig hineinfallen, werden wieder lebendig^ Dann schickt Alexander
Leute aus, um die Quelle der Unsterblichkeit aufzusuchen und befiehlt
ihnen ausdrücklich, sich nicht darin zu baden. Aber trotzdem badet
ein Macedonier Enoc darin und wird zur Strafe in einen Pfeiler ein-
gemauert Das Heer macht sich wieder auf den Marsch. Vgl. P. Meyer
S. 174—7.
Otifals. Abermaliger Rückmarsch des Heeres. Bis auf
denNabel gespaltene Menschen. Unwetter. (M.S.336 — 9.)
Otifals mit Hundsköpfen greifen die Griechen an. Bis auf den Gipfel der
Berge Aethiopiens dringt Alexander vor, um dann von neuem den
Rückmarsch anzutreten. Grosse, nackte Menschen, bis auf den Nabel
gespalten, töten 500 Krieger. Als das Heer sich zur Verfolgung der-
selben anschickt, erhebt sich ein ungeheuerer Sturmwind, und Feuer,
Schnee und Regen fallen nach einander vom Himmel. VgL P. Meyer
S. 177—80.
Der Wald mit den Mädchen. (Mich. S. 340 — 7.) Zwei alte
Indier führen das Heer weiter zu einem Walde, wo unter jedem Baume
ein bezaubernd schönes Mädchen wohnt. Mit dem Frühling kommen
diese aus der Erde hervor und kehren mit Beginn des Winters dahin
zurück. Aber ein Fluss hemmt den Zugang zu dem Walde, und eine
Brücke, welche hinüberftihrt, wird von zwei keulenschwingenden, goldenen
Statuen bewacht Der eine Greis beseitigt jedoch die Hindernisse bald,
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und jeder der Griechen sucht sich eine Genossin. Nach vier Tagen
des Vergnügens und der Lust scheidet das Heer nur mit grossem
Widerstreben von den Mädchen. Vgl. P. Meyer S. 181 — 2.
Die verjüngende Quelle. Die Bäume der Sonne und des
Mondes. (M. 347 — 56.) Durch ein Thal, wo feuerspeiende Schlangen
hausen und Blut vom Himmel fällt, gelangt das Heer zu der dritten Quelle.
Viele alte Männer werden durch ein Bad verjüngt. Am fünften Tage
erfolgt der Weitermarsch. Zwei Landleute, welche Alexander über
die Wunder Indiens befragt, führen den König mit 400 Rittern zu den
Bäumen der Sonne und des Mondes. Diese verkünden ihm baldigen
Tod durch Gift. Vgl. P. Meyer S. 183—6.
Zweikampf Alexanders und Porus*. Tod des Porus. (M.
S.356 — 69.) Traurig kehrt Alexander nach Indien zurück. Porus schliesst
aus der düsteren Stimmung des Königs auf den unheilvollen Spruch
der Bäume und hält den Zeitpunkt der Rache für gekommen.
Alexander durchschaut ihn zwar, lässt ihn aber grossmütig ziehen.
Beide Gegner sammeln ein Heer und stehen sich bald gegenüber.
Auf Vorschlag Alexanders soll ein Zweikampf zwischen ihm und Porus
den Streit entscheiden. In dem ersten Kampfe tötet Porus zwar den
Bucephalus , wird aber selbst schwer verwundet und muss sich
Alexander übergeben. Doch dieser schenkt ihm das Leben. Nach
Heilung seiner Wunden stellt sich Porus abermals zum Kampfe und
wird nach tapferer Gegenwehr getötet. Den Ariste, einen seiner Pairs,
belehnt Alexander mit Indien. VgL P. Meyer S. 186 — 7.
Verrat des Divinuspater und Antipater. Die Königin
Candace. (M. S. 369 — 382.) Alexander entbietet den Divinuspater und
Antipater nach Babylon, und sogleich fassen diese beiden den Entschluss,
ihren König zu vergiften. Dann geht der Dichter plötzlich zu der Episode
von der Königin Candace über. Auf dem Wege nach Babylon trifft;
den Alexander eine Gesandtschaft der Königin Candace, die ihm reiche
Geschenke überbringt. Bei einer folgenden Gesandtschaft der Königin
befindet sich ein Maler, der in Candaces Aufträge Alexander heimlich
malen muss. Der Sohn der Candace, Candeolus, sucht im griechischen
Lager Hülfe gegen den Herzog von Palatine, den Räuber seiner Frau.
Tolome, welchen Candeolus für Alexander hält, sagt ihm Schutz zu
und schickt Alexander, der in das Geheimnis eingeweiht wird, unter
dem Namen des Antigonus gegen den Räuber. Alexander gewinnt
die Gemahlin des Candeolus zurück. Dieser führt den vermeintlichen
Antigonus zu Candace, um deren Dank entgegen zu nehmen. Die
Königin erkennt aber Alexander in ihm und sucht ihn in ihre Fesseln
zu , schlagen. Doch Alexander widersteht den Versuchungen und kehrt
mit reichen Geschenken in das Lager zurück. Vgl. P. Meyer S. 188.
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— 69 —
Marsch auf Babylon. Aufsteigen Alexanders in die
Luft. Kämpfe vor Babylon. (M. S. 383 — 446.) Alexander setzt
seinen Marsch auf Babylon fort. Unterwegs trifft er auf grifcnsj gewaltige
Vögel, die in ihm die Lust erregen, sich von diesen in die Lüfte
emportragen zu lassen. Er setzt sich in einen leichten, hölzernen
Kasten, an den er sechs grifons bindet und veranlasst sie durch ein
mit einer Lanze hochgehaltenes Stück Fleisch, ihn bis zu den höchsten
Regionen emporzuheben. Das Herabsteigen wird durch Senken der
Lanze bewirkt.
Schliesslich erreicht das Heer das stark befestigte Babylon, und
nachdem dessen Herrscher, der Admiral, durch Anbieten grosser
Schätze den Alexander vergebens zum Abzüge zu bewegen gesucht
hat, beginnt die Belagerung. Ein Ausfall der Babylonier während der
Abwesenheit Alexanders auf der Jagd endet mit dem Rückzuge des
Admirals. Am nächsten Tage überfällt Nabusardas, der Seneschall
des Admirals, mit grosser Uebermacht eine Abteilung des Tolome,
welche im Thale Daniel fouragirt. Umsonst bemüht sich Tolome,
einen Boten an Alexander zu finden. Erst als alles verloren ist, eilt
Dans Clins in das Lager. Alexander kommt schleunigst herbei und
schlägt die Feinde in die Flucht. Der Admiral schickt auf den Rat
seiner Getreuen durch Gesandte einen Brief an Alexander, worin er
ihn auffordert sein Land zu räumen. Ein schallendes Gelächter der
Barone Alexanders ist die Antwort darauf, und am nächsten Tage
kommt es zur Entscheidungsschlacht Das Heer des Admirals wird
geschlagen, er selbst von Alexander getötet und Babylon von den
Siegern leicht erobert. Vgl. P. Meyer, S. 188—192.
Die Amazonen. (M. S. 447 — 58.) Alexander, der jetzt Herr
der ganzen Welt zu sein glaubt, hört von einem Babylonier Sanson
von dem wunderbaren Reiche der Amazonen, und sogleich erfasst ihn
das Verlangen, auch dieses noch zu unterwerfen. Nach einem fünf-
zehntägigen Marsche lagert das Heer an dem Flusse Meothedie , welcher
das Amazonenland rings umgiebt. Die Königin Amabel, von dem
Heranrücken Alexanders benachrichtigt und durch einen Traum er-
schreckt, schickt zwei schöne Jungfrauen mit kostbaren Geschenken
an Alexander, welche ihm das Land der Amazonen als Lehen antragen.
Alexander empfängt die Jungfrauen gnädig und entbietet durch sie
die Königin zu sich. Amabel erscheint mit 1000 Jungfrauen, welche
Kampfspiele vor den Augen des verwunderten Königs auffiihren,
und kehrt mit der Freundschaft des Königs beglückt in ihr Land
zurück. VgL P. Meyer, S. 192 — 5.
Eroberung von Defur und Tod des Herzogs Melcis.
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Der verzauberte Fluss. Aufenthalt in Tarse. Das mensch-
liche Auge. (M. S. 459 — 500.) Auf dem Rückmarsch Alexanders nach
Babylon geht ihn der chaldäische Ritter Gratian, welcher von dem Herzog
Melcis von Chaldaea Unrecht erlitten hat, um Hülfe an. Gern sagt
ihm Alexander diese zu und zieht gegen die Stadt Defur, die von
Dauris und Floridas, Vasallen des Melcis, verteidigt wird. Gleich
in der ersten Schlacht nimmt Emenidus den Floridas gefangen. Am
folgenden Tage kommt Melcis mit einem Heere der Stadt zu Hülfe.
Dans Clins fällt in die Gefangenschaft des Dauris und wird gegen
Floridas ausgewechselt. In der nächsten Schlacht fällt Melcis von
der Hand Gratians, die Chaldaeer werden geschlagen, und Defur kommt
in die Gewalt der Griechen. Dort findet Alexander die schöne Escavie,
die Tochter des Melcis, welche er ihrem Verlobten Dauris als Ge-
mahlin zuführt.
Nach einem langen Aufenthalte in Defur nimmt Alexander den
Marsch nach Babylon wieder auf, gewinnt die Städte Almere und Caras
und kommt nach Tarse, der Residenz der Königin Candace, bei der er
2 Wochen weilt. Von dort führt ihn ein Landmann nach dem Flusse
Sapimcßf welcher die Eigenschaft hat, jeden Habsüchtigen oder Ver-
räter, der daraus trinkt, sogleich verrückt zu machen. Als Alexander
gelegentlich einer Erzählung des Landmanns einen habsüchtigen Sinn
zeigt, wird der Fluss stinkend und rot wie Blut, und ein Hund,
welchen man daraus trinken lässt, stirbt auf der Stelle. Alexander
kehrt nach Tarse zurück, wo er 15 Tage bleibt, um dann nach
Babylon weiter zu marschieren.
Unterwegs sieht er auf einem Stein ein menschliches Auge, das
Aristoteles für den schwersten Gegenstand in der Welt erklärt. Die
grössten Gewichte vermögen es in der That nicht aufzuwägen, aber
sobald es mit Erde bedeckt wird, wiegt es weniger als zwei Byzantiner.
Das ist das Sinnbild des Geizigen, welcher alles begehrt, was er sieht
Endlich kommt Alexander in Babylon an. Vgl. P. Meyer, S. 195 — 202.
Verschwörung des Antipater und Divinuspater. (M.S.
500 — 5.) Der Dichter erzählt die Verschwörung des Antipater und Divinus-
pater, der Herrn von Tyrus und Sidon, bei welcher er an einer früheren
Stelle plötzlich abgebrochen hatte, noch einmal von Anfang an. Ein
Brief der Olympias warnt Alexander, sich vor diesen beiden zu hüten.
Der König lässt sie deshalb nach Babylon entbieten, und unwillig,
man weiss nicht warum, machen sie sich auf die Reise, fassen aber
unterwegs den Entschluss, Alexander durch Gift zu töten. Vgl.
P. Meyer, S. 202 — 3.
Tod Alexanders. (M.S.506— 29.) Im Mai, als Alexander einen
grossen Hoftag hält, wird in Babylon ein sonderbares Monstrum ge-
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Boren, woraus Seher das baldige Ende des Königs weissagen. Dieser
empfindet deshalb grosse Furcht, und bei dem Festgelage müssen ihm
die Diener in nackten Armen aufwarten, weil er Gift in deren Ärmeln
vermutet. Gegen Antipater und Divinuspater hegt er merkwürdiger
Weise jetzt kein Misstrauen mehr, sondern empfängt sie mit grosser
Herzlichkeit und lässt sich von einem derselben sogar bei Tische be-
dienen. Dieser taucht seine Nägel, unter denen das Gift verborgen
ist, unbemerkt in den Becher Alexanders. Sobald der König ge-
trunken hat, flihlt er das Gift und ruft nach einer Feder (vgl. P.
Meyer, S. 204, Anm. 2), um sich zu erbrechen. Da reicht ihm Anti-
pater eine vergiftete, welche seinen Tod ganz sicher macht Als
Alexander sein Ende nahen fühlt, zieht er sich mit seiner Gemahlin
Rosones zurück. Aber da die Griechen draussen unruhig werden und
ihren geliebten Herrscher zu sehen begehren, lässt er sich auf einem
kostbaren Ruhebette unter sie tragen, um seine letzten Verfügungen
zu treffen. Die Herrschaft über die Griechen, Macedonien und Ungarn
giebt er nebst seiner Gemahlin Rosones dem Perdicas, während Tolome
Aegypten und Babylon und die Hand der Olympias erhält. Dans
Clins wird mit Persien, Emenidus mit Nubien und Aristes mit Indien
bedacht. Für Antigonus bestimmt er Syrien, für Filotas Caesarea
und für Lincanor Alenie und Eecomenie. Africa verleiht er Liones,
Griechenland dem Antigonus und Carthago dem Arides. Caulus end-
lich wird mit Gross-Armenien belehnt. Hierauf bricht Alexander be-
wusstlos zusammen, und die Pairs und Rosones machen nach einander
ihrem Schmerze Luft. Noch einmal kommt er zum Bewusstsein, um
seinen Pairs die Eroberung Frankreichs und Englands zur Pflicht zu
machen. Dann stirbt er unter den Wehklagen der Soldaten und des
ganzen Volkes. Vgl. P. Meyer, S. 203 — 8.
Klagen der zwölf Pairs. Ende des Gedichtes, (M. S.
529 — 50.) Die Klagen der Pairs beginnen noch einmal, und in vielen V ersen
drückt der Dichter ihren grossen Schmerz über den herben Verlust
aus. Als sich ein Streit über den Ort des Begräbnisses erhebt, wird
die Entscheidung Jupiters angerufen, und auf dessen Geheiss wird der
Leiehnam nach Alexandria gebracht, wo ihm Tolome in einer Pyramide
eine prachtvolle Grabstätte erbaut Der Dichter nennt zum Schluss
die von Alexander gegründeten Städte, welche Alexandria heissen,
und fordert die Könige und Herrn der Welt auf, das Leben und die
Thaten Alexanders zu hören und diesem nachzueifern. Vgl. P. Meyer,
S. 208-10.
Der Roman von Alexander ist keine einheitliche Dichtung sondern
durch die Vereinigung verschiedener Teile oder Branchen gebildet
Nach P. Meyer (S. 211 ff.) zerfällt er in vier solcher Branchen, deren
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jede ihren besonderen Ursprung hat. Die erste Branche umfasst
S. 1 — 92 der Ausgabe Michelants, die zweite S. 93 — 249, die dritte
S. 249 — 505 und die vierte 8. 506 — 550. Ich bespreche sie in der
Reihenfolge ihrer Entstehung. Darnach ist die älteste derselben die
dritte, welche gleichsam den Kern des Gedichtes bildet, um den sich
die übrigen drei gruppirt haben. Verfasst wurde sie von Lambert li
Tors. Jedoch sind eine Reihe von Interpolationen darin zu constatiren.
Vgl. P. Meyer S. 214 — 23. An die dritte Branche schloss sich die
vierte an, die in zwei Teile mit je einem besonderen Verfasser zerfallt.
Wenn auch nicht bewiesen, so ist es doch wahrscheinlich, dass die
erste Hälfte (Mich S. 506—29) von Alexander von Paris herrührt,
während Pierre de Saint-Cloud im wesentlichen den zweiten Teil ver-
fasst hat. Vgl. P. Meyer S. 233 — 35. Dann kam die erste Branche
hinzu. Sie giebt sich in ihrem ersten Teile als eine sehr freie Um-
arbeitung des Romans in Zehnsilbnem zu erkennen und ist höchst
wahrscheinlich das Werk Alexanders von Paris. Vgl. P. Meyer S. 236 — 7.
Die zweite und jüngste Branche endlich besteht ans der Fuerre de
Gadres im engem Sinne, die eine Schöpfung der reinen Phantasie ist
und einen gewissen Eustache zum Verfasser hat, und sodann aus dem
Teil des Romans, der sich von dem Ende der Fuerre de Gadres bis
zur Branche des Lambert ausdehnt und seinen Ursprung Alexander
von Paris verdankt. VgL P. Meyer S. 237—43.
Weitere Dichtungen von Alexander.
Da die Geschichte Alexanders nach den Anschauungen des Mittel-
alters nicht für vollständig abgeschlossen betrachtet werden konnte,
wenn nicht der Tod Alexanders gerächt war, unternahmen es zwei
Dichter Gui de Cambrai und Jean le Nevelois jeder eine Vengeanee
Alexandre zu dichten. Gui de Cambrai schrieb seinen Roman vor
1191, vielleicht 1190. P. Meyer hält die Identität unseres Dichters
mit dem Verfasser des Barlaam und Josaphat für wahrscheinlich.
Die Vengeanee ist eine reine Erfindung des Gui. Bemerkt mag
noch werden, dass die Rache von Perideus, einem Sohne Philipps und
dessen zweiter Gemahlin Cleopatra, genommen wird. Im übrigen ver-
weise ich auf P. Meyer S. 255 ff.
Von Jean le Nevelois wissen wir sehr wenig. In den Hss. heisst
er: li Neveions, li Venelais oder li nouviaus hoirs. Die Schreibung
„Nevelois 4 * hat nur die Autorität Fauchets für sich. Jean, welcher
wahrscheinlich zwischen 1288 und 1308 schrieb, scheint das Gedicht
seines Vorgängers nicht gekannt zu haben. Bei ihm ist es ein Sohn
Alexanders und der Candace, welcher die Rache vollzieht Vgl. P. Meyer
a 261 $
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Nachdem durch die Vengeance die Alexander-Dichtung einen Ab-
schluss gefunden hatte, machte man das Leben des Königs zum Aus-
gangspunkt neuer Gedichte, welche nur einige Personennamen aus dem
Roman entlehnten, sonst aber freie Erfindungen waren. Als erstes
dieser Gedichte nenne ich das von den Voeux du Paon % das an die
Episode von Dauris und Floridas anknüpft, und dessen Hauptheld
Porus ist. Es wurde vor 1312 von Jacques de Longuyon begonnen,
aber erst nach diesem Jahre vollendet und hatte einen sehr grossen
Erfolg.
Dies veranlasste einen gewissen Brisebarre Le reetor du Pacn
als Ergänzung zu den Voeux zu dichten, ein Werk das vor 1388 fällt.
Eine Fortsetzung zu dem Reetor gab 1340 Jean de le Kote in dem
Parfait du Paon , einem Gedichte von ungefähr 3900 Versen. Vgl.
P. Meyer S. 267 ff.
Ungefähr um die Mitte des 13. Jh. benutzte ein englischer Geist-
licher, Thomas, oder wie er wohl richtiger heisst, Eustache von Keilt,
den Alexander - Roman in ausgiebiger Weise bei der Abfassung des
noch unedirten Roman de tonte chevalerie . Dies Werk ist eine Compi-
lation aus Caesar, der Genesis, Isidor, Hieronymus, Justinus u. s. w.
Ausserdem hat Eustache die zweite und auch den grössten Teil der
vierten Branche des Alexander-Romans wiedergegeben. Bemerkenswert
ist, dass Alexander hier als der Sohn des Nectanebus erscheint Das
me. Gedicht von King AUeaunder geht auf den Roman von Eustache
zurück. Vgl. P. Meyer S. 273 — 299.
Wie im Volksepos häufiger nach einem berühmten Helden dessen
Vorfahren besungen wurden, so geschah es auch bei der Alexander-
dichtung, und im Roman von Florimont oder von Philipp vonMace-
donien wird uns die sagenhafte Geschichte der macedonischen Könige
erzählt Der Dichter heisst Aymes oder Aimon, dessen Geburtsort
höchst wahrscheinlich Varennes in Lothringen ist Er schrieb sein
Werk nach dem Roman d’Alixandre in den Jahren 1188 oder 1189 zu
Ehren einer gewissen Juliane. P. Paris,. Gidel, Holland und andere
haben Aymes zu einem Griechen machen wollen, aber ganz mit Un-
recht, wie Risop in Herrigs Archiv 73, 58 ff. nachweist Sehr wahr-
scheinlich hat der Verfasser nur Reisen auf der Balkan - Halbinsel
gemacht.
Es wird in dem Roman erzählt, wie die Schwester der Gemahlin
des Brutus (vgl. MBrut) den Admiral von Ägypten heiratete und
ihm das Kaisertum Griechenland als Brautschatz mitbrachte. Madian
hinterliess 2 Söhne, Seloc, Admiral von Babylon und Philippus von
Macemus, den griechischen Kaiser. Letzterer heiratete, nachdem er
sein Land von vielen Ungeheuern und fremden Räubern gereinigt
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hatte , Mordaille, die Tochter des Meneng, eines Königs von Afrika,
und zeugte mit ihr eine Tochter Romanadaple. Diese wurde fepäter
die Frau des Eleneos oder Florimont, des Sohnes des Herzogs Ma-
taquas von Albanien, welcher vorher mit einer Fee in einem ge-
heimnisvollen Verhältnis gelebt hatte, aber durch seine Mutter von ihr
getrennt war. Die Frucht dieser Ehe war Philipp, der mit Olympias,
der Tochter des Admirals von Karthago, den Alexander zeugte.
Bearbeitungen in Prosa.
Die Beliebtheit der sagenhaften Geschichten von Alexander über-
lebt die Romane in Versen, welche seit der Mitte des 13. Jh. mehr
und mehr verschwinden, und schon in der zweiten Hälfte des 13. Jh.
erscheint der erste französische Prosa -Roman von Alexander. Er ist
eine Bearbeitung der Historia de proeliis, die von einem anonymen
Verfasser herrührt und bis weit in das 16. Jh. hinein in grossem An-
sehen stand. Vgl. P. Meyer S. 306 ff. Eine Übersetzung des Epitome
und des Briefes an Aristoteles, wahrscheinlich aus dem 15. Jh., liegt
vor in der einzigen Hs. 11104—11105 der Bibliothöque royale de Bel-
gique. Vgl. P. Meyer S. 301 ff
Jean Wauquelin verfasste zwischen 1445 und 1453 eine Hietoire
d f Alexandre für Jean de Bourgogne, comte d’Etampes. Seine Haupt-
quelle ist der Alexander - Roman in Alexandrinern, doch daneben be-
nutzte er noch das Speculum historiale von Vincenz von Beauvais,
die Annalen des Hennegaus von Jacques de Guise und die französische
Prosa-Übersetzung der Historia. Vgl. P. Meyer S. 313—329. Schliess-
lich erwähne ich noch eine Prosa-Übersetzung des Alexander-Romans,
die aus dem 15. Jh. zu sein scheint und sich in Besanfon befindet
Die Alexandersage in den geschichtlichen Compilationen.
Wir gehen jetzt zu den grossen Compilationen über, welche das Leben
Alexanders auf Grund der sagenhaften Erzählungen behandeln, und
werden sehen, wie unterrichtete Schriftsteller bis in das 15. Jh. hinein
an die Fabeln des Pseudo-Callisthenes glauben.
L Lateinische Compilationen.
Im Anfang des 12. Jh. nimmt Ekkehart, erster Abt von Aura,
einen Abriss der Historia de proeliis mit Hinzuziehung des Briefes an
Aristoteles in seine Weltchronik auf. Einiges ist auch Orosius entlehnt
Gegen 1185 widmet Gottfried YOn Vlterbo in seinem Pantheon einige
Seiten der Geschichte Alexanders. Seine Hauptquelle ist das Epitome.
Vineeu von Beauvais schreibt im Speculum historiale die Ge-
schichte Alexanders nach dem Epitome und einer Reihe von Historikern
das Altertums.
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2. Französische Compilationen.
In dem Roman von Renart le Contrefait, dessen zwei Redactionen
zwischen 1319 und 1341 von einem Geistlichen aus Troyes abgefasst
wurden, finden wir die Geschichte Alexanders nach der Historia de
proeliis behandelt. Vgl. P. Meyer S. 334 — 41.
Der Compilator einer alten Geschichte, welche von der Schöpfung
bis Caesar reicht und vor 1230 für Rogier, einen Castellan von Lille,
geschrieben wurde, hat den auf Alexander bezüglichen Abschnitt nach
Orosius, dem Epitome und dem Briefe an Aristoteles dargestellt. Vgl.
P. Meyer S. 341 ff.
Eine andere Geschichte von Alexander finden wir in einer grossen
Compilation der alten Geschichte von Jean de Courci, seigneur de
Bourg - Achard, welche den Titel Bouqttechardüre oder Boucachardüre
führt und von 1416 — 1422 entstand. Die Hauptquelle Jean de Courci's
ist das Epitome und der Brief an Alexander. Daneben schöpft er aus
der Historia de proeliis, Justinus, Orosius u. s. w. Vgl. P. Meyer
S. 347 ff.
Episoden aus der Alexandersage in anderen Werken.
Vgl. P. Meyer S. 356 ff. Wie die sagenhafte Geschichte Alexanders
in ihrer Gesammtheit in rein geschichtliche Compilationen aufgenommen
wurde, ebenso schob man auch Episoden aus derselben in geschicht-
liche oder romanhafte Werke ein.
Die Reise Alexanders in das Paradies bildet einen Teil der Com-
pilation der römischen Geschichte, welche unter dem Namen Faits des
Romains bekannt ist. Philipp Ton Navarra, ein hervorragender
Schriftsteller des 13. Jh., berichtet in seiner Abhandlung über die vier
Lebensalter, eine merkwürdige Erzählung aus der Jugend Alexanders,
deren Ursprung wohl in einer Stelle von Cicero's De officiis H, 15 zu
suchen ist. Doch wird ein Mittelglied vorhanden gewesen sein.
Der Roman von Perceforest knüpft die Geschichte Englands an
Alexander an. Letzterer wird von einem Sturm an die Küste von
Britannien geworfen und verleiht dem Perceforest das Königreich
England.
Von Chroniken, die antike Stoffe behandeln, führe ich die Kaiser-
Chronik von Calendre an. Die Geschiehte Roms von Romulus bis
auf Honorius und Alarich wird in etwa 4000 Achtsilbnern in Reim-
paaren erzählt. Die Abfassungszeit fallt nach Settegast (Rom. Stud. III,
93 ff.) in das Jahr 1213 oder nicht viel später. Für die Quelle des
Werks hält Settegast die Historiae des Orosius. Doch habe dem Ver-
fasser nicht Orosius selbst, sondern ein jetzt verlorener Auszug aus
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Oroßiuß Vorgelegen, der den Standpunkt der Weltgeschichte fallen liess
und nur die römische Geschichte und zwar vornehmlich die Kaiserzeit
behandelte*
Die letzte Form endlich, in der antike Stoffe bearbeitet wurden,
ist die Novelle, sowohl in Versen als in Prosa. Die hierher gehörigen
Werke sind nicht besonders naturwahr und treffend, und das Altertum
erscheint im Gewände des Mittelalters.
Zuerst ist zu nennen das Lai d’Aristote von Henri d’Andeli
(Fabliaux p. p. Montaiglon V. 245 ff.), dem ein alter indischer Fabel-
stoff zu Grunde liegt, welcher in das Kostüm des klassischen Alter-
tums gesteckt ist (Vgl. Benfey, Pantschatantra I, 461.) Der Stoff
kam von Indien nach Arabien und von da in das Abendland. Der
Inhalt des Lais ist in Kürze folgender:
Nach einigen einleitenden Worten über die Tapferkeit und Frei-
gebigkeit Alexanders wird erzählt, dass derselbe lange thatenlos in
Indien weilte, sich von seinen Baronen zurückzog und ganz in den
Genüssen der Liebe mit einem reizenden Mädchen schwelgte. Seine
Umgebung war unwillig darüber, und Aristoteles machte seinem Schüler
Vorwürfe über sein Verhalten. Alexander nahm sich diese zu Herzen
und hielt sich fern von dem Mädchen, musste aber noch immer an
seine schöne Freundin zurückdenken. Doch bald zog ihn die Liebe
wieder zu ihr hin, und als sie den Grund seines Fernbleibens erfuhr,
beschloss sie, sich an Aristoteles zu rächen und forderte Alexander
auf, am nächsten Morgen unbemerkter Zeuge ihrer Bache zu sein.
Sie setzte sich um diese Zeit nur von einem Hemde bekleidet in den
Garten unter das Fenster des Aristoteles und begann zu singen.
Der Weise, welcher über den Büchern sass und das schöne
Mädchen hörte und sah, wurde von Liebe zu ihr erfasst und ergriff
sie beim Hemde, als sie sich scheinbar ganz absichtslos seinem Fenster
näherte. Sie heuchelte Schrecken , beruhigte sich aber bald und er-
klärte schliesslich, dem Weisen zu Gefallen sein zu wollen, wenn sie
einmal auf ihm reiten dürfe. Da Aristoteles hierzu bereit war, so legte
sie ihm einen Sattel auf und ritt singend auf dem auf Händen und
Füssen kriechenden Philosophen im Garten umher. Der König, welcher
aus seinem Verstecke voll heimlicher Schadenfreude die Vorgänge mit
angesehen hatte, trat jetzt hervor und machte Aristoteles Vorwürfe.
Er verzieh aber bald seinem Lehrer, welcher dafür den König unge-
stört seiner Neigung folgen liess.
Eine Geschichte derselben Tendenz wie die von dem durch Weiber-
klugheit überlisteten Aristoteles erzählte sich das Mittelalter von
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Hippokrates. Wir finden dieselbe als Episode in einer Handschrift
des Prosa-Romans von Lancelot , und es ist wahrscheinlich, dass die-
selbe auch in der Form eines Fabliau existirt hat (Vgl. Fabliaux
ou contes p. p. Legrand d’Aussy, 1779, I, 212 — 221.)
Hippokrates, der berühmte Arzt, kam unter Augustus nach -Rom
und rief den eben verstorbenen Neffen des Kaisers durch eine Arznei
ins Leben zurück. Aus Dankbarkeit liess Augustus die Statue des
Arztes mit der seines Neffen auf einem der Stadtthore aufstellen mit
der Inschrift, dass Hippokrates durch sein göttliches Wissen den ver-
storbenen Prinzen vom Tode errettet habe. Hippokrates wurde in-
folge dessen eine gefeierte Persönlichkeit in Rom, und das Volk ver-
ehrte ihn fast wie einen Gott
Um diese Zeit kam eine vornehme, schöne Gallierin nach Rom,
welche von Augustus mit der grössten Auszeichnung behandelt wurde.
Als sie sich die Sehenswürdigkeiten Roms ansah, erblickte sie auch
die oben erwähnten Statuen. Die Inschrift varsetzte sie in grosse
Heiterkeit, und sie machte sich anheischig, den göttlichen Hippokrates
zu einem Narren zu machen.
Der Arzt, welcher von ihrem Vorhaben Kunde erhielt, war be-
gierig, die Gallierin kennen zu lernen, aber gleich bei der ersten Be-
gegnung entzückte sie ihn durch ihre Schönheit derartig, dass er eine
heftige Liebe zu ihr fasste und vor allzu grosser Leidenschaft bald in
eine schwere Krankheit verfiel. Als die Gallierin ihn teilnahmsvoll
besuchte, gestand Hippokrates ihr seine heisse Liebe und fand scheinbar
bei ihr Gehör. Sie bedauerte aber, in ihrer gegenwärtigen Lage ihm
keine Beweise ihrer Liebe geben zu können. Natürlich war Hippe-
krates bald wieder gesund, und als ihn die Gallierin zum ersten Male
wiedersah, bestellte sie ihn mit einem Korbe um Mitternacht zu dem
Turme, in welchem sie wohnte, und versprach, den Arzt an einem
Strick heraufzuziehen. Hippokrates stellte sich zur verabredeten Zeit
am Fusse des Turmes ein, knüpfte den zu seiner Freude schon herab-
gelassenen Strick an den Korb und liess sich empor ziehen.
Doch in einer gewissen Höhe liess ihn die Dame schweben und
zog sich unter spöttischen Bemerkungen zurück. Vergebens ver-
wünschte Hippokrates die Liebe und die Frauen. Es war zu spät,
und die ganze Nacht und den nächsten Tag musste er in dem Korbe
zum Gespött des Volkes hängen bleiben. Erst gegen Abend liess
ihn Augustus aus seiner unangenehmen Lage befreien und schwur ihn
zu rächen. Als er jedoch die näheren Umstände erfuhr, lachte er
und scherzte noch lange mit seinen Baronen darüber.
Nach Legrand d’Aussy (FabL I, 221, Anm. b) liegt dem ersten
Teile der Geschichte etwas historische Wahrheit zu Grunde.
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Ein Arzt Namens Musa heilte nämlich Augustus von einer Krank-
heit, und zum Dank stellte man seine Statue neben der des Aesculap
auf. Als Musa aber einige Zeit darauf den Tod des Marcellus, des
Neffen des Kaisers verursachte, wurde seine Statue zertrümmert
Die bekannte Erzählung von der Begegnung Alexanders des
Grossen mit dem Cyniker Diogenes in Corinth (vgl. Cicero, Tusc. 5,
32, 92) finden wir wieder in dem Fabliau du roi Alexandre et du
aegretain» nur dass hier für Diogenes der Name Socrates gesetzt ist
(Oontes et fablkux p. p. Möon, Paris 1808, S. 171 ff.)
Der Inhalt des Fabliau ist folgender. Der Philosoph Socrates
entledigte sich seines Reichtums und schlug seine Wohnung in einem
schönen Walde in einer Tonne auf. Hier fand ihn das Gefolge
Alexanders, der einst in jener Gegend jagte und betrachtete ihn voll
Verwunderung. Da es dem Socrates die Sonne benahm, sagte dieser:
„Nehmt mir nicht das, was ihr mir nicht geben könnt“.
Man wollte ihn aus der Tonne werfen und fortführen, um dem
Könige seinen Anblick zu ersparen. Socrates aber sagte, er fürchte
den König nicht und habe grössere Macht als Alexander, welcher der
Sklave seines Dieners sei.
Als Alexander darauf zukommt und das Vorgefallene erfährt, ist
er gespannt, ob Socrates seine Worte vor ihm wiederholen wird. Da
sagt Socrates: „Ich habe den Willen in meiner Gewalt, während du
ihm dienst Folglich dienst du dem, der fmir dient“ Alexander ist
zwar etwas ungehalten über die freie Sprache des Socrates, doch als
Socrates ihn auf die Unbeständigkeit seines Lebens hinweist, spricht
er zu seinem Gefolge: „Dieser Mensch redet sehr weise. Thut ihm
kein Böses, dass Gott ihn nicht rächt.“
Die Sage von dem, schönen Nardssus, welche Ovid in den Meta-
morphosen UI, 341 — 510 erzählt, erfreute sich bei den Franzosen
einer grossen Beliebtheit und wurde schon früh in französischer Sprache
behandelt Dies beweist am besten eine Stelle aus Petrus Cantor,
der im Anfang des 12. Jahrhunderts lebte.
0 „Hi similes sunt cantantibus fabulas et gesta , qui videntes can-
tüenam de Landrico non placere auditoribus, statim incipiunt de
Narcisso cantare“ (Fauriel, Hist de la po6aie proven<jale 3, 489).
Dieses Lied liegt vielleicht vor in dem uns noch erhaltenen Lai
von Narcissus, welches jedenfalls noch aus dem 12. Jh. stammt und
sich bei Barbazan und M4on, Oontes et fabL IV, 143 ff gedruckt
findet Der Verfasser des Gedichtes, den wir nicht kennen, hat Ovid
nachgeahmt „Ein Seher aus Theben weissagt der Mutter des Narcissus,
dass dieser bald sterben werde, wenn er sich selbst gesehen habe.
Zu dem schönsten aller Jünglinge von Amor gemacht, erweckt Nar-
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cissus die heftige Liebe der Königstochter Danes, die von einem Pfeile
Amors getroffen ist. Nach einer warmen Schilderang der Macht
Amors und der Liebesqualen der Jungfrau sehen wir die letztere sieh
in den Wald schleichen, wo Narcissus jagt, und diesem bei seiner
Vorbeikunft ihre heisse Liebe gestehen und ihn um Erhörung anflehen.
Als der Jüngling aber gegen alle Bitten taub bleibt, weicht die Liebe
der Rachsucht in ihrer Brust, und sie bittet Amor und Venus sie an
Narciss zu rächen. Von der Jagd ermüdet beugt sich Narciss durstig
über eine Quelle und erblickt darin sein Bild, welches er für eine
Fee hält Er verliebt sich darin, und nachdem er es vergebens be-
schworen hat, aus dem Wasser heraufzusteigen, bricht er in laute
Klagen aus. Doch schliesslich sieht er seinen Irrtum ein, aber ein
starkes, nicht zu stillendes Liebesverlangen bleibt in ihm zurück.
Eine Ohnmacht befallt ihn, er verliert die Sprache und im Anschauen
Danes’, welche die Liebe wieder zu ihm geführt hat, stirbt er mit ihr
zusammen. u
Ein anderer Stoff aus Ovids Metamorphosen liegt vor in dem
Lai von Pyramuß und Thisbe, dessen Quelle nach des Verfassers
eigenem Geständnis Ovid ist (Metam. IV, &5 ff). Das Gedicht, welches
Medn, Contes et fabL IV, 326 ff gedruckt hat, stammt aus dem 12. Jh.
Da der Verfasser sich genau an Ovid hält, wird es überflüssig sein,
den Inhalt des Gedichtes hier anzuführen.
Bereits im 12. Jh. gab es auch ein französisches Lai von Orpheus,
wie aus dem Lai de rEspine von Marie de France hervorgeht
Roquefort, Podsies de Marie de France, I, 556, 183 ff.
Apri&s celi d’autre commenche
Nus d’iaus ni noise, ne ni tenche;
Le lai lor aone d’Orph6y.
In dem Roman von Floire et Blanceflor wird gleichfalls ein Lai
von Orpheus vor Blanceflor auf der Harfe gespielt. Appendix zu
Floire et Blfl. v. 70 ff, S. 231:
Une harpe tint en ses mains
Et harpe le lai d’Orphäy.
Aus dem Ende des 13. Jh. ist ein englisches Spielmannsgedicht
von Sir Orfeo vorhanden, welches sich nach Hertz als Bearbeitung
eines französischen Lais zu erkennen giebt Vgl. W. Hertz, Spiel-
mannsbuch, S. 320 ff Doch der klassische Mythus ist im Munde der
Spielleute zu einem romantischen Märchen geworden.
Ein Lied von Orpheus in Achtsilbnern, welches unvollständig in
der Hs. 179 der Bibliothek zu Genf erhalten ist, teilt E. Ritter mit
im Bulletin de la soc. des anc. t fr. 1877, Nr. 3, S. 99 ff. Dies Ge-
dicht hat bei weitem mehr die antike Färbung bewahrt als der englische
Sir Orfeo. „Orpheus un tres gracious menestreres a , verlor seine
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80
Freundin, worüber er sehr traurig war. Lange Zeit suchte er sie
vergebens in Wäldern, Wiesen und Feldern, alles durch die lieblichen
Melodien seiner „Schalmei“ bezaubernd. Bäume tanzten hinter ihm
her, Ströme flössen stromaufwärts, und der Löwe gesellte sich friedlich
zu dem Hirsche. Da er seine Freundin auf der Oberwelt nicht finden
konnte, beschloss er in der Unterwelt nach ihr zu forschen, und nach-
dem er seine Fiedel gehörig gestimmt hatte, trat er den Weg zur
Unterwelt an. Den Cerberus machte er durch sein Spiel so weich,
dass dieser ihn ungehindert durch die Pforte einziehen liess. Die
Furien rührte er durch die Lieblichkeit seiner Musik zu Thränen.
D ann sah er die Leiden des Ixion und Tantalus.
Hier beginnt bei v. 99 die Verstümmelung der Handschrift, welche
bis v. 108 dauert, und damit bricht das Gedicht plötzlich ab.
Ein Dichter des 14. Jahrhunderts, Guillaume de Machault, sagt,
dass er das Lai von Orpheus oft gesehen und durchgelesen habe.
(F. Wolf, Lais S. 239 ff.)
Wenn wir aus einigen Versen des Rom. d. 1. R. einen Schluss
ziehen dürfen, scheint es auch ein Lied von Pygmalion gegeben zu
haben. Rom. d. L R. v. 13676 ff:
.... il ne votu en puet jä chaloir,
Qnant p&r euer le ch&n^on sav6s
Que taut oi chanter m’ av6s,
Si cum joer nou® alion,
De l’ymage Pymalion.
Unzweifelhaft ist die Sage von Tantalus Gegenstand eines Ge-
dichtes von Chrestien de Troyes gewesen, wie er im Anfang des
Cliges selbst sagt
Cil qui fist d’Erec et d’Enide
Et les comandemanz övide
Et l’art d’amors an romanz mist
Et le mors de l’espaule fist
Del roi Marc et d’Iseut la blonde
Et de la hupe et de l’aronde
Et del roseignol la muance etc.
Mit dem „mors de l’espaule“ ist der Biss der Ceres in die Schulter
des von seinem Vater Tantalus zerstückelten und den Göttern zum
Mahle Vorgesetzten Pelops gemeint
Leider ist diese Bearbeitung bis jetzt noch nicht wieder auf-
gefunden, aber wir haben keinen Grund an der Angabe Chrestiens zu
zweifeln. Ist doch erst vor einigen Jahren das bislang verloren ge-
glaubte Gedicht Chrestiens von Tereus, Procne und Philomele von
G. Paris auch wieder entdeckt worden. Vgl. Romania XIII, 399 ff.
Am Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrhunderts verfasste nämlich
ein Landsmann und Namensvetter von Chrestien ein gewisser Chrestien
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Legou&is de Sainte-More ein langes Gedicht nach den Metamorphosen
Ovids, in denen die Fabeln Ovids zuerst übersetzt, dann interpretirt
und mit allegorisirenden und moralisirenden Betrachtungen versehen
wurden.
Zweimal hat Legouais ältere Versionen von Fabeln Ovids ein-
geschoben. Die eine derselben ist die von Pyramus und Thisbe,
welche wir soeben besprochen haben, die andere ist die Philomele
oder Philomene von Chrestien de Troyes, von der Legouais ganz
offen sagt, dass er sie so wiedergebe „com Crestiens le raconte 44
(Ovid, Metam. VI, 412—674).
6
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Teil H.
Abgesehen von den eben besprochenen Gedichten des antiken
Cyclus finden sich durch die ganze afr. Litteratur hindurch viele An-
spielungen, welche von der Bekanntschaft der Dichter mit den epischen
Stoffen des Altertums Zeugnis ablegen. Diese nehmen mit der Zeit
zu, und während noch die ältere Lyrik entsprechend ihrem volks-
mässigen Charakter arm an solchen Stellen ist, sind die Dichtungen
eines Froissart, Chastellain und Chartier, welche am Ausgange der
altfranzösischen Epoche und schon unter dem Einfluss des Geistes der
zweiten Renaissance stehen, damit überladen.
In dem Volksepos, dem nationalen Heldengesang, finden sich
naturgemäss nur wenige antike Reminiscenzen. Die geistlichen Dich-
tungen suchten erklärlicher Weise alles, was an das Heidentum er-
innerte, von sich fern zu halten, und wenn wir in dem Barlaam und
Josaphat des Gui von Cambrai langen Erörterungen über die heid-
nischen Götter begegnen, so ist dies eine grosse Ausnahme und nur
in der Absicht geschehen, den Beweis zu erbringen, dass die heid-
nischen Götter Götzen und keine wahren Götter sind. Häufiger be-
zieht sich das Kunstepos, die didactische und satirische Dichtung auf
das Altertum, und manche Dichter, wie Jean de Meung, gefallen sich
darin, wo es nur angeht, ihre' Kenntnis der Alten auszukramen.
Mythus, Sage und sagenhaft gefärbte Geschichte sind in gleicher Weise
von den französischen Dichtem ausgebeutet. Da Mythus und Sage oft
in einander übergehen, so werde ich beide zusammen behandeln, um
dann die Hinweise auf historische Personen zu besprechen.
A. Stoffe aas der griechischen und römischen Sage.
Die Erwähnungen von Göttern sind in der altfranzösischen Litte-
ratur so häufig, dass man eine kurze Mythologie daraus zusammenstellen
könnte.
Um mit dem ältesten Gott, welcher von einem Dichter genannt
wird, zu beginnen, führe ich den Saturn an. In der Prise d’Alexan-
drie v. 109 ff. heisst es bezüglich seines Alters:
Lore li vieug Saturnus park
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Bien et honnestement; car lk
N’avoit mie dieu ne deesse
Qui le seurmontast de vieillesse.
Mit geringen Abweichungen erzählen uns der Dolopathos, der Kom.
d. 1. R, das Mysterium von Barlaam und Josaphat (BarL u. Jos.), wie
er von Jupiter gestürzt und entmannt wurde, und aus seinen abge-
schnittenen und ins Meer geworfenen Geschlechtsteilen Venus hervorging.
Dolop. v. 12465 ff.: Satumus ses enfana man ja,
Et vos, qui er 4ez k’il fast Deuz;
Jupiter fu si anviex
Que Saturnom, son pfere, ödst,
Et sa seror k famme prist
Köm. LI. R. v, 6785 ff.: Justice qui jadis regnoit,
Oü tens que Saturne vivoit,
Cui Jupiter copa les coilles
Ausinc cum se fussent andoilles
(Moult ot eil dur filz et amer)
Puia les geta dedens la mer,
Dont Venus la deesse issi,
Car li Livres le dit ainsi.
Barl.u. Jos.S.l82,35ff.:Or fait cis diu de Saturnus,
Certes il n’est ne dez ne nus,
Car Jupiter ses fils l’ocist,
Si com Ovides le nous dist;
En infier son pere jeta,
Le ciel lassus i conquesta,
Si en fu sire et commandere,
Et les biaz menbres de son pere
Jeta, cbou dist, en mer parfonde,
L k fu conciute en une onde
Venus, la dyuesse d'amours;
Ains puis ne fu ne nuis ne jours.
Barl.u. Jos. S. 184, 9 ff.: Tu dis que dez est Jupiter
Qui son pere mist en infier
Et li loia et pi6s et mains.
Mysterium von Barl. u. Jos. S. 404:
Apres je vous moustre des Grieuz
Que de faulz homxnes ont fait diez
Con fu Saturne qui menga
Ses enfans, et si se trencha
Les genitailles, et en mer
Les jetta, ce fut fait amer.
Nach dieser Stelle schneidet sich Saturn also die Genitalien
selbst ab.
Von Philippe de Thaün wird er zum Herrscher der Unterwelt
gemacht
Cumpoz v. 473 ff.: Cele out le vendresdi;
Satumus samadi;
6 *
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84
D’enfern ert reis clamet,
La ert sa poestet
Nach dem MBrut y. 3723 wird Saturn von seinem Sohne Jupiter
aus Creta vertrieben, flüchtet nach „Lombardie“ und wird dort nach
dem Tode des Janus König. Vergleiche darüber Trdsor S. 38 und
S. 41. Unter seiner Herrschaft war das goldene Zeitalter.
Rom. d. L R. v. 20744 ff.:
Näis quant regnoit Saturnus
Qui teuoit les dor4s aages.
Vgl. Tornoiem. de TAnt. S. 18, 6.
Den mächtigsten der Götter, Jupiter, (Barl. u. Jos. S. 183, 17 ff.)
lässt Gui de Cambrai durch Ehebruch erzeugt werden.
Barl, tl Jos. S. 184, 9 ff.:
Cil Jupiter dont tu vels dire
Fu engenr4s par avoutire.
Der Dichter denkt hierbei wahrscheinlich daran, dass er ein Kind
des Kronos und der Rhea, des Kronos Schwester, war.
An einer anderen Stelle bezichtigt Gui de Cambrai ihn selbst des
Ehebruchs, der Sodomiterei und Zauberei.
Barl. u. Jos. S. 187, 11 ff.:
De Jupiter di yoirement
K’il fu tous plains d’enchantement
Et ayoutres et sodomites
Et enchanteres et erites.
Auch Philippe de Thaün gilt er als ein Zauberer (Cumpoz
v. 463 ff.) und in dem Mysterium von Barl. u. Jos. S. 404 wird ihm
dasselbe zum Vorwurf gemacht.
Eine Aufzählung von Jupiters vielen Liebschaften giebt Gui de
Cambrai. Barl. u. Jos. 185, 26 ff:
Une autre fois se refist or
Por Dane, cui il en decbiut
Mais ains cele ne l’aperchiut
Desoi adont k’il l’ot traie.
En cisne por une autre amie
Se remua, Leda ot non.
Une autre fois en soterel
Se mua por Anthyop6,
En esfoudre por Semel6.
Soterel wird eine Corruption von satyrel sein, da sich Jupiter der
Antiope als Satyr nahte.
An einer anderen Stelle (S. 184, 25 ff.) erfahren wir in 39 Zeilen
sein Abenteuer mit Europa, der Tochter des Königs Agenor, die in-
folge dessen erfolgte Verbannung des Cadmus und die Gründung
Thebens durch denselben (vgl. Ov. Met. II, 833 — HI, 130).
Auch Jupiters viele illegitimen Kinder zählt Gui de Cambrai auf.
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Barl. u. Jos. S. 185, 37 ff.:
De ces ot il enfans assäs
Comme licieres forcenäs.
Liber en ot li uns k non,
Le secont apielent Theon,
Et Hercules et Apollo,
Arthemyas et Amphyo,
Et Perseum et Castorem.
Da Jupiter seiner Gemahlin Juno häufig Anlass zur Eifersucht
gab, so musste er oft mit falschen Schwüren ihr seine Unschuld be-
teuern (vgl. Ovid, ars amatoria I, 635).
Rom. d. 1. R. v. 13723 ff.:
Quant Jupiter assäuroit
Juno sa fame, il li juroit
Le palu d’enfer hautement
Et se parjuroit fausement
Bei Guillaume de Machault lernen wir ihn als Herrscher über
Blitz und Donner kennen.
Guill. de Machault S. 72:
Et quant li vent orent congiä,
Et Jupiter ot tout forgiä
Foudres, tempestes et espars,
Lors on veist de toutes pars
Espartir merrilleusement etc.
Vgl. Guill. de Machault S. 71.
Über der Schwelle seines Hauses befanden sich zwei volle Tonnen,
aus denen Fortuna für einen jeden Menschen alle Tage* Gutes oder
Böses schöpfte (Rom. d. 1. R. v. 7097 ff.). Vergl. Ilias, 24, 527 ff*
Jupiter wird mit Apollo von den altfranzösischen Dichtern zu
einer Gottheit der Sarazenen gemacht. Doch da die Beziehung auf
den antiken Gott sich hier lediglich auf den Namen beschränkt, führe
ich keine Belegstellen an.
In ähnlicher Weise lässt Wace im Brut v. 6929 ff. Saturn, Jupiter,
Phoebus und Mercur zu Göttern der Sachsen werden.
In den Augen der rechtgläubigen Franzosen war Jupiter, wie
jeder andere heidnische Gott, ein Teufel, der seinen Platz in der
Hölle hatte.
Wace’s Nicholas v. 342 ff:
Al tens antif que jadis fu
Eurent diable graut yertu,
Oui se fesoient aorer
Et dex et deuesses clamer.
Deu estoient come Phebus,
Jupiter, Mars, Mercurius. etc.
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86
Vie de Seint Auban v. 1816 ff.:
Of les paöns estoie de la loi Apolin,
Pallaide, e Diene, e Pheban, e Jovin,
Ki sunt dampn4 diable en enfer susterin.
Vgl. ferner Vie de Seint Auban v. 333 ff. und v. 1102 ff., Tourn.
de l'Ant. S. 18, 3 ff, Alain Chartier S. 347, Tr&or v. Latini S. 38.
Des Ganymedes, des Mundschenken Jupiters, gedenkt Gui de
Cambrai im Barl. u. Jos. S. 186, 13 ff:
Od lni (sc. Jupiter) estoit uns biaz varles
Ki avoit non Ganymedes,
Cis estoit maistreß sodomites.
Vergl. Oy. Metam. X, 155. Ferner wird auf denselben hinge-
wiesen von Eustache Deschamps I, 166 und im Tresor S. 38, wo er
als die erste Ursache des Krieges zwischen Troja und Griechenland
hingestellt wird. Juno, die Schwester und Gemahlin Jupiters, nennt
als Schützerin der Ehe zusammen mit Hymen aeus, dem Gotte der
Hochzeitslust und des Hochzeitsgesanges, der Rom. d. 1. R. v. 21798 ff. :
Ymen6us et Juno m’oie
Qu’il voillent k nos noces estre.
Im Cumpoz von Philippe de Thaün v. 743 ff. lesen wir, dass
nach ihr der Monat Juni benannt wurde. Vergl. ferner Wace’s
Nicholas v. 349 und Prise d'Alexandrie v. 157.
Neptun, der Bruder Jupiters (vergl. Vie de Seint Auban v. 335)
tritt uns häufig in seiner Eigenschaft als Beherrscher des Meeres ent-
gegen. Rom. d'Al. S. 300, 20 ff:
H en jurent la mer, que pour sire a Netunus.
Rom. d’Al. S. 77, 24 ff:
Li eignes que veistes, qui mut si grant tempier
c’est le Dez de la mer qui vus vint corecier,
ceste citds est sienne, si la veut calenger.
Neptunus qui lä est, qui tant fait k prisier,
encor vus fera pis. etc.
Veigl. ferner Rom. d. 1. R. v. 9850, Vie de Seint Auban v. 1103,
Torn. de FAnt S. 86, 8 und S. 18, 11, FroisBart I., S. 16, 2, A.
Chartier S. 382.
Von andern Meergottheiten werden noch Proteus, Triton,
Doris, die Gemahlin des Nereus, und ihre Töchter, die Nereiden,
im Rom. d. 1. R. erwähnt.
Rom. d. 1. R. v. 11571 ff:
Car Proth^us, qui se soloit
Muer en tout quanqu’il voloit,
Ne sot onc tant barat, ne guile
Cum ge fais etc.
VergL Odyssee. 4, 365 ff.
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87
Rom. <L 1. R. v. 9862 ff.:
Triton redut vif erragier
Et Doris, et toutes ses Alles
Por les xnerveilleuses semilles,
Cuiderent tuit estre trais.
Eine der Nereiden, Thetis, nennt dieVie de Seint Aubanv. 336.
Ausserdem kommt Triton noch vor bei G. Chastellain (Rec. de chants
hist. S. 371), während sich eine Erwähnung von Proteus bei Eustache
Deschamps I, 166 findet. (Vergl. OvicL Met. II, 9 u. VIII, 731.)
Pluto, der Herrscher der Unterwelt, und seine Gemahlin Proser-
pina, deren Entführung uns Froissart erzählt (n, S. 94 v. 3164 ff.),
befinden sich im Tom. de TAnt. unter den Feinden des Herrn im Ge-
folge des Antichristen.
Tom. de l’Ant. S. 18, 14 ff:
Et en icele mesme route
Estoit Pluto et Proserpine,
Le Roi d’enfer et la Roine.
Nach dem Tora, de TAnt S. 17, 14 ff. und Ren. le Nouvel 231 ff.
giebt Proserpina ihrem Gemahl verschiedentlich Anlass zur Eifersucht.
Im Cumpoz von Ph. de Thaün v. 695 ff. heisst es, dass dem
Pluto der Monat Februar gewidmet war.
Der Apologia mulierum zufolge versucht Pluto den Hercules an
der Besiegung des Cerberus zu verhindern, während er nach der antiken
Sage diesem selbst die Erlaubnis dazu giebt.
Apol. mulierum v. 160 ff:
On dit que jadis Hercules,
Filz de ce graut dieu Juppiter
Le (sc. Cerberus) destacha saus respiter
Et sa chaynne de fer brisa,
Malgre Pluto que peu prisa.
Vgl. ferner Vie de Seint Auban v. 336 und 1103, Froissart I,
S. 267 v. 1633 ff, HI, S. 251 v. 8 ff
Der Fährmann Charon, welcher die abgeschiedenen Seelen in
seinem Nachen über die Ströme der Unterwelt in das Reich der
Schatten übersetzte, wird in einem Gedichte des 15. Jh. angerufen.
(Rec. de chants histor. S. 381.)
Apollo oder Phoebus, der Sohn Jupiters und der Latona (Barl,
u. Jos. S. 186, 3), hat bei den afr. Dichtem so sehr den Charakter
eines Sarazenengottes angenommen, dass die Sarazenen häufig nach
ihm la gent Apclin genannt werden. Vgl. Rom. d’Aquin v. 3039, Foulques
de Candie S. 91, Prise d’Alexandrie v. 4687, Enfances Ogier v. 4788.
Doch daneben ist er aber auch in seinen antiken Rollen bekannt.
Im Rom. d’AL S. 414, 33 ff. begegnet er uns als der Orakel gebende
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88
Gott. An diese Thätigkeit denkt auch wohl Guillaume de Machault,
wenn er sagt S. 133:
D ne me ehant dou sens de Salemon,
Ne que Phebus en termine on responde.
Von Froissart erfahren wir die Besiegung des Drachen Python
(I, S. 134, v. 1617.)
Apollo war der Lorbeer heilig (Pofeme moralisd in Rom. XIV, 465).
Apollo j&dis ne eoloit
Respondre, se lorier n’estoit.
Als Apollo Musagetes finden wir ihn im Lapidaire von Marbod
(Lapid. fr. S. 147, 69 ff.).
Vgl. Chanson de Molinet in Rec. de chants hist S. 389, Ballade
von G. Chastellain in Rec. de chants hist S* 371.
Interessant ist die Schilderung, welche Gui de Cambrai von Apollo
giebt Barl. u. Jos. S. 191, 3 ff:
Cil Apollo fu uns jougleres
Et si refu molt bous venereg,
As gens parloit et devinoit
Por graut avoir k’il en avoit;
Et de tel diu ne sai jou rien
Ki vent et fait de son engbien.
Als Lichtgott erscheint er im Torn. de l’Ant. S. 101, 3 ff, Vie
de Seint Auban v. 1570 ff, Froissart I, S. 270 v. 1744 und Chastellain
vn, s. 180.
Vgl. ferner: Wace’s Nicholas v. 346, Vie de Seint Auban v. 1102,
v. 334, v. 1816, Tom. de TAnt S. 18, 7, A. Chartier S. 347.
Apollos Liebe zu der Daphne und das Geschick seines Sohnes
Phaethon wird später besprochen werden.
Diana oder Artemis, die Tochter Jupiters (Barl, und Jos.
S. 186, 4) und Schwester Apollos (Barl, und Jos. S. 191, 10), be-
schreibt Gui de Cambrai folgendennassen :
Barl. u. Jos. S. 191, 11 ff:
Li Gryu le tinrent por dyuesse
Car eile ert bonne veneresse;
Chiens amoit molt por afaitier
Car eile aloit souvent cachier.
Auf den keuschen, jungfräulichen Charakter der Göttin wird an-
gespielt im Tora, de TAntechr. S. 80.
Nach demPo&me moralis^ (Rom. XIV, 464) war ihr derBeifuss heilig.
Aus der alten Hecate hat Wace eine grosse Zauberin und Wahr-
sagerin gemacht.
WBrut v. 635 ff: L’image i ert d’une deuesse
Diane une deuineresse,
Diables ert qui cfele gent
P^cevoit par encantement,
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89
Als Göttin der Jagd und des Mondes sehen wir sie im MBrut
v. 1138 ff.
Vielleicht ist unter der Göttin Lucina, welche im Rom. de L R.
y. 11006 ff. als Göttin der Geburt genannt wird, Diana zu verstehen,
da diese wie Juno in ihrer Eigenschaft als Geburtsgöttin den Namen
Lucina führte. Vgl. ferner Vie de Seint Auban v. 1261 und v. 1817
und Wace's Nicholas v. 354 ff.
Die älteste Anschauung der Griechen von der Pallas oder
Minerva, welche sich dieselbe in irgend einer Beziehung zu dem
Elemente des Wassers dachte, finden wir wieder in einem Mystöre
des alten Testaments. Mistöre du vieil testament, Bd. II, v. 14097 ff. :
II court le bruit «Tune vierge tredigne,
Qui par grace par mer est avoUöe,
Laquelle euvre de Science divine,
Se dit chacun; Minerve est appeilöe.
Nach einer Anmerkung auf Seite XXXVIII des zweiten Bandes
hat der Dichter aus Comestor und Vincenz v. Beauvais geschöpft.
Allegorisch für den Krieg steht Pallas im MBrut v. 1711. Wace im
Brut v. 1677 ff. und der Dichter des MBrut v. 2708 ff. erzählen, dass
der König Bladus, ein Nachkomme des Brutus, der Minerva einen
Tempel erbaute und bestimmte, dass in demselben ein immer bren-
nendes Feuer unterhalten werden sollte. Beide haben aus Galfredus
Lib. II, Cap. X geschöpft. Dieser scheint den Dienst der Göttin
Vesta im Auge gehabt zu haben. Vgl. ferner Wace’s Nicholas v. 349,
Vie de Seint Auban v. 1817, v. 1261, v. 336, Prise d'Alexandrie v. 157,
A. Chartier S. 347, S. 806.
Auf die Sage von Ceres und Triptolemus (Ovid, Met. V, 645 ff)
spielt kurz der Rom. d. 1. R. an. R. d. 1. R. v. 10536 ff.:
La plantöureuse Döesse
Cerös qui fait les bl&B venir;
Ne cet \k le chemin tenir;
Ne eil qui ses Dragons avoie,
Tritolemus n’i set la voie.
Vgl. ferner Froissart I, S. 270, v. 1747 — 8.
Mar 8 wird als Gott des Krieges genannt im MBrut v. 3973, im
Dit des planetes (Jub. nouv. rec. S.377), Barl, und Jos. S. 189, 20 und
Torn. de l’Ant. S. 85, 29. Gleichbedeutend mit Kampf wird sein
Name verwandt im Dolopathos v. 12471 und MBrut v. 1711. In
lepistre dothea von Christine von Pisa, gedruckt in Romvart S. 142,
wird Hector einfach als Sohn des Mars bezeichnet. Im Anfang der
Prise dAJexandrie lässt Guillaume de Machault seinen Helden Peter
von Lusignan aus der Vereinigung von Mars und Venus hervorgehen.
Mars unterrichtet ihn auch in der Kunst zu kämpfen und hilft und
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fördert ihn im Kriege (v. 8859 ff.)« Seine Liebschaft mit der Venus
und die Überraschung beider durch Vulcan erwähnt Gui de Cambrai.
Barl. u. Jos. S. 189, 33 ff:
Cele dyuesse ot non Venus.
Vulcans tea dex de lä desus
Ri ses licieres ert aussi
Le reprist o Mart son ami;
Si les loia ansdeus ensamble
D une kaine, si com moi samble.
(Odyssee 8, 274 ff. und Ov. Metam. IV, 167 ff). Vgl. darüber
Bom. d. 1. R. v. 14433 u. Barl. u. Jos. S. 192, 7.
Im Cumpoz von Ph. de Thaün wird erzählt, wie Romulus den
dritten Monat nach seinem Vater Mars benannte (v. 711 ff), und wie
die Römer dem Mars zu Ehren auch dem dritten Tage seinen Namen
beilegten (v. 447 ff). Olivier Basselin nennt in scherzhafter Weise
das üble Befinden nach zu vielem Genuss von Wein „grants coups de
Mars“. (Vaux de Vire, S. 148.) Vgl. ferner Wace’s Nicholas v. 347
und Torn. de l’Ant. S. 18, 11.
Vulcan wird verschiedentlich als Gott der Schmiede- und Schmelz-
kunst von Dichtern angeführt.
Floire et Blanceflor v. 438:
Vulcans la (sc. coupe) fiat, s’i mißt sa eure
Prise d’Alexandrie v. 197 ff:
Vous avez des dieux la Science,
Et vraie et juste experience,
L’auctorite et la maistrie
Seurs.tous ouvriers qui sont en yie.
Vgl. Barlaam u. Jos. S. 188, 1 ff. u. Torn. de l’Ant. S. 102.
. Einige Zeilen vor der zuletzt angeführten Stelle finden wir den
Gott Mulciber erwähnt, wie Vulcan in seiner Eigenschaft als Gott
der Schmelzkunst hiess. Doch Huon de Mery scheint Vulcan und
Mulciber als zwei verschiedene Personen aufgefasst zu haben. In der
Prise d’Alexandrie v. 213 ff. sagt Vulcan, dass er die Waffen des
Achilles schmiedete, derentwegen sich Aiax nach dem vergeblichen
Wettstreit mit Ulixes getötet habe (vgl. Ov. Metam. XIII, 1).
Über die Göttin Vesta scheint G. de Machault schlecht ] unter-
richtet gewesen zu sein. Prise d’Al. v. 90 ff:
Vesta qui estoit la prestresse
Et la soverainne maistresse
Des nymphes, des tragediannes,
Des juenes et des anciennes,
Et de leurs temples ensement etc.
Welche Göttin Christine von Pisa mit Othea gemeint hat, habe
ich nicht ermitteln können. (Romvart S, 142.)
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91
Über die Sage von der Entstehung der Venus haben wir bereits
bei Saturn gehandelt.
Ihre verschiedenen Liebschaften zählt Gui de Cambrai auf. Barl.
u. Jos. S. 192, 5 ff.:
Et s’ot od li mains lecheours
Ki bien l’amerent par amors:
Mars et Vulcans, Adonides,
Et ans autres fu Anchyses.
Fälschlich ist hier auch Vulcan mit angeführt, der doch ihr recht-
mässiger Gatte war.
Der Rom. d. 1. R. v. 16311 giebt uns Auskunft über einen be-
liebten Aufenthaltsort der Venus, den Cithaeron, den viel be-
sungenen Schauplatz der bacchischen Orgien. Der Göttin Schönheit
rühmt Marie de France im Lai von Lanval S. 109, v. 584 ff. der
Ausgabe von Warnke:
Tant grant bealtez ne fit vetie
en Venus, qui estoit reme.
Vgl. darüber A. Chartier S. 805.
In der Prise d'Alexandrie macht G. de Machault die Venus zur
Mutter des Peter von Lusignan und lässt sie diesen in das Wesen
der Liebe einfuhren. Als Göttin der Liebe spielt Venus in den
lyrischen und allegorischen Gedichten des Mittelalters eine grosse
Rolle. Häufig tritt sie auch als die personificirte Liebe auf. Doch
habe ich davon Abstand genommen Citate anzuführen wegen der
allzu grossen Menge derselben.
Im Cumpoz v. 469 ff. und im Dit des planetes (Jub. nouv. rec.
S. 379) lesen wir, dass der „vendredi“ von Venus seinen Namen
empfing. Vgl. ferner Le livre du Chevalier de la Tour-Landri S. 249
. und A. Chartier S. 728.
Der Sohn der Venus, Amor oder Cupido (Rom. d. L R.
v. 1648 — 9), erlangte im Mittelalter wegen der grossen Rolle, welche
die Minne spielte, eine noch grössere Bedeutung als Venus selbst
Meist wird er mit Pfeil, Köcher und Bogen dargestellt Wessen
Liebe er erwecken will, auf den schiesst er einen Pfeil ab, entweder
grade ins Herz (Cliges v. 460 ff.) oder durch das Auge ins Herz
(Rom. d. 1. R. v. 1760 ff, Froissart, I, S. 15, v. 488 ff.). Die Wunden,
welche er verursacht , sind schlimmer als die von einem Speer
(Chevalier au Lion v. 1373 ff.). Wunderbarer Weise finden wir bei
Jub., nouv. rec. S. 244 Amor als „Madame Amors u bezeichnet.
Den M e r c u r erwähnt zuerst Ph. de Thaün im Cumpoz v. 457 ff :
Li secuns deus out num
Mercurius par num;
Pruz bom fut e vaillanz
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E si fdt marcheanz;
Le quart jum li dunerent
Que mercresdi numerent
Vgl. ferner: Wace's Nicholas y. 347, Torn. de TAnt. S. 18, 8,
Barl, tu Jos. S. 188, 25 ff.
Eine verkehrte Rolle lässt Froissart den Mercur spielen, denn
Bd. I, S. 271, v. 1774 ff. heisst es:
Car Mercurios li (sc. Phaethon) dist lors:
„Cuides tu qu’uns si nobles corps
Que Phebus soit, t’engenrast onques?“
Dies sagt aber nach Ov. Metam. I, 748 nicht Mercur sondern
Epaphus.
Von der Göttin Maja, der Mutter Mercurs, spricht der Cumpoz
v. 729 ff.
Iris, die windschnelle Botin der Götter, nennt Froissart I, S. 2 u. 51.
Die Göttin der Diebe, Laverna, erwähnt der Rom. d. 1. R.
y. 9889 ff.
Bei Froissart (I, S. 2, v. 28) finden wir einen der Söhne des
Schlafgottes mit dem abenteuerlichen Namen Enclimpotair benannt
Dieser Name ist jedenfalls von Froissart selbst erfunden worden.
Unter dem Gotte „Janviers u im MBrut v. 3536 ff. ist Janus zu
verstehen, wie nicht nur aus der nähern Beschreibung desselben,
sondern auch aus der Parallelstelle des WBrut v. 2098 und dem
Galfredus Lib. II, Cap. 14 hervorgeht Später werden wir noch ein-
mal auf Janus zurückkommen.
Den Gott der Winde, Aeolus, erwähnt Jean de Meung (Rom.
d. L R. v. 18696) und verschiedentlich auch Froissart Letzterer ge-
braucht die durch Metathesis entstandene Form Oleüs. Vgl. Froissart,
I, S. 1, v. 16, II, S. 369, v. 19 und S. 370, v. 15. An der letzteren
Stelle wird auch der Wind Zephyrus genannt
Von Bachus oder Liber, dem Sohne Jupiters, (Barl, und Jos.
S. 185, 39) haben wir folgende Schilderung im Barl. u. Jos. S. 190, 11 ff.:
Voub faites de Bacus devin,
Dites k’il est sires del vin
Pour chou k’il ert si bons veneres
Et d’autrui femme(s) estoit leres,
Irres estoit cbascune nuit,
Ne m&intenoit autre deduit
Et occis fu ens en la fin.
VgL gleichfalls Dolop. v. 12470.
Im Martyre de Saint Baccus (Jub. nouv. rec. S. 250) wird der
Wein Saint Baccus genannt
Eine Reminiscenz an die Sage von dem siegreichen Feldzuge des
Bacchus über die Erde, den er zur Ausbreitung seines Cultus unter-
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nahm, und der sich bis nach Indien ansdehnte, haben wir im Rom.
d’Al. S. 317, 4 ff.:
Quant Libis et Arcus vinrent en Oriant
et orent taut al4 que ne porent avant,
II. imagenes d’or firent, qui furent de lor grant
en tel liu le pos&rent, qui bien fu aparant
et que mais k tous jors i fuscent demonstrant
Arcus ist eine Verstümmelung aus Hercules, was eine andere Stelle
des Rom. d’Al. S. 336, 5 beweist.
Quant vinrent au pietruis qu’ Erculea, Liber dost
Vgl. Tr6sor S. 158.
Hebe, die Mundschenkin der Götter, führt G. de Machault in
der Prise d’Alex. v. 145 ff an.
Themis, die Göttin des Rechts, tritt im Rom.d. 1. R. v. 18297 ff
als Schicksalsgöttin auf.
Eris, die Göttin der Zwietracht, erwähnt die Bible Guiot de
ProTins v. 1395 ff
Je ne lairoie por l’Eride
Un homme devant moi morir,
Se l’en poroie garantir.
Des Pan, der Cybele, der Satyrn, Quellennymphen und
Dryaden gedenkt der Rom. d. 1. R. v. 18641 ff Vgl. Molinet (Rec.
de chants hist S. 389). Den Kampf der Götter und Titanen singt
der Sänger Elinant vor Alexander dem Grossen.
Rom. d’Al. S. 413, 20 ff:
Cil commence k canter issi com li gaiant
vaurent monter au ciel, comme gent mescr£ant.
entre les Dex en ot une bataille grant,
se ne fast Jupiter, o se foudre bruiant
que tous les detrenca, jä n’eusent garant
Die drei Furien, Alecto, Tisiphone und Megaera kommen
an 2 Stellen des R. d. 1. R. vor. An der ersten (v. 17613 ff) wird
ihre Abstammung von der Nyx und dem Acheron erzählt und ihrer
Thätigkeit als Rächerinnen in der Unterwelt gedacht An der zweiten
Stelle (v. 20544) erfahren wir ihre Namen. Nochmals begegnen sie
uns in einem Liede von Orpheus, gedruckt in dem Bull, de la soc.
des anc. textes fr. 1877, Nr. 3, S. 100:
Si encontra les trois deesses
Qui sont encore plus felonesses.
En cest siede les armes tentent
Et en l’autre si les tormentent.
Megaera allein nennt das Torn. de l’Ant. S. 18.
Die drei Parzen, Cloto, Lachesis und Atropos werden auf-
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gesäklt im R d. 1. R und im Bonn, de la r£surrection par Andrö de
Coutances. (Herrigs Archiv 64, 192 v. 1598.)
R d. 1. R v. 20479 ff.:
Sachi^s que moult vom reconforte
Cloto qui la quenoille porte,
Et Lacheeis qui lee filz tire,
Mfcs Atropoe rout et descire
Quanque ces deus pu&ent filer.
Cloto und Lachesis führt der Rom. d*AL S. 537, 19 an:
Grant doel doivent mener Cloto et Lacheeis;
Or pueent-il bien dire que ronpue est li fil
Dont trestous li mone ert et c&ingl^s et porpris.
Atropos allein kommt im Rom. d. 1. R. v. 10733 vor.
In eine eigentümliche Verbindung sind die Parzen im Roman von
Amadas und Ydoine v. 2089 ff. gebracht, wo sich 3 Zauberinnen ver-
möge der Schwarzkunst in 3 Feen verwandeln und sich für die
Schicksalsgöttinnen halten.
Vergl. ferner Froissart I, S. 267, v. 1631 tu v. 1649 tu 1652, II,
S. 50 v. 1697.
Die neun Musen erwähnt das Lapidaire von Marbod als Be-
gleiterin»?!* Apollos. Lapid. fr. 147, v. 47 ff.:
J)eT&nt Apollo et derire.
Lee nuef muees i estoient
Grant joie par semblant fesoient.
Namentlich wird Calliope angeführt im Bull. d. 1. soc. des anc.
textes 1877, Nr. 3, S. 100, v. 31 ff. und bei Chastellain VH, S. 182.
Molinet nennt Clio (Rec. de cha»ts hist« S. 389).
Von dem Wohnsitz der Götter, dem Olymp, spricht der Trösor
S. 165: Li est Macedoine, en quoi est la oitäs de Atheines, et mons
Olimpe, qui touz jors reluist, et est plus haus que cestui air en quoi
li oisel volent selonc ce que li ancien dient, qui aucune foiz i mon-
terent
Im Dolop. v. 12172 ff. findet sich eine Version der Sage von dem
Titanen Prometheus, nach der er die Menschen aus Thon bildete,
mit himmlischem Feuer belebte und durch seine Erfindungsgabe und
Belehrung zu höherer Kultur leitete.
Die Dioskuren, Castor und Pollux, erwähnt Gui de Cembrai
als Söhne des Zeus. (Bari. u. Jos. S. 185, 43 ff.)
Nach dem Cumpoz (v. 1275 ff.) haben sie zwar auch eine gemein-
same Mutter, aber Castor ist der Sohn Jupiters und Pollux der Sohn
des Mars. Der antiken Sage zufolge sind sie jedoch beide entweder
Söhne des Zeus oder des Tyndareus, oder nur Pollux ist der Sohn des
Zeus und Castor der des Tyndareus. Dass Zeus die Brüder für ihre
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Bruderliebe als Sterne an den Himmel versetzte, darauf spielt Pb. de
Thatin gleichfalls an. Das Lapidaire des Marbod (Lapid.fr. S. 107,
v. 885 ff.) lässt sie den Stein Aitite tragen.
Häufig tritt Hercules in der altfr. Litteratur auf. Ueber seine
Abstammung von Zeus und der Alcmene vergl. Barl. u. Jos. S. 185,
Apologia mulierum v. 160 ff. und Ren4 HI, S. 110. Nach dem Rom.
d’Al. S. 55, 35 ff. ist der dritte Teil von Alexanders Zelt mit Dar-
stellungen aus dem Leben des Hercules bedeckt Wir sehen ihn, wie
er als kleiner Knabe in seinem Bette liegt und die von der Juno ge-
sandten, giftigen Schlangen mit den Händen zerdrückt, wie er die Erde
bis zum Orient erobert, dort Säulen errichtet und den Himmel auf
seinem Nacken trägt par son encantement , wie der Dichter naiv hinzu-
setzt. Vergl. ferner Rom. d’Al. S. 336,5 und S. 213, 35. Betreffs des
Eroberungszuges von Hercules hat der Dichter wahrscheinlich die
Sage von dem Zuge des Bacchus im Auge gehabt und diese mit der
von Hercules vermengt. Hercules setzte die Säulen an die Strasse von
Gibraltar als Zeichen seiner weitesten Fahrt, und er war nicht auf
einem Eroberungszuge sondern auf der Suche nach den Rindern des
Geryon begriffen. Auch Benoit de Sainte-More (Rom. de Troie v.
795 ff.) verlegt die Säulen nach dem Osten, ebenso wie Brunetto
Latini (Tresor S. 158). An ihrer richtigen Stelle stehen die Säulen im
M Brut v. 1277 ff. und im W Brut v. 727 ff. Vergl ferner A. Chartier S. 364
Hercules’ gewaltige Stärke, seine Kämpfe mit Riesen und wilden
Tieren werden im Anfang des Romans von Hector, im Torn. de l’Ant
S. 18, 9 und bei Rend 1H, S. 153 gerühmt Vergl Froissart II,
S. 369 v. 4
Bruchstücke eines Gedichtes über die Arbeiten des Hercules ««d
abgedruckt in dem Bulletin d. 1. soctetö des aac. t. fr., 1877, Nr. 3.
Zuerst erzählt der Dichter, wie Hercules die Harpyen, welche den
König Phineus belästigten, vertrieb (v. 109 — 129). Die Harpyen sind
hier wahrscheinlich mit den stymphalischen Vögeln verwechselt. Dann
geht der Dichter dazu über, wie Hercules sich in den Besitz der Äpfel
der Hesperiden setzte. Nach dieser Stelle giebt es nur zwei Töchter
des Atlas, während es nach der alten Sage deren vier sind (v.131 — 152).
Drittens fährt das Gedicht mit der Besiegung des Cerberus fort und
deutet kurz die Liebe von Hercules’ Freunde Pirithous zu Proserpina
an. Dann bricht es plötzlich ab. Zwei andere Arbeiten, die Tötung
der lernaeisdhen Hydra und des Geryon werden erwähnt im Mys Ihre
de la rösurrection du Sauveur (Thöatre fr. au mogetn-äge S. 12). Vgl
Lyoner Yzopet, v. 1161 — 2. Von den 12 Arbeiten und von dem Tode
des Hercules spricht auch Jean de Meung. Er teilt uns sogar mit,
dass Hercules sieben Fuss mass. (Rom. d. L R. v. 9523 ff.)
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Seinen Tod lesen wir an verschiedenen Stellen.
Dolop. v. 10260 ff. : Certea, j’ai oit et lint
Ensi eomment Dejanirait
Herculem son ami tuait.
Barl. u. Jos. S. 190, 35 ff:
Molt fu crueus, Bessons l’ocist
Si com res toi re le nous dist.
Hier ist also aus Nessus ein Bessons geworden. Vergl. dazu
A. Charta er S. 364. Von Jean de Cond6 (Bd. I, S. 98, 37) und
Guillaume de Machault (S. 132) wird er als Teilnehmer am Argo-
nautenzuge genannt
An zwei Stellen des Rom. d. 1. R. (w. 16213 u. 22415 ff.) finden
wir das Abenteuer des Hercules mit dem Rinderdieb Cacus.
Der Liebe des Hercules zu Jole wird vom R. d. 1. R. v. 9537 ff.
und dem König Renä (Bd. HI, S. 110) gedacht.
Unter der Janua bei Ren6 ist jedenfalls Jole zu verstehen, denn
an einer späteren Stelle S. 153 ist von seiner Liebe zu Jole ausführlich
die Rede.
Dass sich das Mittetalter einen so gewaltigen Helden wie Hercules
unter dem Schutze höherer Mächte stehend dachte, war nur zu natürlich.
Lapid. fr. S. 166, v. 699 ff:
Par ceste piere Alcid&s
M&int peril veinqui ; apr&s,
Un jor 1& lassa; 90c m’ est vis:
Ocis fu de ses enemis.
Den Perseus schildert uns Jean de Meung als den Besieger der
Medusa (R. d. 1. R. v. 21534 ff). Des Pegasus, welcher aus dem
Rumpfe der Medusa hervorsprang, gedenken Antoine de la Sale (Jeh.
de Saintrö S. 206) und Froissart Bd. H, S. 369 v. 15.
Froissart erzählt (Bd. 1, 216) eine Geschichte von „B eil or o ph us tf ,
von der Scheler sagt: „Je ne sais oü Froissart a 6t6 puiser cette fable
de Bellorophus, qui n’a rien de commun avec celle de Bellerophon.“
Auch ich vermag nichts über die Quelle dieser Erzählung hinzuzufügen.
Als ein Beispiel grosser Freundestreue führt Jean de Meung
Theseus an (R. d. 1. R. v. 8462). Nach ihm stieg er lebend in die
Unterwelt hinab, um seinen Freund Pirithous zu suchen. Die Sage
weise nichts von einer solchen That des Theseus.
Renö erwähnt die Besiegung des Minotaur, das Verhältnis des
Theseus zur Ariadne und seiner Gemahlin Phaedra (Band IH, S. 108).
Aus Ariadne hat Renö durch Metathesis den ihm vielleicht geläufigeren
Namen Adrienne gebildet.
GuilL de Machault (S. 132) nennt ihn als Geführten des Hercules
und Jason bei dem Argonautenzuge. Vergl. Chastellain VII, S. 424.
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Der Rom. d. 1. R. kennt den Phoroneus, den Sohn des Inachus,
König von Argos, welcher zuerst die zerstreuten Argiver in gemein-
schaftlichen Wohnsitzen vereinigt und sie die Anfänge der Kultur ge-
lehrt haben soll (R. d. 1. R. v. 9077 ff.).
Derselbe Phoroneus findet sich in einem Mysterium des alten
Testaments, wo der König Pharao seinen Hofleuten ans Herz legt, die
Gesetze zu respektiren, welche der König Phoroneus gegeben habe
(Le mistöre du viel testam. II, v. 11455 ff). Vergl. Tr6sor S. 40.
Amphi on, dem Sohne des Zeus und der Antiope (Barl. u. Jos.
S. 185), nach dessen Spiel auf der. Leier sich die Steine zu den Mauern
Thebens zusammenfügten, begegnen wir im Rom. d. 1. R. v. 21809 ff.
Fälschlich heisst es im Tr6sor S. 469, dass Amphion die Stadt Athen
auf diese Weise erbaute. Auch Molinet ist die Sage von der Erbauung
Thebens durch das Spiel der Harfe bekannt. Rec. de chants histor.
S. 389. Vergl. noch Oeuvres de Chastellain VII, S. 180.
Den Bruderzwist des Eteocles und Polynices und den trau-
rigen Ausgang desselben erwähnt Chrestien de Troyes.
Cliges v. 2536 ff.: Ainz li dient qu’il sovaingne
De la guerre Polinic^s,
tju’il prist ancontre Ethiocl^s,
Qui estoit ses frere germains,
S’ocist li uns l’autre a ses mains.
Ausführlicher schildert denselben Chastellain Bd. VII, S. 379 u. 380.
Antigone und Ismene werden als hervorragende Schönheiten
gepriesen. Rom. de la Viol. v. 873 ff:
Gaite qui fu femme Atis,
Polisena, ne dame Helainne,
Dydo la roine, n’ Ismaine,
Antigone, n’ Iseus-la-blonde
N’orent pas le disme biautA
Floire et Blancefl. v. 2570 ff :
Ne Antigone, ne Ismaine,
En 16ece tant bei ne furent
Com erent eil quant morir durent.
Ismene zählt der Donnez des amanz als eine der Frauen auf*
welche durch ihre treue Liebe berühmt waren.
Tristan, Bd. I, S. 65 u. 66 der Einleitung:
Si pemez garde de Heleine
E de Didun e de Ymaine.
E de Ydoine et de Ysoud.
Quei feit Didun pur Eneas,
E Ydoine pur Amadas
Pour Itis quei refit Ymaine,
E pur Paris la bele Eieine?
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Der Atys in der Thebais des Statius, der Athes (Athon) des
Romans von Theben findet sich hier wieder in dem entstellten Itis.
Von den Teilnehmern des Zuges der Sieben gegen Theben werden
Hippomedon und Parthenopaeus, Tydeus und Adrastus an
verschiedenen Stellen genannt.
Floire et Blancefl. v. 2567 ff. :
Paris de Troies, n’ Absalon
Parthonopus, n’ Ypomedon,
En 16ece tant bei ne furent
Com erent eil etc.
Renart le Nouv. v. 5047 ff.r
Hardis est et preus de sen cors,
Com se fast li bons Ectors
U Accilles u Thidäus
Ri d’Escalidone fu Das,
Ki devant Tebes fu occis.
Gautier de Tournay (Trouv. p. p. Dinaux II, S. 179,10 ff.):
Onques Ector ne Achylles,
Ne Patroclus ne Ulixes
Polynetes, ne Tydeus,
Ne Tyocles, ne Adrastus,
Li fort roy dont on tant parole
Dont eil clerc lisent en escole
Rois Alixandres, ne Porrus,
Ne furent teil, ne tant n’avint,
Comme k cestui que je veul dire.
Unter Polynetes und Tyocles hat man natürlich Eteocles und
Polynices zu verstehen.
Vgl. ferner Bauduin de Sebourc, Chant XVII, v. 735 ff.
Von Tydeus sagt das Lapidaire de Berne, dass er einen Onyx
in der Schlacht zu seinem Schutze trug. Vergl. Lapid. fr. S. 120,
v. 422.
Über die Belagerung Thebens vergl. Jean de Cond6, Bd. I,
S. 98, 35 ff.
Bei Deschamps S. 142 finden wir den Namen der Gemahlin des
Tydeus, der Deiphyle:
Semiramis avecques ces preux vien :
Deyphile, Marsopye k lui erre.
Synoppe apr&s, Panthasill4e tien;
Tautha, que j’aim, va Thamaris requerre;
Ypolite Menalope desserre.
Wen Deschamps mit Marsopye, Synoppe und Tautha meint, habe
ich nicht ermitteln können.
Der Roman von Floire et Blanceflor v. 719 ff. nennt Minos,
Thoas und Rhadamanthus als Richter in der Unterwelt. Einen
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Thoas kannten die Alten in dieser Eigenschaft nicht. Richtig finden
wir für Thoas Aeacus im R. d. 1. R. v. 20666 ff.:
C’est Badamantas et Minos
Et le tiers Eacus lor frere,
Jupiter k ces trois fu pere.
Cist trois, si cum Ten les renomme
Furent au siede si prodomme,
Et justice si bien maintindrent,
Que juges d’enfer en devindrent.
Qni de Cambrai sagt uns (Barl. u. Jos. S. 186), dass Minos und
Rhadamanthus Söhne Jupiters waren. Vergl. ferner Froissart, BdL UI,
S. 251.
Eine Aufzählung der Unglücklichen, welche in der Unterwelt mit
schweren Strafen belegt waren, giebt uns der Rom. d. 1. R. v. 19973 ff.
Da begegnen wir zuerst dem an ein beständig rollendes Rad ge-
bundenen Ixion, dessen Qualen auch in dem Gedicht von Orpheus
(y. 61 ff.), das in dem Bulletin de la soc. des anc. textes fr. 1877 ge-
druckt ist, beschrieben werden. Vergl. Po&ies de Froissart I, S. 267
y. 1635. Dann sehen wir den vor Hunger und Durst schmachtenden
Tantalus, auf den schon im Wilhelm von England angespielt wird.
(Chron. Anglo-Norm. p. p. Michel, III S. 75):
En tel torment est covoiteus,
K’en abondance est souffraitex,
* Tout ausi comme Tamalus,
Qui en infer soeffre malus.
Sodann spricht Rutebeuf (H, S. 98, 24 ff.) von Tantalus:
Gar qu’avoec Tantalu
En enfer le jalu
Ne praingne m’4rit4.
Auch G. de Machault S. 149 erwähnt die Strafe des Tantalus,
und Froissart kommt mehrere Male darauf zurück (I, S. 34, S. 267,
S. 282.). Olivier Basselin sagt scherzhafter Weise (Vaux-de-Vire
S. 210): „Wenn ich einen Feind hätte, so sollte er sich immer nur
in Wasser zur Hälfte satt trinken. Das würde für ihn eine grössere
Qual sein, als sie Tantalus in der Unterwelt zu erleiden hatte.“
Schliesslich spielt auch noch Charles d'Orldans (Po^sies S. 396) auf
Tantalus an. Den Sysiphus, der einen immer wieder herabrollenden
Stein auf einen Berg wälzen musste, zeigt uns Jean de Meung in
v. 19989 ff. Sodann sehen wir die Beliden, und auch der unglück-
liche Tityus fehlt nicht. Vgl. Poösies de Froissart I, 267.
Verschiedene Flüsse der Unterwelt Lethe, Acheron und
Phlegethon nennen der Tresor S. 170 und Poäsies de Froissart IH, 251.
Eine dunkle Reminiscenz an Hypsipyle oder Hypermnestra
scheint mir vorzuliegen in dem Anfang der Erzählung, die sich bei
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Jabinal, nouv. rec. S. 364 ff. gedruckt findet. Derselbe ist kurz
folgender: Ein mächtiger König in Griechenland hatte 30 Töchter,
welche 30 Könige heirateten. Sie kamen einst heimlich zusammen
und beschlossen, nicht länger ihren Männern unterthan zu sein, sondern
sie alle an einem bestimmten Tage zu ermorden. Aber die jüngste
Tochter entdeckt ihrem Gemahl den Plan, beide fliehen an den Hof
des Vaters und teilen diesem das Geheimnis mit Dieser lässt die
Töchter zu sich berufen, sie gestehen und werden verbannt etc.
Eine Erinnerung an das Reich der Amazonen liegt vor in dem
Mort Ayineri de Narbonne, wo der Emir Corsout 14000 Jungfrauen
aus dem Lande Femenie kommen lässt, um durch sie Narbonne
wieder zu bevölkern. Der Name Femenie ist jedenfalls durch eine
Volksetymologie von femme gebildet. Vergl. Mort Aymeri de Nar-
bonne v. 1650 ff., v. 2062, v. 2481 etc.
In dem Torn. de l’Ant S. 45 lässt Huon de Mery jedenfalls
mit Absicht die Virginia auf einem weissen Streitross aus Amazonie
reiten. Hippolita und Penthesilea, die Königinnen der Ama-
zonen, werden genannt von Deschamps S. 142 und von Chastellain
(Bd. VH, S. 54).
Wie Penthesilea, vielleicht aus Liebe zu Hector, den Trojanern
zu Hülfe kam, erzählt Brunetto Latini im Träsor S. 39. Dort ist
auch ausführlich über die Amazonen gehandelt.
Sehr bekannt scheinen den Dichtern die Sirenen gewesen zu
sein, da ein schöner Gesang zuweilen einfach mit Sirenengesang be-
zeichnet wird. R. d. 1. R. v. 8795:
Et cbantäs cum une seraine.
Vgl. ferner Rom. d’Al. S. 26, 34 u. S. 543, 12 ff., Chansons de
Thibaut S. 64.
Ausführlicher werden die Sirenen beschrieben im WBrut, in den
verschiedenen Tierbüchern und im Tresor.
WBrut v. 735 ff.:
Seraines sont monstre de mer
Des ci6s poent fernes sambler
Poisson sunt del nombril aval.
Vers ocidsnt en la mer hantent.
Dolces vois ont, dolcement cbantent,
Par lor dols cans les fols ataignent etc.
Während das Bestiaire von Pierre (M&anges d’arch^ol. II, S. 172 ff.)
und das von Richard de Fournival (S. 16) drei Arten von Sirenen
unterscheiden, kennt das von Gervaise (v. 305 ff.) nur eine Art
Brunetto Latini hn Trösor S. 189 hingegen beschränkt die Zahl der
Sirenen überhaupt auf drei. Er sagt: Sereine, ce dient li autor,
sont .111. qui avoient semblance de ferne dou chief jusque m cnisses;
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mais de celui len en ayal avoient semblance de poisson, et avoient
eles et ongles ; dont la premiere chantoit mervilleusement de sa bouche,
l’autre de flatit et de canon (chalemel); la tierce de citole etc. Vergl.
ferner MBrut v. 1279 ff., Chanson de Molinet in Ree. de chants
hist. S. 389 und Chastellain VIII, S. 286.
Der Höllenhund Cerberus wird oft erwähnt. Chans. d’Antioche II,
Gesang VI, v. 1022 ff.:
Et la tour firent faire k un lor manouvrier,
Cele fiat Cerberus qui d enfer est portier.
Rom. d’Al. S. 300, 21:
et le porte d’infier que garde Celebrus.
Etwas Näheres über sein Aussehen erfahren wir in den folgenden
Stellen: Torn. de TAnt. S. 18, 19:
Quant Cerberus i fut venus,
Icil fut por maistre tenus,
Por ce que .III. testes avoit
An einer andern Stelle S. 73 legt Huon de Mery dem Cerberus
vier Köpfe bei.
Vergl. Rom. d. 1. R. v. 21893 ff, Bulletin d. 1. soc. desanc. t. fr.,
1877, Nr. 3, S. 100 und S. 103, Ren6, III, S. 108, Froissart, I, S. 267
und III, S. 251.
Eine Reminiscenz an die lernaeische Hydra kommt im Bestiaire
d’amour S. 36, 12 ff. vor: Aussi come il avient de cocodrille et
(Tun autre serpent c’on apiele Ydre. C’est un serpenz qui a plusieurs
testes et s’est de teil nature, que son li trenche une de ses testes, il
Ten reviennent .II.
Die Charybdis wird im bildlichen Sinne im Rom. d. 1. R. ge-
braucht (v. 4539 — 40).
Die Centauren werden geschildert im Bestiaire de Pierre und
dem Bestiaire de Gervaise v. 329 ff. Bestiaire de Pierre (M61.
d’archdol. H, 173):
Et li honocentons, c’on ap&le sacraire nach [Ms. R. Li houocentors,
c’on apfele la sagetaire] est dis porce que il est moitid home et moitid
asne (nach Ms. R. cheval]. Die Lesart ist hier sehr verderbt, wie
man sieht.
Noch andere fabelhafte Tiergestalten der Alten , nämlich die
Harpyien, finden wir im Bestiaire de Pierre. Sie haben aber kaum
mehr als den Namen mit diesen gemein (M£langes d’archdol. II, 157).
Die Medusa und ihre Besiegung durch Perseus beschreibt der
Rom. d. 1. R. v. 21534 ff.
Häufig behandelt ist die Sage von dem fabelhaften Vogel
Phoenix, die ursprünglich aus Aegypten stammt und von Herodot
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zuerst aufgezeichnet wurde. Vergl. ferner Tacitus, annal. 6, 28,
Plinius, nat. hist. 10, 2 und Ovid, Metam. 15, 392 ff.
Aus dem Mittelalter haben wir das dem Kirchenvater Lactantius
zugeschriebene, lat. Gedicht De Phoenice, welches die Quelle des
ae. Gedichtes vom Vogel Phoenix bildet, jedoch keiner der altfran-
zösischen Bearbeitungen als Vorlage gedient zu haben scheint. Vgl.
Anglia III, 491.
Kurze Anspielungen auf die Sage finden sich im Cliges, bei
Rutebeuf, im Rom. d. 1. R. und bei Marguerite de Champagne.
Cliges V. 2727 ff.: Car si con fenix li oisiaus
Est sor toz autres li plus biaus
N’estre n’an puet que uns ansanble.
Rutebeuf II, S. 14, 13—14:
Tu iez l’aigles et li f^nisces,
Qui dou soleil reprent jovente.
Vergl. Rom. d. 1. R. v. 9019 ff. und Marguerite de Champagne
(Chansonniers de Champagne p. p. Tarb6 S. 25).
Eingehender wird von der Sage in den Bestiaires, dem Rom d. 1. R.,
Partonopeus und Tresor gehandelt.
Zwei von einander abweichende Überlieferungen teilt uns Philippe
de Thaün in seinem Bestiaire v. 1089 ff. mit. Nach der Überlieferung
von Isidor ist der Phoenix ein schöner, purpurner Vogel, der die
Gestalt eines Schwanes hat und in Arabien lebt. Er ist einzig in
seiner Art und lebt mehr als 500 Jahre. Fühlt er das Alter nahen,
so sammelt er wohlriechende Zweige und setzt sich mit ausgebreiteten
Flügeln darauf. Das Holz wird von der Sonne entzündet, und der
Phoenix lässt sich freiwillig zu Asche verbrennen. Am dritten Tage
geht er veijtingt wieder daraus hervor.
Die Überlieferung nach dem Physiologus ist eine wesentlich andere.
Der Phoenix lebt auch hier über 500 Jahre. Aber will er sich ver-
jüngen, so taucht er seinen Körper dreimal in Balsam und fliegt so-
gleich nach der Stadt Heliopolis, wo er dem Priester, der ihm dort
an einem Altäre dient, verkündigt, dass er sich verjüngen will.
Dieser zündet darauf ein Feuer aus Gewürzen auf dem Altäre an, in
das sich der Vogel stürzt. Im folgenden lasse ich die Worte des
Textes selbst folgen:
Quant ars est li Barment e le oisels ensement,
Li clers vent al autel, jamais nen orez tel,
Hoc truve un verment, suef alout petitet,
Al secund jur revent, furme d’oiset tent.
Quant repaire al terz jur l’oisel trove greignur,
Tut est fait* e furm6, al clerc dit tan vale ;
I^eo est D6s te salt; puis repaire el guald,
Dunt il anceis turaat, ainceis qu’il se bruillat.
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103
r
Nach dem Bestiaire von Pierre (Mdlanges d’arch^ofrll, S. 182) lebt
der Phoenix in Indien. Er trägt wie ein Pfau einen Kamm auf dem Kopfe
und ist rot und blau gefärbt. Wenn er 500 Jahre alt ißt, ßo fliegt er
auf den Berg Liban, wo sich eine sehr schöne Quelle und der höchste
Baum der Erde befindet. Auf diesen Baum baut er im März oder
April ein Nest aus kostbaren Gewürzen, auf dem er sich selbst ver-
brennt, um am dritten Tage verjüngt aus der Asche zu entstehen.
Nach dem Bestiaire von Gervaise v. 1009 ff. lebt der Phoenix in
Indien und singt sehr schön. Wenn er ein Alter von 100 Jahren er-
reicht hat, so sucht er einen Baum auf, Libanus genannt, in dem er
aus Gewürzen und kostbaren Steinen ein Nest im März baut. Er
verbrennt sich mit dem Neste und aus der Asche geht am ersten
Tage ein Wurm hervor, der am zweiten Tage zu einem kleinen Vogel
und am dritten zum verjüngten Phoenix wird.
Hiervon wieder verschieden ist die Beschreibung, welche der
Dichter des Partonopex v. 10331 ff. von dem Phoenix giebt Er lässt
das hohe Alter, in dem sich der Phoenix verjüngt, unbestimmt, und
nach ihm steigt erst am neunten Tage ein neuer Vogel aus der Asche
hervor.
Fast grade so ist die Schilderung, welche der Rom. d. 1. R. v.
16643 ff. von dem Phoenix giebt, nur dass ihn der Dichter statt einer
unbestimmten Zeit 500 Jahre alt werden lässt.
Schliesslich will ich noch in Kürze die Überlieferung nach dem
Tr&or S. 214 anfiihren. Der Phoenix lebt in Arabien und hat un-
gefähr die Grösse eines Adlers. Einige sagen, dass er 540 Jahre lebe,
andere, dass sein Leben länger als 1000 Jahre daure, die meisten
aber, dass er 500 Jahre alt werde. Dann baue er auf einem wohl-
riechenden Baume ein Nest, verbrenne sich darauf, und nachdem am
ersten Tage ein Wurm und am zweiten Tage ein kleiner Vogel aus
der Asche geworden sei, gestalte er sich am dritten Tage wieder zu
einem Phoenix.
Dann fügt Brunetto Latini noch hinzu: Et li auquant dient que
ce est fait par le provoire d'une cit6 qui a nom Eliopolix, oü li fenix
renaist, selonc ce que li contes devise ci devant.
Noch einmal wird der Phoenix S. 154 des Tresors erwähnt.
Ovid in der afr. Litteratur.
Ovid hat auf die Poesie des Mittelalters einen grossen Einfluss
ausgeübt. Vgl. Albrecht v. Halberstadt, hgg. v. Bartsch, Quedlinburg
1861. Bereits vor Karl d. Grossen war er in Südfrankreich, Spanien
und England bekannt und wurde vom 9. Jh. ab auch in Nordfrank-
reich und Deutschland viel gelesen und nachgebildet Am beliebtesten
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104
war neben den Metamorphosen die Ars amandi. Die verschiedenen
Bearbeitungen des letzten Werkes finden wir angeführt in Maitre
Elie's Überarbeitung der ältesten französischen Übertragung von
Ovid’s ars amatoria, hgg. von Kühne u. Stengel, Marburg 1886,
S. 2 — 3. Die Bearbeitung der Metamorphosen durch Chrestien Legouais
de Sainte-More ist bereits an anderer Stelle erwähnt.
Im Folgenden stellen wir hier die Stoffe zusammen, welche auf
Ovid und besonders dessen Metamorphosen zurückgehen.
Die bekannte Erzählung von Deucalion und Pyrrha, welche
nach der grossen Flut die Stammeltern eines neuen Menschen-
geschlechtes wurden, finden wir wieder im Rom. d. 1. R. v. 18286 —
18342 (Ov. Met. I, 318 — 415). Ob Froissart I, 35 v. 1152 mit
Eucalion den Deucalion gemeint hat, kann ich nicht entscheiden. Der
Zusammenhang spricht dagegen.
Die Sage von der Erbauung Thebens durch Cadmus (vergl. Ov.
Met. HI, 1 — 130) teilt uns gleichfalls Jean de Meung mit.
Auf Geheiss der Pallas sät Cadmus Drachenzähne in frisch ge-
pflügtes Land, aus denen geharnischte Ritter hervorwachsen. Alle
bringen sich gegenseitig um, nur fünf bleiben über, mit denen Cadmus
die Mauern von Theben erbaut. Vergl. Oeuvres de Chastellain,
Bd. Vin, 325.
Im Rom. des sept sages v. 27 ff. begegnen wir der Sage von
Orpheus und Eurydice, welche Ovid in den Metamorphosen X, 1 ff.
erzählt:
Et bien aues oi conter
Com Alpheus ala harper
En infier, por sa femme traire.
Apolins fu si deboinaire,
Kil li rendi par tel conuent
Sele ne saloit regardant.
Femme est tous iors plainne denuie,
Regarde soi par mesproisie.
Doch nicht nur der Name Orpheus, sondern auch die Sage selbst
ist hier von dem Dichter verändert. Denn erstens gestattete nicht
Apollo, sondern Proserpina der Eurydice die Rückkehr auf die Ober-
welt, und sodann war es dem Orpheus, nicht seiner Gemahlin, ver-
boten sich umzusehen.
Von dem Zauber, den Orpheus durch sein Saitenspiel auf alle
Geschöpfe ausübte, spricht G. de Machault. Oeuvres de Mach. S. 9.:
Orpheus mist borg Erudice
D’enfer, la cointe, la faitice,
Par sa barpe et par son dous chant.
Cilz po&tes dont je vous chant
Harpoit si tr&s-joliement
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105
Et li cbantoit si doucement,
Que les grans arbres s’abaissoient
Et les rm&res retournoient.
Vgl. ferner Oeuvres de Machault S. 88.
Ein anderer Dichter des 14. Jh., Renaut de Louvain, erzählt von
Orpheus, un tres gracieux menestriers , wie er seine Geliebte in der
Hölle suchte. Trouvferes p. p. Dinaux IV, 622 ff.:
Tant a viol4 et chant£
qu’il a le diable enchante.
Li rois d’enfer tantost s’aecorde
qu’on le face mis^ricorde.
Auch Froissart (II, S. 94, v. 3164 ff.) ist die Sage von dem Herab-
steigen des Orpheus in die Unterwelt nicht unbekannt, aber er hat
diese Sage mit der von Proserpina vermischt. Hier erscheint nämlich
an Stelle der Eurydice die Proserpina als Freundin des Orpheus.
Diese wird von Pluto in die Unterwelt entfährt, Orpheus steigt ihr
nach, bezaubert alle Götter durch sein Harfenspiel und erlangt die
Zurückgabe der Proserpina. Allein da findet es sich, dass sie schon
Frucht in der Unterwelt gegessen hat, und sie muss bleiben.
Vgl. ferner: 1) Froissart I, S. 51, v. 1712 ff., S. 34, v. 1139 ff.;
III, S. 71 v. 618 ff. u. S. 72 v. 625 ff. 2) Oeuvres de Deschamps I,
S. 30 u. 32. 3) Oeuvres de Chastellain VII, 180.
Ovid sagt in den Metam. X, 78 ff, dass Orpheus nach dem Ver-
luste der Eurydice die Thracier lehrte, die Frauen zu verschmähen
und sich der Knabenliebe zuzuwenden. Er selbst sei der Erfinder
dieser abscheulichen Liebe gewesen. Hierauf spielt der Roman d. 1. R.
v. 20357 ff. an:
Et conferment lor euvres males
Par excepcions anormales,
Quant Orpb^us vuelent ensivre,
Qui ne sot arer ne escrivre,
Ne forgier en la droite forge.
Der Roman von Dolop. v. 12179 macht Orpheus zum Schöpfer der
Welt.
Die Erzählung Ovids von Pygmalion (Metam. X, 243 ff.) hat
Jean de Meung im Rom. d. 1. R. v. 21593 — 2200 bearbeitet. Er folgt
in den Hauptzügen seinem Vorbilde ziemlich genau, nur ist er etwas
ausführlicher. Deshalb glaube ich von einer Inhaltsangabe absehen zu
dürfen.
Die Anspielungen bei Dichtern auf diese Sage sind ziemlich häufig.
In wenigen Versen erzählt sie G. de Machault S. 60. Ein kurzes Citat
findet sich von demselben auf S. 133:
De l’image que fist Pymalion
Elle n’aveit pareille ne seconde.
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106
Vergl. ferner: Froissart I, S. 34 und S. 139; II, S. 95, S. 251,
S. 369, S. 388; Oeuvres de Chartier S. 738.
Über die Nachkommen des Pygmalion giebt uns Jean de Meung
nach Ovid, Metam. X, 297 ff. nähere Auskunft (R. d. 1. R. v. 21974 ff).
Pygmalions Sohn war Paphos. Dieser zeugte den Cinyras, der
von seiner Tochter Myrrha schändlich betrogen wurde, indem sich Myrrha
in der Nacht in sein Bett legte, ohne dass Cinyras sie erkannte, und von
ihrem Vater den Adonis empfing. Als Cinyras den Betrug merkte,
entfloh Myrrha und wurde in einen Myrrhenbaum verwandelt.
Wie Adonis von Venus geliebt wurde, wie auf der Jagd ein
Eber ihn tötete, und Venus ihn beweinte, erzählt uns Gui deCambrai
(Barl. u. Jos. S. 192, 1 ff. und S. 197, 7 ff). Nähere Auskunft giebt
der Rom. d. 1. R. v. 16323 ff. über diese Sage. Adonis nämlich, wegen
seiner ausserordentlichen Schönheit von Venus geliebt, geht einst mit
ihr auf die Jagd. Aus Besorgnis um sein Leben rät sie ihm, keine
wilden und gefährlichen Tiere zu jagen. Er missachtet aber ihren
Rat und wird von einem Eber umgebracht. (Vergl. Ovid, Metam. X,
503 ff.) Angespielt wird auf des Adonis Tod noch v. 10895 des
Romans d. 1. R.
Nach Ovid, Met. X, 560 ff. erzählt Venus dem Adonis, um ihn
vom Kampfe mit Löwen abzuhalten, die Verwandlung der Ata-
lante und des Hippomenes. Diese Sage ist auch Froissart (III i
S. 190 ff.) bekannt, aber er lässt den Adonis die Rolle des Hippomenes
übernehmen.
Atalante wollte, nach Froissart, keinen Mann mit ihrer Liebe be-
glücken, der sie nicht im Wettlauf überwinden könnte. Bestand er
die Probe nicht, so sollte sein Leben dem Tode verfallen sein. Schon
mehrere Bewerber hatten ihr Unternehmen mit dem Tode gebüsst. Da
erweckte Amor auch in Adonis das Verlangen, die Jungfrau zu be-
sitzen. Atalante bedauert den schönen Jüngling wegen des ihm bevor-
stehenden Geschicks. Doch Adonis lässt sich nicht von seinem Vor-
haben abbringen und fleht Venus um Hülfe bei demselben an. Diese
giebt ihm drei goldene Apfel und rät ihm, sie beim Wettlauf nach
einander fallen zu lassen. Er thut so, Atalante bückt sich jedes Mal
nach ihnen, und Adonis bleibt Sieger.
Merkwürdiger Weise wird an einer andern Stelle (Bd. I, S. 39)
Atalante mit Hippomenes zusammen von Froissart erwähnt.
Die Sage von Jason und Medea, die wir bei Ovid, Metam. VII,
1 ff. finden, war für das mittelalterliche Publikum ein interessanter Stoff.
Die älteste Erwähnung der Sage begegnet uns in der Estoire des
Engles von Geflrei Gaimar (Monum. histor. Brit. Vol. I, S. 829):
Ore avom pes e menum joie,
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107
Treske ci dit Gaimar de Troie.
E comencat la u Jasun
Ala conquere la tuisun.
Der Teil des Werkes, auf den hier angespielt wird, ist bis jetzt noch
nicht wiedergefunden worden.
Sodann haben wir einen Hinweis auf die Sage bei Clirestien de
Troyes im Cliges v. 3028 ff.:
Bi sai se je l’osoie di re,
D’anchantemanz et de charaies
Bien esprovees et veraies
Plus qu’onques Medea ne sot.
Auch das Volksepos weiss von der That Jasons und Medeas zu
berichten.
Fierabras v. 2030 ff.:
Une föe l’ouvra par grant nobilitä,
En Tille de Corcoil, dont on a moult parlä,
Lä oü Jason ala, la ü fu enditd,
Por i’ocoison d’or fin, ce dient li letr4.
Aus dem Zusammenhänge geht unzweifelhaft hervor, dass mit der Fee
Medea gemeint und dass Corcoil nur eine Entstellung von Colchis
ebenso wie Tocoison von la toison ist.
Kurz zusammengefasst sind die Abenteuer im Rom. de 1. R. v.
13827 — 60. Hier sehen wir, wie Jason sich mit Hülfe der Medea in
den Besitz des goldenen Vliesses setzt, wie Medea den Aeson veijüngt
(Metam. X, 159 — 293), dann aber von Jason treulos verlassen wird
und ihre beiden Kinder aus Rache ermordet.
Auf die Untreue des Jason beziehen sich noch folgende Stellen.
R. d. 1. R. v. 15006—7:
Onques ne pot tenir Med4e
Jason por nul enchantement.
Alain Chartier S. 718:
Pource n’est point miß k la table
Des preux l’image de Jason,
Qui pour empörter la toison
De Colcos se veult pariurer.
Vergl. ferner Alain Chartier S. 733, Li remfedes d’amors v. 449 — 50,
Chansons de Thibaut S. 51, Jean de Cond4, I, S. 98, 37 — 38, G. de
Machault S. 60 und S. 132, La prise d’Alexandrie v. 4514 ff., Oeuvres
de Renä, I, S. X:
En luy sera ressuscit4 Jason,
Conquärir doibt et serpens et toyson,
Pour mettre fin aux discords de ce monde,
Dont tu devroys selon droict et raison
Rajouvenir, ainsi que fist Eson.
Po^sies de Froissart I, S* 30, v. 995, S, 35, v. 1153, S. 170,
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108 —
v. 2825; II, SS. 342, 343, 369, 381, 386, 387. Chans, de Molinet (Rec.
de chants hist S. 393).
Auch auf die Erzählung von Daedalus und seinem Sohn Icarus
(Ovid, Metam. VIII, 183—235 und Ars am. II, 21 ff.) wird zuweilen
von den Dichtern hingewiesen. An mehreren Stellen erwähnen sie das
Labyrinth, sein Bauwerk. Evangile as fames (Jongl. et Trouv. p. p.
Jubinal S. 30, 5 ff.):
Lor fiance resamble la meson Dedalus:
Quant l’en est enz entrez, si n’en fet issir nus.
Les vers du monde (Jub., nouv. rec. S. 125):
Quar il ne puet trover la voie:
Tu es la mäson D£dalu.
Pofeies de Charles d’Orl^ans S. 396:
C’est la prison de Dalus
Que de ma merencolie.
Quant je la cuide faillie
J’y rentre de plus en plus.
Die Rolle, welche Daedalus im Rom. de Renart le Nouvel S. 273
spielt, war den Alten unbekannt, denn nach der antiken Überlieferung
war es Venus, die über die Nachkommen des Helios erbittert, der
Pasiphae, der Gemahlin des Minos, die brennende Liebe zu dem
schönen Stier einflösste, deren Frucht der Minotaur war.
Ces letres furent faites par graut esgart de nus et de no conseil et kier-
kies l’an ke Phasiph6 li Roine ferne le Roi Minos engenra d’un tor Minotaurum
par le conseil Dedalus.
Den Flug aus dem Labyrinth finden wir zweimal genannt.
Fabliaux p. p. Montaiglon IV, 208.
Rom. d. 1. R. v. 5468 ff:
A Dedalus prennent ezemple.
Qui fist eles k Ycarus,
Quant per art, non mie par us,
Tindrent par mer voie communne.
Eine Reminiscenz an den Flug des Icarus ist vielleicht der un-
glückliche Flug des Königs Bladud im MBrut v. 2719 ff
Als den geschickten Künstler zeigt uns Daedalus der Rom. d. 1. R.
v. 22161 ff
Die Sage von Byblis, der Tochter des Miletus, welche dem ihrer
sündigen Liebe entweichenden Bruder Caunus folgte, bis sie ermattet
niedersank und Thränen vergiessend in eine Quelle sich auflöste (Ovid,
Met. IX, 441—665) oder sich selbst erhenkte (Ovid, ars am. I, 283),
ist angedeutet in Floire et Blfl. v. 822 ff. und dem Rom. d’Alixandre
S. 536, 22 ff:
Caulus .1. damoisiaus, ses p&res fu roi mis,
n4s estoit de Milette, si fu fr&rea Biblis
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109
qui por le fol corage qu’il avoit en lui mis
s’en isi de vergogne et guerpi son pais.
Hier ist also der sagenhafte Caunus zu Caulus, einem Feldherrn
Alexanders, geworden.
In dem „Bel Inconnu a v. 4260 wird Byblis mit unter die be-
rühmten Schönheiten gezählt.
Der Frevel des Tantalus gegen die Götter und seine Strafe
finden sich in dem Liede von Orpheus. Bull. d. 1. soc. des anc. t. fr.
1877, S. 101, v. 79 ff.:
Tentalus en une saison
Les diex semont en sa maisön,
Et fist grant mangier et grant feste,
Mais en la fin i vint moleste,
Quar quant vit que li faut vitaille
Son propre fil per morseax taille
Et le met cuire por mengier.
Ly dieu qui doivent tot vangier
De cest crime garde se prirent
Et tres durement le punirent etc.
George Chastellain kannte jedenfalls die Geschichte von Tereus,
Procne uqd Philomele, denn er sagt (Bd. VIII, S. 286):
Et ay cuidi4 par nouveautä puraine
Surpasser tout, Philom&ne et seraine.
Die Sage von J o , der Geliebten Jupiters , welche von Juno aus
Eifersucht in eine Kuh verwandelt und dem hundertäugigen Argus
zur Bewachung übergeben wurde etc., wird häufig erwähnt (Metam.
I, 588.) Die Fassung der Sage, wie sie das Bestiaire d’amour von
Richard de Foumival S. 27, 5 ff. giebt, will ich der naiven Ausdrucks-
weise wegen ganz anführen:
Car jou ai o'i conter d’une dame qui avoit une trop bele vache, que eie
amoit taut que eie ne le volsist avoir perdue por nule riens. Si le dona k garder
k an vachier qui avoit k non Argus. Cil Argus avoit cent iols. Si ne dor-
moit onques que de II iols ensamble. Si reposoit adfes les iols deus et deus et
tout li autre guaitoient Et parmi tout ce, fu la vache perdue. Car uns hom
qui la vache avoit am4e i envoia un sien fil qui merveilles savoit bien chanter
en une longe verge crous4e, qui avoit non Mercurius. Cil Merourius comenga
k parier k Argus d’un et del, et chanter k la fois en sa verge et tant li ala
entour, qu’en parlant, qu’en chantant , que Argus s’endormit de II iols et puis
de II, et tant s’endormi de ses deus iols, deus et deus, que il s’endormi de toz;
et lors li trencha Mercurius la teste et enmena la vache k son p&re.
Fast genau mit denselben Worten ist die Fabel im Bestiaire von
Pierre erzählt (M61anges d’arch6ol. Vol. II, S. 181). Auch der ge-
lehrte Jean de Meung ist über die Sage unterrichtet (Rom. d. 1. R.
v. 14983 ff), schreibt aber fälschlicher Weise dem Argus die Ver-
wandlung der Jo zu. Nicht minder kennt Froissart diesen Stoff.
Vgl. Poäsies de Froissart DI, S. 244 u. 246, S. 267 v. 2769 ff.
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110
Eine kurze Anspielung findet sich bei Eustache Deschamps 11,19:
Plus sui muez en forme merveilleuse
Qu’ Yo ne fit, qui en v&che mua.
Wie Mercur den Argus einschläferte , erzählen Molinet (Rec. de
chants hist. S. 389) und Jehan Robertet (Oeuvres de Chastellain
VII, 180). Vgl. Fabliaux p. p. Montaiglon I, 120, 85.
Doch im allgemeinen galt Argus (Ovid, Met. I, 625 — 627) als ein
Muster grosser Wachsamkeit.
Vgl. Rom. d. 1. R. v. 13378 ff., Lyoner Yzopet v. 3113 ff., Tom.
de l'Ant. S. 57, 18:
H n’est rien qui la surpreist:
Non; qu’ä, chascun oil ot Argus.
G. de Machault S. 133, 4 und S. 149 und Eustache Deschamps II, 25.
Die Sage von Phaöthon, welcher einst den Sonnenwagen seines
Vaters Phoebus führte, aber die Rosse nicht zu zügeln vermochte,
Himmel und Erde in Brand setzte und von Jupiter mit dem Blitze
erschlagen wurde (Ovid, Met. I, 748 — II, 400) wird im Lyoner Yzopet
v. 391 ff^ behandelt.
Weitläufiger spricht Froissart (Bd I, S. 271 ff.) davon, wobei er
sich einige Verstösse gegen die antike Überlieferung zu Schulden
kommen lässt Es war nicht Mercur sondern Epaphus, der seine
Abstammung von Phoebus in Zweifel zog, und sodann hat Froissart
anstatt der vier Sonnenrosse nur drei, während das vierte, Eous, bei
ihm zu einem Diener geworden ist, der die Rosse anschirrt.
Vgl. ferner Po6sies de Froissart II, S. 372 v. 1 ff.:
Ciimene pleure pour Pheton,
Qui emprist le ch&r dou Sol eil
A mener, et maudist le don
De Phebus et tout son conseil,
Quant eon fil vit en tel esseil,
Qu’il l’en convint mort recevoir,
Poäsies de Froissart Bd. HI, S. 250 ff.
Auf Minervas Wettstreit mit Arachne (Ovid, Met. VI, 1 — 145),
die sich als kunstvolle Weberin vermass, mit der Göttin einen Wett-
streit einzugehen und von dieser deshalb in eine Spinne verwandelt
wurde, spielt die Conquete de Jerusalem v. 5535 — 6 an:
Arans tissa le paile en .1. isle de mer;
Por ce la fist Pallas en iregne muer.
Die Verwandlung der Nymphe Arethusa in eine Quelle (Ov.
Met. V, 572 — 641) erwähnt Eustache Deschamps mehrere Male.
Oeuvres d'Eustache Deschamps II, S. 25:
S’ Argus qui ot cent oeulx pour regarder,
Et Alpbeus qui ne se pot garder
jy Arethusa qu’il cha$a toute nue
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111
Ou fleuve oü eile se baingnoit,
Tant que tous Dieux en pleurs convertissoit,
Ne cessoient tous de plorer ainsi,
A fort plourer la mort ne suffiroit etc.
Vergl.: Oeuvres de Deschamps I, 30 u. Rec. de chauts hist
S. 258.
Die Fabel von der Verwandlung des Actaeon in einen Hirsch
(Ovid, Met IH, 131 — 252) hat Froissart verarbeitet Er erzählt uns
(Bd. H, S. 66, v. 2242 — 2288), wie Actaeon einst mit seinen Hunden
auf die Jagd ging und bei der Verfolgung eines Hirsches Diana
nackend im Bade sah. In ihrem Zorne verwandelte ihn diese in einen
Hirsch, und seine Hunde zerrissen ihn.
Auch noch an andern Stellen weist Froissart auf die Sage hin.
Po6sies de Froissart, Bd. I, S. 34, v. 1136 ff.:
Je sui enclos en la haie
L & ou Melampus abaie
Apr&s son mestre Acteon.
Melampus ist einer der Hunde Actaeons. Vgl. ferner Po4sies de
Froissart I, S. 125, v. 1317 ; H, S. 383, v. 15 ff.
Die Quelle für die Erzählung von Actaeon, welche Froissart
Bd. I, S. 180, v. 2802 ff. mitteilt, konnte ich nicht ermitteln. Wahr-
scheinlich hat er diese wie manche andere selbst erfunden.
Auch Eustache Deschamps (II, S. 19) kennt die Sage.
Bei Froissart (Bd.I, S. 132, v. 1572 ff.) begegnen wir sodann der
Fabel von Daphne, welche vor Apollos Liebe floh und in den
Lorbeerbaum verwandelt wurde (Ovid, Metam. I, 452 — 567). Froissart
hat sich genau an seine Vorlage angeschlossen. Aus dem Pamassus
ist bei ihm der Supernascus geworden. Kurze Hinweise auf die Sage
finden sich ausserdem bei Froissart Bd. I, S. 152, v. 2203 ff. und S. 171,
v. 2855 ff.; Bd. II, S. 94, v. 3154 fl. und S. 383, v. 11 ff.
Die Verwandlung derLeucothoe in die Weihrauchstaude (Ovid,
Metam. IV, 196 ff.) ist dem Froissart gleichfalls bekannt. Vgl. Bd. I,
S. 271, v. 1762 ff.
Zahlreich sind die Anspielungen auf die Erzählung von Nar-
c iss us und Echo (Ov. Metam. III, 339 ff.) von den ältesten Zeiten
an. Benoit de Sainte-More lässt den verliebten Achilles im Troja-
Roman v. 17659 ff. ausrufen:
Narcisus sui, 90 sai et vei
Qui tant ama l’onbre de sei,
Qu’il en morut sor la fontaiue.
Chrestien de Troyes sagt im Cliges v. 2766 ff.:
Plus estoit biaus et avenanz
Que Narcisus qui desoz Forme
Vit au la fontainne sa forme
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112
Si l’ama taut, quant il la vit,
Qu’il an fu morz si com an dit,
Por tant qu’il ne la pot avoir.
Im Roman d’Alix&ndre S. 452 , 26 ff. singen Fiore und Biautä,
zwei Amazonen, auf der Reise ein Lied von Narcissus.
Der Rom. d. 1. R. gedenkt an verschiedenen Stellen des Narcissus
und der Echo. Kurze Andeutungen haben wir v. 21125 ff., v. 21654 ff.
und v. 6096 ff., während sich eine längere Erzählung, die in der
Hauptsache Ovid folgt, in den w. 1494—1566 findet. Thibaut von
Champagne verrät ebenfalls Bekanntschaft mit der Sage. Chansons
de Thibaut S. 55:
Sui com Echo, qui seit de recorder
Ce qu’autre dit: et par sa sorcuidance
Ne la daigna Narcissus regarder.
Ain8 s6cba toute d’ardure,
Fors la vois, qui encore dure. etc.
In einem Gedichte, dessen Autorschaft von einer Hs. Thibaut IV
zugeschrieben wird, findet man gleichfalls Narcissus erwähnt Vgl.
Chans, d. Thibaut S. 140.
Häufig sind bei Froissart die Beziehungen auf unsern Stoff. In
Band ID, S. 96 — 99 reproducirt er die ganze Erzählung. Vgl. ferner:
I, S. 27, v. 876—7, S. 30, v. 994, S. 35, v. 1151, S. 216, v. 159 ff.;
H, S. 371, v. 3.
Auch Alain Chartier erwähnt verschiedentlich die Sage. Oeuvres
de Chartier S. 725:
La fontaine estoit 14 entour,
Oü Narcisus son umbre- aima,
Amour s’en vengea de beau tour,
Quant de tel rage 1’enflamma:
Ce fut pour ce qu’il refusa
Equo, qui mercy luy crioit
Vgl. ferner Oeuvres de Chartier S. 734 u. 738.
Schliesslich erzählt noch Guillaume Coquillart S. 216 in der Com-
plainte de Echo das Schicksal der beiden Liebenden.
Nicht weniger beliebt als die eben besprochene Erzählung war
die von Pyramus und Thisbe (Ovid, Metam. IV, 55 — 166). Aus
dem 12. Jahrhundert besitzen wir ein Lai darüber, dessen bereits an
anderer Stelle gedacht ist, und welches vielleicht der Dichter von
Claris und Laris meinte, wenn er v. 161 ff. sagt :
Claris en .1. vergier seoit;
En .1. petit livre veoit
La mort Tibe et Piramus.
Zahlreiche Dichter spielen auf diese Erzählung Ovids an und
stellen Pyramus und Thisbe häufig als ein Muster treuer Liebenden
hin. Chevalier de la charrette 105, 29 ff.:
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Donc le dut Lancelot bien f&re,
Qui plus aime que Pyramus:
Onques nus ne puet amer plus.
Tristan I, S. 88 der Einleitung:
Sarre, Tisb4, Rebeque et Sairy,
Lucresce, Yseult
One ne furent sy precieulx jouel
D’onneur, bont4, senz, beaut£ et yalour etc.
Vgl. Oeuvres de Blondel de N6ele S. 11. Chansons de Thibault IV, S. 69 :
Pleust k Dieu, por ma dolor garir,
Qu’el fust Thisb6; car je suis Pyramus.
Vgl. Amadas et Ydoine v. 5886. Rom. de la poire v. 161:
Je suis qui Piramus; por Tysbe me dement.
Rom. de la poire v. 720 ff.:
Li jovenciaus fu Piramus
Qui tant ama qu’il ne pot plus,
Et de s’esp6e se feri
Por Tysbe si qu’il en mori etc.
M6on, nouv. rec. II, S. 11, 301 ff., Renart le Nouvel v. 4480 ff.
Wackemagel, afr. Lieder und Leiche S. 12, 23 ff:
asauoir iere si sanee.
com priamuB quant il moroit
naureis en son flanc de Bespeie,
a nom tisbe les ieus ouroit.
Poesies de Froissart I, S. 355, v. 242 ff u. Chartier S. 725 u. 8. 729.
Die Sage von Hero u. Leander (Ov. Her. 17 u- 18) finden
wir erst bei Froissart, bei ihm allerdings häufig. Poesies Bd. I, S. 16,
S. 30, v. 993, S. 125, v. 1313 ff, S. 170, v.2825, S. 355, v. 244 ff In
Bd. H, S. 95, v. 3192 ff. finden wir eine längere Erzählung von dem
tragischen Geschick des unglücklichen Liebespaares. Vgl. ferner H,
S. 369, v. 10 ff; S. 370, v. 11 ff:
Pr&s d’Albidos siet de Hellas la mer,
Oü Leander, qui fine amour mestroie,
Toutes les nuis pour Hero viseter
Noe a esploit, car la belle l’en proie;
M&s Oleüs, qui Zepherus desloie,
Met les amans en une mortel painne,
Car Bruidis souffle de tel alainne,
Que Leander ne poet Tetis mouvoir.
Lä est peris etc.
In Betreff des Wortes Bruidü sagt Scheler: Ma Science me fait
d6faut quant au personnage mjthologique appelö Bruidis. Vgl.
schliesslich noch H, 389, v. 1 ff.
Auch Alain Chartier S. 724 nennt das Liebespaar. Ausserdem
spricht noch der König Ren6 (Bd. HI, 135) davon.
Bei Baudouin de Cond4 begegnen wir einem andern Liebespaare,
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derPhyllis and demDemophoon (Ov. Her. II). Dits de Baadoain
de Cond4 S. 316, 1396 ff. :
Desper&nce dönt je vos di
Fist t&nt ke Fillis se pendi
Por Demofon, qui dut k li
Bevenir, mais il li fali.
VgL ferner: Oeuvres de Ren4 ID, 113 und Oeuv. de Chartier
S. 724 u. 733.
Froissart erzählt (I, 258 ff.) eine Geschichte von Pynoteüs und
Neptisphele, welche er aus Ovid geschöpft haben will. Scheler
bemerkt dazu: „Je eherche en vain dans TOvide Thistoire du savant
po&te Pynoteüs et de son amie Neptisphel4, teile que Tauteur va nous
Texposer dans les pages suivantes. Toujours est-il qu'une partie de
sa mati&re lui a 4t4 foumie par les r4cits des Metamorphoses relatifs
k PyramuB et Thisb4 et k Pha4ton gouvernant le char de Ph4bus. u
Auch ich weiss hierüber nichts Näheres anzugeben.
Trojanischer Sagenkreis.
Auf keinen antiken Sagenkreis, vielleicht den von Alexander aus-
genommen, sind die Anspielungen der Dichter so häufig als auf den
trojanischen. Dies erklärt sich aus dem ungeheueren Beifall, den der
Troja-Roman fand, und aus der Popularität, welche Namen wie
Hector, Troilus, Paris und Helena erlangten. Trojas Macht und
Herrlichkeit zu preisen, werden die Dichter nicht müde, und Troja
wird meistens la grant f la grämt citd oder la noble citd genannt
Rom. de Rou I, 25 ff.:
E Troie fu de, grant podnee.
Quesne de Betune (Bartsch, Rom. u. Pastour. 76, 27 — 8):
Et de Troies ai jeu oi conter,
K’elle fu ja de moult grant seignorie.
Vgl. Barl. u. Jos. S. 195, 42; Rom. d. sept saget v. 1356,
Fabliaux p. p. Montaiglon I, 172, 127 — 8:
Quant il la vit, moult ot grant joie,
Com se il fast sire de Troie.
Trouvfcres p. p. Dinaux Bd. II, 291, 7 ff.:
Que dirai-je de cheux qui de Troye fameuse,
Pourche que par dix ans soustint reffort Gr^gois,
Prennent leur origine?
Parton. v. 143 ff.:
En Aise sist la rice Troie:
Si fu eies d’ Aise et Üors et voie.
Vgl. ferner: Parton. v. 189 ff., Roman de Ham (Histoire des ducs
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de Normandie p. p. Michel, S. 230), Branche des roy. lignages v. 302
des Prologs und I, 7248 ff.
Life of Edward the Confessor v. 789 :
De la graut Troie flur de Asie
Hugues Capet v. 1951 ff.:
Le rome vous man de que, pour l’avoir de Troie
Ne vous donroit se fille.
Vgl. Oeuv. de Deschamps I, 85 u. 146, Alain Chartier (Rec.
de chants histor. S. 335), Oeuvres de Chastellain VT, S. 72, S. 152,
S. 164, S. 214; Vitt, S. 325.
Die Waffenthaten, welche vor Troja vollbracht wurden, erregten
die allgemeine Bewunderung des Mittelalters, und die Zerstörung der
Stadt fasste man als ein Ereignis von grösster Bedeutung auf
Roman de Garin le Loherain S. 107, 17 ff., Chron. rim. de PL
Mouskes v. 7939—40:
Onques li Troiien ne li Griu
Ne fisent k Troie« tant d'armes.
R. d. 1. R. v. 14525—6.:
Jadis au temp« Helene furent
Bataille«) que les cons esmurent,
Oeuvres deRutebeuf I, 8, 9 — 10:
NLs la destruction de Troie
Ne fu si grant comme e«t la moie.
Vgl. Bestiaire d’amours S. 2, 16 ff., Godefroid de Bouillon v. 25579,
Oeuv. de Deschamps S. 45, Oeuvres de Chartier S. 720.
Künstler liebten es, Scenen aus dem trojanischen Kriege zur
Darstellung zu bringen. VergL Floire et BlfL v. 438 ff., Floriant et
Florete v. 871 ff, Escanor v. 15598 ff, Roman de Jehan de Paris S. 93
u. Godefroid de Bouillon v. 22038 ff
Dardanus, der mythische Stammherr der Troer, wird im MBrut
v. 492 ff erwähnt:
Que de Troie la noble gent
Ki neit sunt del lin Dardani.
Über des Dardanus Herkunft und seine Nachkommen spricht
Brunetto Latini im Tresor S. 40. Er ist der Sohn Jupiters und Vater
des Erichtonius und gründet die Stadt Dardania. Des Erichtonius
Sohn ist Tros, der Troja erbaute. Von diesem stammt Hub, der Er-
bauer der Burg Ilion, und Ganymedes, der im Kriege von den Griechen
getötet wird. Von der letzteren Thatsache ist der antiken Mythologie
nichts bekannt. Des Hub Sohn war Laomedon, der Vater des Priamus
und der Hesione.
Priamus, der die Stadt Troja nach ihrer ersten Zerstörung
wieder aufbaute (Branche des roy. lignages I, 7246 ff), wird im
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Roman von Parton. ▼. 159 ff. als ein übermütiger, stolzer und grau-
samer Herrscher geschildert:
Li rois de Troie en sa viellece
S’en orgelli par sa richece,
Et por la bontä de ses fis
Devint fiers en fais et en dis.
Mouskes hingegen nennt ihn (Chron. rim. y. 8878) U bons rois .
Guill. Guiart bezeichnet Priamug als den Ahnherrn der französischen
Könige. Vgl. Branche des roy. lign. v. 378 ff. des Prologs u. I, 7245 ff.
Im Roman von Girard de Viane, wo S. 129, 24 ff. von dem Untergang
Trojas die Rede ist, wird der damalige empereres. von Troja, der Sohn
des rot Briant genannt:
L’Emper&res, le fil an roi Briant,
Ne tuit si fr&re n’orent de roort garant.
Es kann allerdings auch möglich sein, dass le fil au roi Briant
nicht als Apposition zu V empereres aufgefasst werden muss und Hector
darunter zu verstehen ist. Doch dann wäre es auffallend, dass
Priamus in ein und demselben Verse erst empereres und dann roi
genannt würde.
Agnes v. Navarra (S. 10) und Froissart (II, S. 110) spielen auf
das Ende des Priamus an.
Bauduin de Sebourc will an der Stelle des zerstörten Troja das
Grab des Priamus neben dem des Paris nnd Hector gesehen haben
(Bauduin de Sebourc, Chant XVII, v. 726 ff.).
Priams Reichtum und Macht rühmen der Roman von Godefroid
de Bouillon v. 2213 ff. und der Rom. de Parton. v. 145 ff.:
Priamus en fu rois darrains
Qui graut pan d’Aise ot en ses mains,
Et le tint bien en pais Cent ans,
Rois poestis et conqu4rans.
Dass mit dem König Primonus in v. 8423 ff. des Cleomades
Priamus gemeint ist, scheint mir nicht ausgeschlossen zu sein.
Grant guerre ayoient li Grieu
A .1. trop poissant roi caldieu
Qui avoit k non Primonus.
Primonus ist vielleicht nur eine Entstellung von Priamus, und da
die mittelalterlichen Schriftsteller die Perser oft Chaldaeer nannten,
so hat der Dichter möglicherweise die Belagerung von Troja und die
Perserkriege durch einander geworfen.
Vgl. ferner: Life of Edward the Confessor v. 447 u. Brun de la
Montaigne v. 1141—42.
Von Hecuba, der Gemahlin des Priamus, und ihrem traurigen
Geschick sprechen folgende Stellen: R. d. 1. R. v. 7053 — 55, Escanor
v. 15702 ff., Oeuv. de Deschamps S. 45, Po6sies d' Agnes de Navarre S. 10.
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— 117 —
Oeuv. de Chastellain VI, 64:
La bonne royne H^cuba,
Femme du noble roy Priant,
La quelle vit et regarda
Que mort tous les siens luy osta,
Qu’elle n’eut rien de demourant,
Elle choisit Troye brülant
Avant le temps de son termine,
Et puis eile devint vermine.
Eine Lieblingsfigur der Dichter ist Hector. Alle stellen ihn als
ein Vorbild wahrer Ritterlichkeit bin, erheben seine Waffenthaten
und preisen den Adel seiner Gesinnung. Wo die hervorragendsten
Helden genannt werden, fehlt sein Name selten. . Mit Alexander und
Caesar zusammen bildet er die heidnische Gruppe der sogenannten
„neuf preux u . Ich lasse nun die Anspielungen auf den trojanischen
Helden folgen: Lapid. fr. 120, 421 ff., Jub., nouv. rec. S. 188:
Hector fu li plus preus de la grant paiennie.
'Bari. u. Jos. 192:
Lk fu Hector li ber occis
Ki sire ert de chevalerie
Molt ert de bonne compaignie,
Et Achylles li ber l’ocist,
Si com l’estoire conte et dist.
Envers lui meut la grans tenchons
Par Patroclus son compaignon
K’Ector avoit occis devant;
Chron. rim. de Mouskes v. 6983 ff. :
Ki le veist aventurer
Moult li pkuist bien ramenbrer
D’Ector ki tant fist devant Troie.
v. 7676 ff.: Li mioudres paiens fu Etor:
Cil ot le euer plus gros d’urf tor.
Jk s’il n’euist la vie outräe,
Troie ne fust si d£siert4e,
VgL ferner: v. 74 ff, v. 7226 ff, v. 8397 ff, v. 29068 ff,
v. 30160 ff.
Branche des roy. lignages v. 298 ff. des Prologs:
. . . Hector, qui en sa vie
Fu plus hardi que nul lyon,
Qu* Achilles par s4ducion
Ocist, qui que le däsotroie,
Devant la grant citk de Troie.
Vgl. ferner: Branche des roy. lignages I, 7278 ff. n. Tronr&res
p. p. Dinaox, II, 179, 11. Parton. v. 149 ff.:
H ot de s’espouse cinq fis,
Beaus cevaliers, bons et eslis,
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Le buen Hector, le bei Paris,
Troilus, Helain, Marcomiris.
Hector fa li pros, li legiere,
Li mioldres de tos cevaliers etc.
Vgl. : Renart le Nouv. y. 6047 ff., Cleomades v. 201 ff. u. Escanor
▼. 15656 ff
In der letzten Stelle wird erzählt, dass, als die Griechen einst
hart von den Troern vor Troja bedrängt wurden und dem Unter-
gänge nahe waren, Hector und Telamon (d. i. Aiax Telamonius), welche
Vettern waren, sich in der Schlacht erkannten, Freundschaft mit ein-
ander schlossen und gegenseitig Geschenke austauschten. Auf die
Bitte des Telamon zog Hector sodann die Troer von dem Kampfe
zurück und gewährte den Griechen bis zum nächsten Tage Waffenruhe.
Vgl. ferner: Hugues Capet v. 3743, Godefroid de Bouillon v. 22038
u. 27888. Bauduin de Sebourc, chant XVH v. 722 ff:
Et voit tous les vi4s mors, les anchiens fos§4s,
Et le grant tombe Ector qui tant fa r6doubt4s.
Le longear mesara dont il estoit fourmds;
XV. pi4s ot de lonc Ector, li alozäs.
Prise d’Al. v. 51, v. 483 ff, v. 7685 ff;
V. 6176 ff.: Or parlons des fais d’Alixandre
Et d’Ector, qui ne fu pas mendre
Des antres preus qui ont est4
Que j’ay ci devant recit4;
Comment que homme d’onneur a tant
Comme ot Hector le conbatant,
Mais qui bien raison li feroit
Des IX preus X»« seroit.
Oeuvres de Machault S. 101, Podsies de Froissart I, 340, I, 360,
II, 141, Oeuv. de Deschamps I, 44;
H, 141 ff.: Venez k moi li hault prince ancien,
IX hommes preux, IX femmes de terre,
Trois sarrazins, trois juifs et trois crestien :
Hector le fort, Alexandre k conquerre etc.
VgL: Voeu du Hdron v. 109, Oeuv. de Ren6 H, LXXXII,
m, 55 u. 109; D6bat des hdrauts S.2; Christine von Pisa (RomvartS. 142):
Othea deesse de prndence
Qui adresse les bons ceurs en vaillance
A toy betör noble prince vaiUant
Qui en armes estes tous iours florisant
Filz de mars le dieu de la bataille.
Chastellain hat eine Complainte de Hector gedichtet, deren Inhalt
kurz folgender ist (Bd. VI, 167 — 202): Nach einem Prolog wird er-
zählt, wie Alexander der Grosse die Gräber Hectors und Achills be-
sucht und ihre Grabschriften liest, deren Wortlaut folgt. Als Alexander
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den Achilles als Besieger Hectors rühmt, klagt der letztere, dass ihm
der Tod von Achill viUunement gegeben sei und fordert die Fürsten
der Welt auf seine Ehre zu verteidigen. Er bittet Alexander, dem
Epitaph des Achilles nicht so grosse Beachtung zu schenken, sondern
auf Vernunft und Ehre Rücksicht zu nehmen. Dann erzählt er, wie
Achilles ihn aus dem Hinterhalt getötet habe. Alexander ent-
schuldigt sich, dass er Achill solche Ehre erwiesen. Dies befriedigt
Hector, und dieser beweisst dem Alexander, dass Achill ebenso wenig
der Vorzug vor ihm gebühre als dem Verräter Antipater vor
Alexander. Alexander bewegt schliesslich Achilles sich bei Hector
wegen seiner Handlungsweise zu entschuldigen, und die beiden alten
Feinde versöhnen sich.
Vgl. Bd. VH, 169, 207, 424; Bd. Vm, 252; Rec. de chants hist.
S. 371. Ausserdem vgl. noch Jehan Dehaynin (Rec. de chants hist. S. 365):
Hier florissoit la fleur des fleurs du monde;
Hector trfes-preux, Ulixes en prudence.
Nach dem MBrut v. 2071 ff. erlangten die Söhne Hectors später
die Regierung in Troja. Chastellain (Bd VT, 11) sagt, dass Francion,
ein Sohn Hectors, Frankreich seinen Namen gegeben habe. Dass ein
solcher Sohn den Alten unbekannt war, brauche ich wohl kaum hin-
zuzufügen.
So berühmt wie Hector durch seine Tapferkeit und Stärke, so
berühmt war Paris durch den Raub der Helena, durch seine
Schönheit und durch die Liebe, welche ihn mit seiner Gemahlin ver-
knüpfte. Neben Tristan und Isolde wurden Paris und Helena am
meisten von allen Liebespaaren von den Dichtem gefeiert. Abgesehen
von den vielen Anspielungen haben wir auch bestimmte Zeugnisse für
die Beliebtheit dieses Stoffes. So heisst es im Roman von Renart
I, S. 91, 1 ff.:
Seigneurs, oi avez maint conte
Que maint conterre vous raconte,
Conment Paris ravi Elaine,
Le mal qu’il en ot et la peine.
Vgl. Messire Gauvain v. 4969 ff.
Wie wir bereits oben gesehen haben, wurden zuweilen Scenen
aus dem trojanischen Sagenkreise künstlerisch auf Metall oder Tep-
pichen dargestellt. Unter diesen Scenen finden wir jedesmal den
Raub der Helena ausdrücklich erwähnt. Rom. d'Alix. S. 56, 13 ff. :
En le quarte partie, si com li tres define
est escrite l f estore d’Elaine la roine;
si com Paris por li en ala k meschine,
et li rois Menelaus en ot en sa saisine
X. escu de painture, de forme lgonime,
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et cevauca la mule qui n’ert mie frarine;
Paris en amena la dame par rapine;
rois Menelaus en ot grant dol et grant corine.
Fl. et Blfl. v. 443 ff:
Et delez cou ert painte Heiaine,
Comment Paris ses drus I’en-maine.
Vgl. ferner: Floire et Blfl. v. 1379 ff, Floriant etFlorete y. 74 ff.,
Escanor v. 15598 ff und Oeuv. de Chartier S. 696.
Über den Raub der Helena vgl.: Tresor S. 38, Froissart II, 99,
v. 3336 ff und Le livre du Chevalier de la Tour-Landry S. 249.
Von dem Urteil des Paris erfahren wir in der Art d'amors
v. 320 ff:
Car quant Paris, li damoisiaus
qui tant iert avenans et biaus,
des .in. dyvesses iugement
fist au der jour apertement,
cascune molt bien remira,
apries de lor biaute juga,
ke Venus, cou en est la soume,
por sa biaute douna la poume.
Auch Froissart I, 99 — 102 und Ren6 HI, 111 sprechen davon.
Der Freude, mit welcher die Trojaner die Helena in ihrer Stadt
empfingen, ist verschiedentlich Ausdruck verliehen worden.
Cliges V. 5299 ff.: Qu’ onques ne fu a si grant joie
Elainne receüe a Troie,
Quant Paris l’i ot amen^e.
Vgl.: Rom. de Renart I, 234, v. 1345 ff und Renart le Nouv.
v. 1782 ff
Häufiger aber wird das Unglück hervorgehoben, welches Helena
über Paris und die Troer brachte. Livre des maniferes v. 989:
Par Heleine fut arse Troie.
Rom. d. Alix. 534, 37 — 8:
.1. gentius hom de Grese, de l’parentä Elaine,
por cui Paris soufri lonc tens dolor et paine.
Aye d’ Avignon v. 1672 ff:
Dusqu’ Elainne la bele que Menelaus perdi,
Dont la cit6 de Troie destruit et deserti
Por une seule fame si grant guerre ne vi.
Vgl.: Aye d’ Avignon v. 1714 ff, Rom. de Renart I, S. 91, 1 ff.
tl Barl. u. Jos. 192, 37 ff. Chron. rim. de Mouskes v. 7230 ff.:
Ne Paris pour la biele Elainne
Ne se mist onques en tel paine
Conane Francois pour leur seignour.
Rom. de la poire v. 221 ff:
En Grece fu reine del bei Paris Heleine.
La bele eschevie qui tant ot douce aleine.
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121
A Troie a grant navie la mist en sod demeine,
Dont puis tote sa vie soffri anui et peine.
Vgl. ferner: Floire et Blfl. v. 1263 ff., Dolop. v. 3914 — 5, Rom.
de la Manekine v. 392 ff., Gonthier de Soignies (Trouv. Beiges, nouv.
s6rie S. 29) und Po6sies de Froissart I, 103 v. 574 ff.
De Venus la deesse d’amor, Strophe 296:
plus de paine
Paris por Ela ine.
Von der Liebe des Paris und der Helena sprechen die Dichter
immer in den Ausdrücken des höchsten Lobes. Vgl. Tristan I, S. 65
und 66 der Einleitung und Oeuvres de Blondel de N6ele S. 11.
Gautier de Coincy (Miracles de la sainte Vierge p. p. Poquet S. 117):
Ainz n’embraca Paris Heiaine
Si durement com je fis li.
Chans, de Thibault IV, S. 64:
Que je d4sir s’amour et s’acointance
Plus que Paris ne fit onques Heleine.
Thibault de Blazon (Chansonniers de Champ. S. 129):
Adonques fu si espris
D’amer loiaument,
Qu’onque tant n’ama Paris
Elaine au cors gent.
Vgl. ferner: Oeuvres de G. de Machault S. 138, Gillebert de
Berneville (Trouv. Beiges, S. 65), Poäsies de Froissart I, 29 v. 974 ff.,
30 v. 991 ff, 35 v. 1153, 38 v. 1257 ff, 155 v. 2309 ff, 105 v. 647 ff;
H, 303 v. 157 ff: Onques Genevre, Yseut, Heiaine,
Ne Lucresse qui fu Rommainne
N’ama cascune tant le sien
Que je fai toi.
Vgl. H, 389 v. 4 ff.
Poäsies d’ Agnes de Navarre S. 42:
Et si suy certainne
Qu’amours si nous mainne,
Qu’onques Paris et Hälainne
Ne s’am&rent si.
VgL Oeuvres de Ren6 HI, 111 und Oeuvres de Chartier S. 777.
Der Roman von Amadas und Ydoine v. 5860 ff. lässt Paris von
Helena und der Oenone, seiner ersten Geliebten, betrogen werden.
Si fu (sc. trais) li biaus Paris de Troie,
Et d’Oenone et de Elaine,
Dont il ot tant dolor et paine.
Richtig ist das Verhältnis des Paris zu der Nymphe Oenone im
Rom. d. L R. v. 13813 ff. dargestellt. Auf die Liebe zu der Oenone
spielt jedenfalls auch folgende Stelle des Tresor S. 501 an:
Ce dist la premiere amie Paris en ses letres que eie li envoia
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puls qu’il Tot deguerpie por amor Helene: Je ne demant, fist eie, ton
argent ne tes joiaus por loier de mon cors.
Die ausserordentliche Schönheit des Paris und der Helena wird
oft gerühmt Erec et Enide v. 6295 ff.:
Enide sa cosine en mainne,
plus bele que ne fu Heiaine,
et plus gente et plu8 avenant.
Vgl. ferner: Aye d* Avignon v. 1673, Tristan 1/88 der Einleitung,
Floire et Blfl. v. 2567 ff., Bel Inconnu v. 4258 — 59, Dolop. v. 3914,
Rom. d. 1. R. v. 14471 ff. R. d. 1. R. v. 21609 ff.:
N’onques Heiaine ne Lavine
Ne furent de color si fine,
Ne de si bele fa$on n6es
Tant fussent bien enfasonn^es,
Ne de biaut£ n’orent la disme.
VgL: Rom. de la poire v. 221 — 2, Amadas et Ydoine v. 5860,*
Rom. de la Violette v. 74, Rom. de la Manekine v. 392 ff., Chron.
rim. de Ph. Mouskes v. 82 ff. u. v. 7230, L’art damors v. 320 — 1.
Escanor v. 1624 ff.:
... eie estoit plus clere qne jenme
et asBez plnz blanche qu’Eylaine.
Buöves de Commarchis v. 139:
Mainte en i ot plus bele c’onques ne fn Elaine.
Berte aus grans pi4s S. 101, 10 ff.:
Dont Ti ent ce que ma fille, qui plus bele est qu’Elaine,
Se fait ainsi bair gent voisine et lontaine?
VgL: Po4sies de Charles d’Orteans S. 120, Oeuv. de Chartier S.
397, Jehannot de TEscurel S. 49, Oeuv. de Chastellain VI, 54; VHI, 252.
Gui de Cambrai (Barl. u. Jos. S. 185) erzählt uns, dass Helena
eine Tochter des Zeus war, und nennt auch ihre Mutter Leda, der sich
Zeus in Gestalt eines Schwanes nahte. Der Roman von Floire et Blfl.
v. 2569 erwähnt gleichfalls ihre Mutter Leda.
In Barl, und Jos. 193, 23 ff. lesen wir, wie Paris den Achilles in
einem Tempel meuchlerisch ermordete. Doch im allgemeinen gilt
Paris wie im Troja- Roman für einen tapfern Helden. Vgl. hierzu:
Escanor v. 15701, Voeu du H6ron v. 108 ff., Oeuv. de Ren6 IH, 111.
Vgl. noch: Prise d’Al. v. 2175 ff., Branche des roy. lignages
v. 303 des Prologs, Froissart II, 99 v. 3336 ff., 383 v. 14 und Oeuv.
de Deschamps I, 85.
Um an dieser Stelle noch ein anderes im Mittelalter berühmt ge-
wordenes Liebespaar des antiken Cyclus anzufiihren, nenne ich
Troilus und Briseida oder Chryseida. Homer kennt den Troilus
und die Briseis oder die Chryseis in diesem Zusammenhänge nicht,
ebenso wenig Dares und Dictys. Die Liebesgeschichte ist vielmehr
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erst ziemlich jungen Datums, nämlich die Erfindung des Benoit de
Sainte-More.
Auf des Troilus treue Liebe und die Treulosigkeit der Briseida
wird an mehreren Stellen von den Dichtern hingewiesen.
Vgl.: Poösies de Froissart I, 29 v. 974 u. Oeuv. de Ren6 III, 111 — 2.
Oeuv. de Chartier S. 734:
Dlec Briseyda couchoit,
Qui foy mentit k Troillus,
Et tant briefuement en auoit
Qu’i grant peine y en pouoit plus.
Po6sies de Charles d’Orlöans S. 307:
Lire vous voy faiz m£rencolieux
De Troilus plains de compassion,
D’amoar martir fut en sa nascion.
Über die Tapferkeit des Troilus vgl.: Parton. v. 149 ff., Chron.
rim. de PL Mouskes v. 7228 ff;, Floriant et Florete v. 877 ff, Oeuv.
de Renö HI, 111, Oeuv. de Chastellain VII, 424.
Wie Troilus von Achilles getötet wurde, erzählt der Roman von
Escanor v. 15698 ff.
Charles d’0rl6ans (S. 126) rühmt die Schönheit der Briseida.
Von Helenus, einem andern Sohne des Priamus (Partonop. v.
152), heisst es im Parton. v. 285 ff., dass er mit Marcomiris allein von
den Söhnen des Priamus dem Tode entrann. Im [MBrut v. 399 ff.
und WBrut v. 150 ff. erfahren wir, dass Pyrrhus, der Sohn Achills,
den Helenus mit vielen andern seines Stammes gefangen nach Griechen-
land führte, dass des Helenus Nachkommen dort zu einem Volke heran-
wuchsen und von Brutus, einem Abkömmling des Aeneas, befreit und nach
Britannien geführt wurden. Nach der Branche des roy. lignages I,
7318 — 7327 flüchtete Helenus nach dem Untergange Trojas mit 1200
Mann nach dem Königreiche Pandrase , wo die Trojaner zu einem
grossen Volke wurden. Dies Pandrase ist dieselbe Gegend, nach
welcher der MBrut die Troer gelangen lässt, denn es bedeutet nichts
anderes als Reich des Pandrasus.
Auch die Reimchronik von Pierre de Langtoft, welche in ihrem
ersten Teile aus dem WBrut schöpft, lässt den Helenus nach Griechen-
land kommen (S. 6, 10 ff).
Mit Balenus in v. 15001 des Rom. d. 1. R. ist sehr wahrscheinlich
Helenus gemeint:
Que jk riens d’enchantement croie,
Ne sorcerie ne charroie,
Ne Baienns, ne sa Science.
Auf die Gabe der Weissagung, welche Helenus besass, weist
Froissart U, 99 v. 3340 ff. und II, 382 v. 6 ff hin.
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Im Parton. and der Reimchronik von Mouskes lernen wir Mareo-
ndrisj einen Sohn des Priamus, kennen, der dem Altertum unbekannt
war. Nach dem Parton. wird dieser von einem Mädchen nach der
Zerstörung Trojas auf das Schiff des Anchises gerettet und kommt
mit diesem nach Romenie. Zuerst hält man ihn allgemein für den
Sohn des Mädchens. Als er aber heranwächst, schöpft Anchises
wegen seiner grossen Ähnlichkeit mit Hector und Paris Verdacht gegen
ihn, und seine Retterin flieht deshalb mit ihm nach Gallien, wo er die
vereinzelt wohnenden Gallier Schlösser und Städte bauen lehrt und
von ihnen zum König gemacht wird.
Nach Mouskes (Chron. rim. v. 108 ff.) rettet die Amme des Mar-
comiris diesen auf das Schiff des Aeneas. Mit einem Teile der Troer
unter Führung des Antenor kommt Marcomiris nach Pannonien, zieht
später von da mit ihnen weiter nach Germanien und Gallien und wird
nach dem Tode Antenors zum Könige gewählt.
Der Roman von Escanor v. 15700 erwähnt den Tod des Dei-
phobus, der gleichfalls ein Sohn des Priamus war.
Nächst der Helena wird Polyxena, die schöne Tochter des
Priamus, am meisten unter den Trojanerinnen von Dichtern erwähnt
Froissart preist mit beredten Worten ihre Schönheit.
Poäsies de Froissart H, 386 v. 1 ff.:
Je puis moult bien ma dame comparer
A la Alle dou noble roy Priant;
Pluisours en ot, mais ceste voeil nommer :
Polixena la belle et la riant,
En qoi de tous biens ot tant
Que de bontä et de beautä fü plainne.
Bei Froissart (II, 19 v. 620 — 715) finden wir auch die Entstehung
und den Verlauf der Liebe Achills zu der schönen Jungfrau eingehend
geschildert Der Troja-Roman scheint dem Dichter als Quelle gedient
zu haben.
Häufig wird noch von Froissart auf dieses Liebesverhältnis an-
gespielt: I, 15 v. 493, 125 v. 1315 ff., 30 v. 994; H, 55 v. 1881 ff,
99 v. 3350 ff, 386 v. 10 ff, 389 v. 1 ff
Dem Schmerze und dem Unmut, welchen Polyxena über die Er-
mordung Achills empfand, giebt der Roman von Escanor v. 15720 ff.
Ausdruck.
Gui de C&mbrai (Barl. u. Jos. 193, 21 ff.) teilt uns mit, wie Po-
lyxena von Pyrrhus aus Rache für den Mord seines Vaters auf ent-
setzliche Weise hingeschlachtet wurde. Vgl. über ihren Tod: Escanor
v. 15714 ff und Oeuvres de Chartier S. 382.
Der Schwester Polyxenas, der Seherin Cassandra, begegnen
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125
wir bei Froissart, wie sie mit Helenas den Troern von dem Zage des
Paris nach Griechenland vergebens abrät (II, 99 v. 3340 ff.).
Ren6 erwähnt ihr Verhältnis zu dem Phrygier Coroebns, der aus
Liebe zu ihr den Troern zu Hülfe gekommen war and in Troja seinen
Tod fand (HI, 135). Vgl. Virgil, Aeneis H, 341 u. 424
Zu den wenigen Trojanern, welche den Untergang ihrer Vaterstadt
überlebten, gehörte Antenor. Nach dem MBrut v. 100 ff. kam An-
tenor nach der Zerstörung Trojas nach Venezien, wo er die Stadt
Patavium gründete. An einer späteren Stelle (v. 1285 ff.) lesen wir
aber, dass Brutus auf seiner Fahrt nach Britannien die vierte Genera-
tion der von Antenor nach Italien geführten Troer an dem Tyrrhe-
nischen Meere fand. Vgl. Gottfried v. Monmouth I, 12.
Benoit sagt dagegen in der Chronique des ducs de Normandie
v. 648 ff., dass Antenor sich nach langen Irrfahrten auf dem Meere an
der Donau niederliess und Stammvater der Dänen wurde.
Nach der Reimchronik von Mouskes v. 162 ff. hatte Antenor noch
andere Schicksale. Nachdem er mit Aeneas gegen Sicherheit seines
Geschlechts und seiner Habe Troja an die Griechen verraten hatte,
ging er mit reichen Schätzen beladen zu Schiffe und führte einen Teil
der Troer nach Pannonien, wo die Stadt Sicambre gegründet wurde.
Dem Kaiser Valentinian, welcher den Troern zehn Jahre Tributfreiheit
versprach, leisteten sie Hülfe gegen die Alanen. Als sie aber nach
Ablauf dieser Frist die Weiterbezahlung des Tributs verweigerten, und
der Kaiser mit grosser Heeresmacht gegen sie zog, wanderten sie nach
Germanien aus. Dort vermehrten sie sich so, dass sie bald die Gallier
unterwerfen konnten. Nach dem Tode Antenors wählten sie Marco-
miris, den Sohn des Priamus, zu ihrem Könige. Dieser hinterliess das
Reich seinem Sohn Faramund, dessen Sohn Clodes war. Nach Clodes'
Tode wurde der Graf Merovaeus, welcher aus dem Geschlecht des
Priamus stammte, zum König ernannt Ihm folgte sein Sohn Chil-
perich, welcher der Vater Chlodwigs war*
Auch Brunetto Latini giebt uns im Tr&sor S. 47 über das Schicksal
Antenors Auskunft. Nach ihm gingen Priamus der Junge, ein Neffe
des Königs Priamus, und Antenor mit 14000 Bewaffneten nach Italien
und gründeten Venedig. Dann zogen beide in die Mark Treviso und
erbauten Padua, wo Antenor begraben wurde. Ein Teil des Volkes
wanderte später von dort aus und gründete die Stadt Sicambre. Aber
auch hier blieben sie nicht lange, sondern zogen weiter nach Germanien
und wurden Germanen genannt. Priamus, vom Stamme Priams des
Jungen, machten sie zu ihrem König, und von diesem erbte die Königs-
würde in directer Linie, auf Clodoveus fort
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126
Dass Anteaor dem Untergang Trojas entging, sagt ausserdem noch
Chartier S. 271.
Mannigfaltig sind die Darstellungen, welche uns von den Schick-
salen des Aeneas überliefert sind. Nach dem MBrut v. 105 ff. kam
Aeneas mit seinem Sohne Ascanius nach Italien. Der König Latinus
gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und schenkte ihm sein ganzes
Reich. Deshalb überzog der König Turnus, welchem Lavinia früher
schon versprochen war, den Aeneas und Latinus mit Krieg, in dem der
letztere fiel. Doch Turnus wurde von Aeneas geschlagen und floh
zum Könige Mezentius von Tyrenne. Verbündet mit diesem bekriegte
er Aeneas, fiel aber zugleich mit Aeneas im Zweikampfe.
Im Rom. d’Alixandre 29, 28 ff. heisst es von einem Ritter Belias,
der aus Griechenland stammte, dass er vom Geschlechte des Aeneas war.
Eine merkwürdige Geschichte von Aeneas wird im Roman von
Girard de Viane (S. 129, 21 ff.) an den Besitz eines trefflichen Panzers
geknüpft. Diesen hat der roi$ Eneas in einer Schlacht vor Troja dem
Elinant abgewonnen. Nach dem Falle seiner Vaterstadt entkommt er
allein mit seinem Vater auf einem Schiffe. Bei Moradant liefert er
dem Raboant eine Schlacht und fällt von der Hand eines tapfern,
französischen Ritters, der den Panzer erbeutet.
An dieser Stelle möge auch gleich erwähnt werden, dass Dans
Clins dem Rom. d’Alixandre S. 225, 8 ff. zufolge ein Schwert führte,
welches schon Aeneas besessen hatte.
Gui de Cambrai (Barl. u. Jos. 192, 13 ff) beschuldigt den Aeneas
des Verrats an seiner Vaterstadt, indem er den Dares als Gewährs-
mann anführt und Virgil der Lüge zeiht. Von S. 194, 9 an erzählt er
miß des Aeneas Irrfahrten: Als nämlich Troja in Brand steht, flieht
Atoeas zu Schiffe nach Creta. Von dort kommt er nach Carthago zur
Königin Dido, die sich sehr in ihn verliebt. Er erzählt ihr den Unter-
gang Trojas, verheimlicht ihr aber seinen Verrat. Doch schliesslich
verlässt er Dido, welche sich vor Schmerz tötet, und kommt nach
Lombardie in das Land des Latinus. Er besiegt den Turnus, heiratet
die Lavinia und wird der Herrscher des Landes.
Der Verfasser des Partonopex nimmt Aeneas gegen den Vorwurf
des Verrates in Schutz und wälzt alle Schuld auf Anchises, den er zu
einem abgefeimten Schurken stempelt. Nach dem Parton. v. 251 ff.
wurde Anchises von Priamus mit der Regierung des Landes betraut
Er benutzte aber seine Gewalt dazu, sich, seine Verwandten und den
König zu bereichern, die Barone mit Priamus zu entzweien und edle
Geschlechter in die Verbannung zu treiben. Anchises behauptete von
den Göttern abzustammen, weil, fugt der Dichter hinzu, er weder
seinen Vater noch seine Mutter nennen konnte« Unter der Bedin gu ng,
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127
dass er selbst mit den Griechen Troja plündern dürfe, liess Anchises
diese in die Stadt ein, und nachdem er sich mit reichen Schätzen be-
laden, fuhr er mit Aeneas, seinem Stiefsohn, von Troja ab. Sein Sohn
war Aeneas sicherlich nicht, denn, sagt der Dichter,
. . . En£as ert dols et pis
Si n’avoit pas consence as Gris etc.
Nach langem Umherirren kam Anchises nach Römern*, wo er sich ein
Reich gründete«
Nach Ph. Mouskes hingegen (Chron. rim. v. 94 ff.) überliefert
Aeneas mit Antenor seine Vaterstadt den Griechen, wandert darauf
nach Italien aus und gründet sich dort ein Reich. Vgl. Brunetto La-
tini, TrÄsor S. 41.
Guillaüme Guiart in der Branche des roy. lignages I, v. 7302
lässt Troja durch Verrat fallen, sagt aber nicht, wer der Verräter war.
Aeneas flieht nach seiner Darstellung v. 7327 ff. mit 1400 Trojanern,
gelangt schliesslich nach Carthago zu der Königin Dido und setzt von
dort nach Italien über, welches er bald in seine Gewalt bringt
Pierre de Langtoft folgt in seiner Chronik S. 2 ff. der Darstellung
des Brut von Wace.
Im D6bat des h£rauts S. 10 heisst es, dass Aeneas, ein tapferer
Ritter, nach der Zerstörung Trojas in Begleitung mehrerer Edlen nach
dem Lande de Romme kam und Stammvater des Brutus wurde.
Chartier weist auch auf die Rettung des Aeneas aus dem Unter-
gang Trojas hin (Oeuvres de Chartier S. 271). Chastellain sagt Bd. VIII,
252: „II fut pieux comme 6n6e u (vgl. Virgil’s „pius Aeneas a ). —
Gui de Cambrai nennt uns die Eltern des Aeneas (Barl. u. Jos. 196,
33 ff).
Die Liebesgeschichte des Aeneas und der Dido wird oft von
Dichtern erwähnt Chrestien de Troyes erzählt in Erec und Enide
v. 5291 ff, wie Aeneas aus Troja floh und in Karthago mit Freuden
von Dido aufgenommen wurde, wie Aeneas sie aber später, verliess,
und Dido sich deshalb tötete. Dasselbe schildert mit kurzen Worten
der Roman d’Alixandre 517, 12 ff:
le roine Didone s’i ocist par folage,
por l’amor Eneas ü ot mis son corage,
qui en icest pais estoit Tenns k nage,
quant escape de Troies ü il ot grant damage.
Vgl. Rom. d’Alixandre 540, 11 ff, Donnez des amanz (Tristan I, 65 — 6
der Einleitung) und Oeuvres de Blondel de Ndele S. 11.
Dits de Baudouin de Condä 316, 1400 ff:
Et Dido qui molt estoit sage
Et qui roine ert de Cartage,
S’ocist et sali en un fu,
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128
Par desperauce oü eile fu,
Pour 90a qu’Aneas li menti
Et ke de li se departi.
Vgl. Marguerite de Champagne in Chansonniers de Champagne S. 25.
Eine etwas längere Schilderung des Liebesverhältnisses giebt der
Rom. d. L R. v. 13766 — 13808. Auch im Roman von Floriant et
Florete v. 888 ff. wird dasselbe erwähnt.
Vgl.: Li remödes d’amors v. 448 ff., Amadas et Ydoine v. 5881 ff,
Escanor v. 15738 ff 9 Chronique du Petit Jehan de Sainträ S. 5 und
Oeuvres de Chartier SS. 275, 725, 733.
Nach dem Lapidaire des Marbod ist es ein Achat, der Aeneas
die Liebe der Dido gewinnt und ihn in allen Gefahren beschützt.
Lapid. fr. 113, 173 ff:
Eneas qui tant ot valour
Par achate conqoist l’amour
A le roi'ne de Cartage,
Qoi pnis s’ocist par son folage
Por ce qu’Eneas la lessa etc.
Der Liebe der Lavinia und des Aeneas gedenken folgende Stellen.
Erec et Enide v. 5298 ff.:
coment Eneas puis conqoist
Laurente et tote Lombardie
et Lavine qoi fo s’amie.
FL et Blfl. V. 490 ff:
Li rois En£as l’emporta (sc. la coupe)
De Troies, qoant il s’en ala;
Si la dona, en Lombardie,
A Lavine qui fu s’amie.
Ygl. Oeuvres de Ren6 III, 108 u. 109. An der letzten Stelle
spricht Renä auch von des Aeneas erster Gemahlin Creusa, welche er,
wie uns der WBrut v. 84 ff. mitteilt, bei der Flucht aus Troja in
dem grossen Tumult und Gedränge verlor. Im Roman von Amadas
und Idoine v. 5870 ff. wird Aeneas als der von Lavinia betrogene
hingestellt.
Die Schönheit der Dido und Lavinia preisen die Dichter oft.
Lais der Marie de France S. 109, v. 584 ff:
Tant grant bealtez ne fo veüe
en Venus, qui esteit reine,
ne en Dido ne en Lavine.
Ygl. : Le bei Inconnu v. 4261 ff, Rom. de la Violette v. 875, Rom.
d. 1. R. v. 21609 ff. u. Escanor v. 15734 ff.
Wie Turnus der Lavinia wegen in den Kampf zog und getötet
wurde, lesen wir bei Renä III, 135.
Das Ende des Palinurus, des Steuermannes von Aeneas (vergL
Virgil, Aeneis VI, 337 ff), erwähnt der Rom. d. 1. R. v. 14066 ff:
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129
De Palinurus li soviengne
Qui governoit la nef En&e:
Veillant l’avoit bien govern^e,
M&s quant dormir l’ot envai,
Dn governail en mer cbai. etc.
DassPriamus denCalchas nach Delphi schickte, um das Orakel
des Apollo über den Ausgang des Krieges zu befragen, sagt A. Chartier
S. 383. Delphi wird von Chartier zu einer Insel gemacht Auf die
Sehergabe des Calchas weist Froissart II, 382, v. 1 ff. hin.
Achilles, der tapferste und stärkste Held der Griechen, wird
längst nicht in dem Masse wie sein grösster Gegner, Hector, von den
Dichtem verherrlicht, was auf die minder günstige Darstellung im
Dares zurückzuftihren ist.
Als einen tapferen Helden kennzeichnen ihn folgende Stellen:
Trouvferes p. p. Dinaux H, 179, 10 ff., Lapid. fr. S. 120, v. 421 ff,
Floriant et Florete v. 876 ff, Ren. le Nouv. v. 5049 ff., Oeuvres de
Machault S. 101. Poösies de Froissart H, 141, 4773 ff.:
Je souhede que je soie si ffes,
♦ Et de mon corps fuisse ossi ärmeres
Et ossi prens, pour estre plus parf&s,
Com jadis fu Hector ou Acill&s.
Vgl. ferner: Voeu du H4ron v. 109 ff., Oeuv. de Chastellain VI,
356; VH, 169, VH, 424 Gui de Cambrai sagt uns im Barl, und Jos.
193, 12 ff., dass Achilles den Hector erschlug, um seinen geliebten
Gefährten Patroclus zu rächen. Auf das innige Freundschaftsver-
hältnis der beiden Helden spielt der Roman von Fergus v. 29 ff. an:
Ainc AcchiUes ne Patroclus
Nul jor ne s’entramerent plus
Con eil doi comp&ignon feisoient.
Vgl. über die Besiegung Hectors durch Achilles: Prolog zu
Branche des roy. lignages v. 298 ff. und Oeuvres de Renä in, 109.
An der letzteren Stelle wird auch gesagt, dass Achill trotz seiner Stärke
und Tapferkeit von dem Gotte Amor besiegt wurde und von Liebe
zur Polyxena entbrannte. Auf dieses Liebesverhältnis spielt Froissart
I, 35 v. 1151 u. 38 v. 1257 an. Über die falsche Darstellung
dieser Liebe vgl. Amadas et Ydoine v. 5863 ff. Troilus erlitt den
Tod von der Hand des Achilles (Escanor v. 15698 ff.).
Die Liebe zu Polyxena führte Achilles ins Verderben. Vgl. dazu
Barl. u. Jos. 193, 22 ff. und Escanor v. 15708 ff. Von Achills Tod
vor Troja spricht auch der Roman von Garin le Loherain 107, 17 ff.:
Des icelle oure que naquit Jhesus-Crist
N’ot tel bataille ne un tel färeis,
Fora devant Troies oü Achilles fenit.
9
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Agamemnon, den Oberanfiihrer der Griechen vor Troja, er-
wähnt in dieser Eigenschaft die Chronik von Benoit v. 37641 ff. und
der Rom. de Fl. et Blfl. v. 450. Mit Menelaus und Protesilans wird
er von G. Guiart (Branche des roy. lign. I, 7269 ff.) als einer der
Führer der Griechen vor Troja bezeichnet Den Stammbaum des
Agamemnon teilt uns Brunetto Latini im Tresor S. 38 mit: „Aga-
memnons Urahn ist nach dem Tresor Danaus, ein Sohn Jupiters,
König von Creta und Mycene. Dessen Sohn Pelops herrscht in
Griechenland und hinterlässt das Reich seinem Sohne Atreus. Nach
Atreus* Tode regiert sein Sohn Menelaus, worauf des Menelaus Bruder,
Agamemnon, in der Herrschaft folgt“ Diese Überlieferung wimmelt
von Fehlern gegen die antike Sage. Danaus ist nicht der Sohn
Jupiters, und Pelops nicht der Sohn des ^Danaus sondern des Tantalus.
Sodann folgte nicht Agamemnon dem Menelaus in der Herrschaft,
sondern beide herrschten gleichzeitig in verschiedenen Gebieten.
Die Opferung der Iphigenie wird von Chartier S. 382 erzählt
Agamemnons Tod finden wir im Dolop. und bei Chartier S. 720.
Dolop. v. 10264 ff.:
Veritez fut certes proväe
Que le fort roi Agamemnon
Qui destruit Troie et le donjon,
Ossit Clystemistra s& famme.
In Aye d* Avignon v. 1672 ff. lesen wir, das Menelaus wegen
des Raubes der Helena Troja zerstörte. Auch der Reimchronik von
Mouskes v. 68 ff. zufolge führte er als König von Griechenland die
Griechen zu dem Rachezuge gegen Troja.
Der Rom. de Parton. v. 201 ff. stellt den Menelaus als einen
Feigling hin, der die ihm von Paris zugefügte Schande aus Furcht
vor der Macht der Troer geduldig ertrug und erst von seinem Lehns-
mann Nestor zum Kriege angetrieben wurde.
Der zu langen Abwesenheit des Menelaus von Sparta wird
in der Art d’Amors v. 1561 ff. die Schuld an der Verführung der
Helena durch Paris zugeschrieben.
Der Trauer, welche Menelaus über den Raub der Helena empfand,
geben der Rom. d’Alix. S. 56, 16 ff. und der von Guy de Nanteuil
Ausdruck. Guy de Nanteuil v. 1698 ff.:
A moillier la prendrai en ceste quarantaine,
Et en aras le duel qu’ot Me(ne)lans d’Elaine
Que Paris li toli es präs desous Mi$aine.
Vgl. ferner Life of Edward the Confessor v. 747 ff. u. Escanor
v. 15603 ff.
Diomedes wird mehrfach unter den tapfersten Helden genannt
Vgl. Floriant et Florete v. 877 u. Lapid. fr. 120, 422.
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131
Oeuv. de Ren4 HI, 112:
D6omedes ainsi on me nomma
Puissant et vertueux, que fort on redoubta.
En maint cruel estonr, mon corps bien l’esprouva.
Mais k Amour fu serf, qui k so y me tonrna,
Pour Grisayde amer, que Troylle emmena
Et en fut amoureux, puis eile le trompa;
Car par sa voulentä guöres ne demoura
Que des mains luy ostay comme eile l’ordonna.
Le feu ardant d’Amours pour eile m’enbraza,
An der zuletzt angeführten Stelle lernen wir Diomedes auch als
glücklichen Nebenbuhler des Troilus kennen.
Den Patroclus nennt Gautier de Toumay (Trouv&res p. p.
Dinaux II, 179, 11).
Eine eigentümliche Rolle lässt der Dichter des Partonopex (v.
209 ff.) den Nestor spielen. Auch bei ihm ist er ein Greis, voll von
Klugheit, gewandt in der Rede und erfahren in den Künsten des
Krieges und Friedens, aber er tritt hier als Vasall des Menelaus auf,
der die seinem Lehnsherrn von Paris angethane Schmach schmerzlich
empfindet und diesen zu energischem Handeln antreibt. Dem Priamus
macht er viele Vasallen abwendig und zieht sie auf die Seite der
Griechen herüber. Auf sein hohes Alter spielt Jehan le Boutillier an
(Trouvöres p. p. Dinaux II, 294, 21 ff).
Von griechischen Helden, die vor Troja starben, fuhrt G. Guiart
(Branche des roy. lign. I, 7294 ff) folgende an:
Grezois i rorent graut dommage,
Car ocis fu rois Protenor,
Rois Santiphus, rois Alpenor,
Orchomenis, Architrocius,
Leothet&s et Patroclus.
Ul ix es, heisst es in der Art d’ Amors v. 1310 ff, war nicht
schön, aber weise und höfisch und vor allem ein guter Redner. Des-
halb setzte er immer seinen Willen durch. Auf seine Klugheit und
Beredsamkeit spielen noch folgende Stellen an. Oeuvres de Machault
S. 132:
Ne quier revoir la biaultä d’Absalon,
Ne dTJlixis le sens et la faconde.
Vgl. Complainte par Jean Dehaynin (Rec. de chants hist. S. 365)
u. Oeuvres de Chastellain Vn, 180; VIII, 252.
In der Prise d’Alex. v. 213 ff. erfahren wir, dass Ulixes als Sieger
aus dem Streit um die Waffen des Achilles hervorging:
Je fis les armes d’Achill&s,
Dont Ayaus s’ocist qui les
Perdi par maise plaiderie
Contre Ulixes, duc d’Ulixie.
9*
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132
Gautier de Toumay zählt ihn zu den tapfersten Helden. (Trou-
v&res p. p. Dinaux II, 179, 11). Von seinen Abenteuern wird im
Dolop. v. 12888 ff. die Verwandlung seiner Gefährten in Schweine
durch die Zauberei der Circe erwähnt:
Circe transfigurait. ausis
Toz les conpaignons Ulissis.
Das vergebliche Bemühen der Circe, den Ulixes ständig an sich
zu fesseln, schildert der Rom. d. 1. R. v. 15008 ff.
Circe war neben Medea als Zauberin im Mittelalter bekannt.
Lapid. fr. 160, 497— 8:
Enpr&s lui Circe la aenee
D'enchantement fu renom6e.
Prise ff AL v. 27—8:
Circ6, la male enchanteresse
Qni d’enchantemens est deesse.
Vgl. Poäsies de Froissart I, 216, 167. Deschamps sagt S. 31
beim Tode von G. de Machault:
La fons Circ4 et la fonteine H41ie,
Dont vons estiez le rnissel et les dois,
Oü po&tes mistrent leur Studie
Convient taire. etc.
Ich vermag mir über den Sinn der Worte la fons Circe keine
Rechenschaft zu geben.
Ulixes' Gemahlin Penelope galt als ein Muster von Keuschheit
und Treue. Vgl. Tristan I, S. 88 der Einleitung.
R. d.l. R.v. 8935 ff.: Penelope n6is prendroit;
Qui bien k li prendre entendroit;
Si n’ot-il meillor fame en Grece.
Vgl. ferner R. d. 1. R. v. 8983 ff. und Po6sies de Froissart II,
369, v. 6. Der Verfasser von Amadas und Ydoine v. 5865—6 stellt
auch die Penelope wie alle treuen Frauen als Betrügerin hin.
Die Bedeutung der nachfolgenden Verse Chartier's (Oeuvres de Ch.
S. 738) ist mir unklar geblieben:
Et par ta force merueilleuse, (sc. d’Amor)
Fina Ulixes franchement
Pour Penelope l’orguilleuse.
Die Sage von dem Aufenthalt des Odysseus bei dem Cyclopen
Polyphem begegnet uns wieder in einer Erzählung des französi-
schen Dolopathos (v. 8228 — 8563). Alt und weit verbreitet ist nach
W. Grimm (Untersuchung über die Polyphemsage in den Abhand-
lungen der Berliner Akademie v. J. 1857) die Sage von dem ein-
äugigen Cyclopen, den Odysseus überlistet und blendet. Nicht bloss
das alte Griechenland hat sie gekannt, auch in Persien und in der
Tartarei war sie einheimisch. Noch heute wird sie in weit abliegenden
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Ländern erzählt, bei den Serben wie bei den Rumänen in Sieben-
bürgen, bei den Esthen, Finnen, in den norwegischen Bergen, auch in
Deutschland. Abhängig von dem Boden, in welchem sie Wurzel ge-
schlagen hat, wandelt sie Farbe und Gestalt, dehnt sich aus oder zieht
sich zusammen: immer aber leuchtet bei diesen Umwandlungen die
gemeinsame Grundlage durch. Die lateinische Quelle des franz.
Dolopathos, den Dolopathos des Johannis de Alta Silva, kannte W.
Grimm nur dem Namen nach, und er musste daher auf eine deutsche
Übersetzung derselben und die damals eben erschienene, französische
zurückgehen. Von der Polyphemsage aber, die wir in eigentümlicher
Fassung darin finden, sagt er, dass sie ihrem Ursprung nach ohne
Zweifel auf lebendiger Überlieferung beruht und in keinem Falle
eine absichtliche Umbildung der homerischen Erzählung enthält.
Oesterley, der Herausgeber des lateinischen Dolopathos, bemerkt
S. 22 und 23 der Einleitung: „Die ausdrückliche Nennung des Namens
Polyphem S. 72, 21 unseres Textes ist unzweifelhaft dem Verfasser
des Dolopathos zuzuschreiben; es geht daraus hervor, dass Johannes
mit der vielfach abweichenden Fassung der Odyssee wohl bekannt ge-
wesen ist, und darin liegt ein neuer Beweis dafür, dass er seine Dar-
stellung dem Volksmunde entnommen und die Überlieferung treu be-
wahrt hat. u
Die Überlieferung des französischen Dolopathos von der Polyphem-
sage ist folgende:
Der Erzähler dieser Geschichte macht sich in seinen jungen
Jahren mit 100 Gefährten auf den Weg, um einen Riesen, der fern in
einem Walde haust, seiner grossen Schätze zu berauben. Da der Riese
nicht zu Hause ist, beladen sich die Diebe mit reicher Beute und
begeben sich auf den Rückweg, werden aber von dem bestohlenen
Riesen und neun seiner Genossen gefangen und nach deren Wohnungen
geschleppt. Unsem Helden mit 9 andern Dieben erhält der beraubte
Riese. Er muss sehen, wie seine Gefährten nach einander von dem
Riesen geschlachtet, gekocht und verzehrt werden, und wird ge-
zwungen, mit an dem scheusslichen Mahle teilzunehmen. Als schliesslich
die Reihe an ihn selbst kommen soll, rettet er sich dadurch, dass er
sich für einen geschickten Arzt ausgiebt und dem Riesen Heilung von
einem schlimmen Augenübel verspricht. Nachdem er Oel siedend ge-
macht hat, heisst er den nichts ahnenden Riesen sich auf den Rücken
legen und giesst ihm das Oel über das Gesicht, so dass der Riese,
nunmehr gänzlich erblindet, furchtbar tobt und seinen Peiniger mit
einer gewaltigen Keule zu erschlagen sucht.
Da die Wohnung des Riesen von einer hohen Mauer umgeben
ist und nur einen verschliessbaren Ausgang hat, so hilft sich der Dieb
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durch eine List aus der Not. Er hatte bemerkt, dass der Riese diese
Thür nur öffnete, um seine Schafe auf die Weide zu treiben. Die
Schafe weideten ohne einen Hirten, da sie durch einen Zauber gebannt
waren, und kehrten jeden Abend von selbst in ihren Stall zurück.
Jedesmal wenn der Riese die Schafe austrieb, zählte er dieselben
und behielt das fetteste zur Speise zurück. Darauf gründete der
Dieb seinen Plan. Er schlachtete ein Schaf, zog ihm das Fell ab
und hüllte sich darein, um in der Verkleidung eines Schafes auB der
Wohnung zu entkommen. Aber siebenmal hielt ihn der Riese zurück,
da er ein feistes Schaf in ihm vermutete, dessen er jedoch nie später
habhaft werden konnte. Als daher der Dieb am achten Tage in seiner
Verkleidung wieder unter die Hände des Riesen kam, hielt der letztere
dem vermeintlichen Tiere seine Undankbarkeit vor und warf es ärger-
lich aus der Thür. So gelang es dem Diebe ins Freie zu kommen.
Als er glücklich die Freiheit wiedererlangt hatte, verspottete er den
Riesen. Der schlaue Riese aber lobte ihn wegen seiner List und
warf ihm einen kostbaren Ring zu, über den ein Zauber gesprochen
war. Kaum hatte der Dieb den Ring an den Finger gesteckt, als der
Ring beständig rief: „Ich bin hier!“ Alles Bemühen des Diebes, ihn
wieder vom Finger zu ziehen, war vergebens, und da der tückische
Riese ihm dicht auf den Fersen war, so biss er sich den Finger ab,
warf diesen dem Riesen entgegen und entkam so.
Speoifisch römische Sagen.
Waren die bis jetzt behandelten Stoffe fast ausschliesslich der
griechischen Sage entnommen, so wollen wir im Folgenden die spe-
cifisch römischen betrachten. Das gefundene Material ist nicht um-
fangreich und beschränkt sich auf die Anfänge der römischen Herrschaft.
Im MBrut v. 3711 — 3748 lernen wir die fünf sagenhaften Könige
kennen, welche vor Aeneas in Italien regierten. Der erste derselben
war Janus. Da dieser ohne Erben starb, so folgte ihm Saturnus,
der von Jupiter aus Kreta vertrieben war. Nach seinem Tode kam
sein Sohn Picus zur Regierung. Dieser hinterliess die Herrschaft
seinem Sohne Faunus, von dem sie auf dessen Sohn Latinus über-
ging. Ueber die Quellen vergl. S. X u. XI der Einleitung zu dem
MBrut.
Brunetto Latini führt im Tresor S. 46 den Stammbaum der ita-
lischen Könige noch über Janus hinaus auf Italus zurück, einen
Sohn des Nimrod, welcher den Turm von Babel erbaute. Dieser
kommt nach Italien, wird Herr des Landes und vererbt das Reich auf
seinen Sohn Janus,
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Wie Aeneas nach Italien kam und dort ein Reich gründete, ist
schon früher erwähnt worden.
Nach dem MBrut v. 215 — 330 übernahm Aeneas’ Sohn As ca n ins
nach dem Tode seines Vaters die Regierung. Den König Mezentius,
welcher ihn mit Krieg überzog, besiegte und tötete er in einer Schlacht.
Lavinia floh aus Furcht vor Ascanius in die Wälder zu ihrem Hirten
Tyrrus und gab dort einem Sohne, dem Silvius, das Leben. Nachdem
sie zwölf Jahre mit ihrem Kinde in dem Walde gelebt hatte, wurde
sie von Ascanius zurückgerufen und in die ihr gebührenden Rechte
eingesetzt. Ihren Sohn, den Silvius, bestimmte Ascanius zum
Nachfolger nach seinem Tode, obwohl er selbst einen Sohn Julis
hinterliess.
Darauf folgte nach v. 3765 ff. eine Reihe von Königen bis Procas,
der zwei Söhne, Numitor und Amulius, hatte. Dem Amulius gab
Procas bei seinem Tode das Reich, während Numitor das bewegliche
Vermögen erhielt. Amulius verbannte aber den Numitor, tötete Nu-
mitors Sohn Sergestvus und machte dessen Tochter Silvia oder Ilia
zur Vestalin. Trotzdem gebar diese von Mars den Romul us und
Rem us. Zur Strafe für ihre Unkeuschheit wurde sie lebendig einge-
mauert, während die beiden Knaben auf dem Tiber ausgesetzt wurden.
Die Strömung trieb sie ans Land, wo sie von Faustus , einem Hirten
des Amulius, gefunden wurden, der sie seiner Frau Acca zur Pflege
übergab. Nach anderen Berichten, sagt der Dichter, ernährte die
Knaben eine Wölfin. Doch dies ist nur sinnbildlich zu verstehen.
Acca war ein liederliches Weib, die ihren schönen Körper zu einer
Quelle unlauteren Gewinnes machte.
V. 4072 ff.: ... de prendre eirt trop cuvoitouae,
Al prendre eirt tote abandonee,
Et p&r tant fu lonve clamee.
Ses ameors toz destruisoit,
Cume louve les devoroit.
Romulus und Remus wuchsen zu kräftigen Jünglingen heran. Als
sie ihre Abkunft erfuhren, sammelten sie eine Schar von Hirten und
Räubern um sich, zogen gegen Alba und erschlugen den Amulius.
Numitor wurde nun auf den Thron berufen, starb aber bald.
Romulus suchte einen passenden Platz zur Gründung einer Stadt
an dem Tiber aus und gründete Rom, wo er ein Asyl für Verbrecher
und Flüchtlinge eröfihete. Dann umgab er die Stadt mit Mauern und
setzte 100 Senatoren ein. Über die Quellen des MBrut vgL die Ein-
leitung zu der Ausgabe.
In der Reimchronik von Mouskes v. 122 — 161 wird in kurzen
Worten die Ansiedlung des Aeneas in Italien, die Gründung seines
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Reiches und die Entwicklung desselben bis auf Romulus und Bomus
geschildert.
Der Roman von Athis und Prophilias v. 17 — 130 erzählt uns, dass
Romulus und Remus, welche aus dem Volke der Trojaner waren, Rom
erbauten. Um zu entscheiden, wer von beiden regieren solle, kamen
sie überein, die Entscheidung der Götter anzurufen. Sie stiegen auf
einen Berg, und derjenige, welcher die meisten Vögel sähe, sollte König
sein. Da Remus acht und Romulus zwölf Vögel sah, so übernahm der
letztere die Regierung, während Remus nach Frankreich ging, wo er
die Stadt Roms (Reims) gründete und sich das umherliegende Gebiet
unterwarf.
Einst besuchte Remus seinen Bruder, welcher inzwischen die
Stadt mit niedrigen Mauern umgeben und dazu geschworen hatte,
dass er demjenigen, welcher hinüberspränge, den Kopf abhauen lassen
würde. Als daher Remus, der nichts von diesem Verbote wusste,
eines Tages ahnungslos über die Mauer sprang, liess ihm Romulus
in seinem Zorne das Haupt abschlagen.
Der Tresor S. 43 giebt uns eine Aufzählung der Könige von
Aeneas bis Romulus, die nur unerheblich von der im MBrut abweicht
Die Mutter des Romulus und Remus heisst Emilia, wird aber nach
ihrer Niederkunft Rea genannt. Die Fabel der Abstammung der
Zwillinge von einer Wölfin weist Brunetto Latini zurück.
Vgl. ferner Romancero de Champagne IH, 6:
Deux filß jumeaux, Remus et Romulus,
Nez de Rh£a, d’une louve alaictez,
Par un pasteur appellä Faustulus.
Et par sa femme gardez et bien traictez,
Furent depuis si hautement montez
Qu’ils firent Rome dominant sur tous bommes.
Als gemeinsame Gründer Roms werden Romulus und Remus im
WBrut v. 2153 ff. und der Reimchronik von Mouskes v. 1 bezeichnet.
Andere Dichtungen schreiben diese That dem Romulus allein zu, so
der MBrut v. 4153 ff.
Coronemens Looys v. 456 ff.:
Ci sui venuz en mon droit heritage,
Que estora mes ancestres, mes aves,
Et Romulus et Julius Cesaire,
Qui fiat ces murs et ces ponz et ces barres.
Barl. u. Jos. 195, 13:
.... Romulus ki Romme fist.
Claris und Laris v. 6614 ff.:
Romulus i estoit portraiz,
Qui de Rome fist (toz) les portraiz,
Jjes fortereces et les tors.
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187
Oeuv. de Deschamps I, 48:
Romme fonda ses fr&res Romains.
Als Erbauer von Reims nennen den Remus Gui de Cambrai
(Barl. u. Jos. 195, 14) und Deschamps (Oeuv. de Deschamps I, 48).
Romancero de Champagne III, 6:
Les gern Remus, hör® de Rome boutez,
Fond&rent Rheims, la cit4 oü nous sommes.
• Die Ermordung des Remus durch seinen Bruder wird erwähnt
im WBrut v. 2155 ff. und der Bible Guiot v. 748 ff:
Romulus son frere i ocist,
Qui trop grant crualtä i fist.
• Nach dem Dolop. v. 12656 ff. gründete Romulus in Rom der Pax
und Concordia einen Tempel, über dessen Hauptthor er die Inschrift
setzte, dass der Tempel bis zu dem Tage bestehen werde, an welchem
eine reine Jungfrau gebären würde. Am Tage der Geburt Christi
stürzte der Tempel zusammen, so dass kein Stein auf dem andern blieb.
Bei den Römern soll Romulus das Jahr in zehn Monate geteilt
und diesen Namen gegeben haben. Davon spricht Philippe de Thaün
verschiedentlich im Cumpoz w. 711 ff, 753 ff., 786 ff, 808 ff. etc.
Im WBrut v. 115 ff, im MBrut v. 353 ff und in der Chronik
von Pierre de Langtoft S. 4 ff. lesen wir die Geschichte des Brutus,
des angeblichen Stammvaters der bretonischen Könige, den die antike
Sage noch nicht kannte. Nach Wace und Langtoft war Brutus ein
Sohn des Silvius und Enkel des Ascanius, welcher einst seinen Vater
aus Versehen auf der Jagd tötete und in die Verbannung getrieben
wurde. Er wandte sich nach Griechenland zu den Nachkommen der
von Pyrrhus, dem Sohne Achills, in die Knechtschaft geführten Troer,
befreite diese vom griechischen Joche und führte sie nach England,
welches von ihm Britannien genannt wurde.
Der MBrut weicht insofern von dieser Fassung ab, als dort Brutus nicht
der Enkel des Ascanius, sondern der Sohn seines Stiefbruders Silvius ist.
Dem Tresor S. 142 zufolge hatte Julius Silvius, der Stiefbruder
des Ascanius, zwei Söhne, Aeneas und Brutus. Nach seinem Tode
wurde dter ältere Sohn, Aeneas, König, während Brutus über das Meer
auswanderte nach einem Lande, das von ihm Britannia genannt wurde.
Auf diese Abkunft der Bretonen von den Römern und indirect von
den Trojanern spielen manche Dichter an. Life of Edw. the Conf. v. 783 ff. :
Mortz unt les gentiz Engleis
Ki parente, ki ancesar,
Furent noble conquestar:
Venant en la cumpainie
Brut a la chfere hardie,
Ki s’en vint a grant navie
De la grant Troie flur de Asie.
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Vgl. ferner: Barl. u. Jos. 195, 17 ff., Tonrnois de Ham S. 225,
Claris und Laris v. 5830 ff, Branche des roy. lignages I, 7338 ff,
Po&ies de Froissart II, 382, 1 ff und D&bat des hörauts S. 10 u. 40.
B. Stoffe aus der Geschichte.
Nachdem wir an einer früheren Stelle gesehen haben, welcher
Popularität sich Alexander d. Grosse in Frankreich erfreute, ist es
begreiflich, dass wir in den Werken der Dichter häufig Anspielungen
auf seine Person finden. Wir lassen hier zunächst die aus dem Epos
und den Reimchroniken folgen.
Die älteste Erwähnung Alexanders findet sich in der Earlsreise
v. 365—6, wo es heisst:
Seignors, dist Charlemaignes, molt gent palais at ci,
Tel nen out Alixandre ne li vielz Costantins.
Sodann begegnen wir ihm wieder im Rom. de Rou I, v. 41 ff.
Wace sagt hier, dass Alexander in zwölf Jahren zwölf Königreiche
eroberte. Die auf den Pseudo - Callisth. zurückgehenden Dichtungen
erwähnen aber nichts von den zwölf Königreichen.
In der Chronik von Benoit (H, 514, Anm. 2) wird die Geschichte
von Alexander, Porus und Darius als Gegenstand der Unterhaltung
bezeichnet. Ähnliche Stellen kommen vor in dem Roman von Doon
de Nanteuil (Romania XIII, S. 18, v. 90 — 2 u. S. 20, v. 126 — 7), in
der Prise d’Al. v. 7176 und der Chronik von Bertrand du Guesclin
v. 21598.
Dass man nicht müde wurde Bücher von Alexander zu schreiben,
lesen wir in dem Gedicht vom ersten Kreuzzug , das auf Baudri de
Bourgueil zurückgeht, auf S. 300 der Oxforder Hs. Ferner sprechen
G. Guiart (Branche des roy. lign. v. 9 ff des Prologs), das Gedicht
des Chandos von dem schwarzen Prinzen v. 4122 ff. und die Chronik
von Bertrand du Guesclin v. 10718 ff. davon.
Auf die gewaltigen Kämpfe zur Zeit Alexanders spielt Benoit in
v. 18885 — 6 der Chronik an. Im Rom. de Troie v. 796 lässt er
Alexander die Säulen des Herkules finden. Der Roman von Eracles
v. 5272 ff. deutet auf die weiten Züge Alexanders hin. Chrestien de
Troyes preist im Erec u. Enide v. 6625 ff. und im Perceval le Gallois
v. 26204 ff. den unermesslichen Reichtum Alexanders, und im Cliges
v. 6699 ff werden die grossen Eiriegsrüstungen desselben erwähnt.
Im Rom. d’Alix. heisst unser Held verschiedentlich Alixandre
d’Alier (184, 30; 395, 21 ; 510, 8) oder le roi d’Alier. Auch in andern
Gedichten kommt diese Bezeichnung vor, so im Perceval le Gallois
v. 13486, Chron. rim. de Ph. Mouskes v. 19408 etc. Das Land Alier
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ißt im Rom. d’Alix. mehrfach erwähnt (16, 31 u. 36 etc.). Nach P.
Meyer ist Alier sehr wahrscheinlich eine mittelbare Ableitung von
Ulyricum.
Das schon erwähnte, auf Baudri de Bourgtieil beruhende Gedicht
beschreibt auf S. 96—98 der Oxforder Hs. ein prachtvolles Zelt,
welches die Königin Candace Alexander geschenkt hatte. Schliesslich
war es in den Besitz des Kaisers Alexis gekommen und wurde von
diesem Gottfried von Bouillon zum Geschenk gemacht.
In Aliscans v. 5707 heisst es von Leuten:
D’espises vivent et d’odour de pieument.
Dies bezieht sich auf eine Stelle des Rom. dAlix. 353, 3.
In der Bataille Loquifer (P. Paris, Mss. fr. HI, 161) wird das
Schwert Rmrite als einstmaliges Besitztum Alexanders bezeichnet.
Gleiches finden wir von andern Schwertern in Foulques de Candie
S. 92 und Gaydon v. 6406—7 behauptet. In der Conquöte de
Jerusalem v. 5492 ff. ist von einem Zelte des Sultans von Persien
die Rede, das schon Alexander gehört hatte. Eine andere Stelle
v. 8133 ff. erwähnt Menschen, welche von Gewürzen leben und sich
jährlich einmal „el flove del jovent“ baden. Nicht mit Bestimmtheit
ist dies eine Reminiscenz an die Alexandersage, da die Sage von der
Quelle auch sonst existirt Einige Verse vorher (v. 8130 ff.) werden
Völker genannt, welche das Kinn und die Zähne auf der Brust haben.
Diese Ungeheuer kommen bei Wauquelin, aber auch schon früher
bei Isidor von Sevilla vor.
Die Chanson de Doon de Nanteuil (Rom. XIII, 16 v. 53 — 54)
enthält eine Anspielung auf den Rom. dAlix. S. 280.
Die Chanson de Gui de Nanteuil v. 2502 ff. nennt ein Pferd,
welches von Bucifal abstammte. Des Bucephalus gedenken noch
Parton. v. 9629-— 30 und Enfances Ogier v. 1766.
Der Roman de Guillaume de Palerne v. 2084 ff. preist Alexanders
Macht und klugen Sinn.
Der Dichter des Romans von Guillaume de Dole erinnert v. 5306
an die berühmte That Alexanders, wie er zuerst auf die Mauer von
Tyrus sprang.
Häufig sind die Hinweise auf Alexander in der Chron. rim. de
Ph. Mouskes. In v. 8840 ff. erfahren wir, dass er vor seinem Tode
seine zwölf Pairs um sich versammelte, sie mit Reichen ausstattete
und seine Gemahlin noch zu seinen Lebzeiten mit Ptolomaeus ver-
mählte. Seine Vergiftung durch die beiden Schurken teilt uns v. 19408 ff.
mit. An verschiedenen andern Stellen *(v. 23646, v. 23967, v. 29513)
verherrlicht Mouskes seine Tapferkeit, und v. 24553 — 4 sagt er, dass
sich Alexanders Reich von Griechenland bis Flandern ausdehnte.
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140
In Huon de Bordeaux v. 3610 ff. erwähnt der Dichter einen fau-
dutuef, der von Feen Alexander geschenkt war.
Der Dichter von Amadas und Ydoine lässt Alexander ebenso
grundlos wie viele andere Helden von seiner Gemahlin betrogen werden
(v. 5873 ff.). Guillaume Guiart sagt in der Branche des roy. lign. I,
7362 ff., dass sich nach der Zerstörung Trojas ein Teil der flüchtigen
Troer in Macedonien niedergelassen habe, und dass Alexander be-
sonders der Tapferkeit dieser Leute seine kriegerischen Erfolge ver-
danke. An zwei andern Stellen (II, 2266 ff. u. II, 6724 ff.) spricht er
von den Thaten Alexanders.
Des glänzenden Hofes des macedonischen Königs gedenkt der
Kom. de Floriant et Florete v. 8119 ff., u. v. 227 erwähnt er Alexanders
Tod durch Gift.
In Hugues Capet v. 1078 ff. wird die Tapferkeit des Eroberers
gerühmt, ebenso im Bastars de Buillon v. 5879 — 80 und an ver-
schiedenen Stellen des Godefroid de Bouillon (v. 10521 ff, v. 18305 ff.
und v. 34851 ff). Von einem Zelte heisst es v. 22037 des letzteren
Gedichtes, dass die Geschichte Alexanders darauf dargestellt war. Vgl.
ferner: Voeu du H6ron v. 110, Chronique de Bertrand du Guesclin
vv. 12 ff, 11018, 11070, 6622 ff, 11890, 18895-6, Chronique d'Ano-
nyme de Lille (Trouv. p. p. Dinaux II, 97, 20 ff.) und D6bat des
h6rauts S. 2.
Mehr aber als durch seine Eroberungen und seine Tapferkeit war
Alexander wegen seiner Freigebigkeit berühmt, und die Dichter stellen
ihn als den idealen Typus eines Feudalherrn hin, der seinen Vasallen
alle eroberten Schätze und Länder schenkt und mit ihnen Ehre und
Ruhm teilt Will ein Dichter die largesse seines Helden als besonders
hervorragend bezeichnen, so vergleicht er sie mit der Alexanders.
Dieser Charakterzug des Helden findet sich noch nicht im Alexander-
Fragment, er beginnt sich zu bilden in dem Gedicht des Clerc Simon
und erhält seine Vollendung in dem Alexander-Roman in Alexandrinern,
besonders in dem Teile, welcher die Hand Alexanders von Paris er-
kennen lässt. Vgl. P. Meyer, Alexandre le Grand dans la litt&rature
fr. II, 373 ff. Wenn es auch feststeht, dass Alexander von Paris den
grössten Anteil an der Bildung des conventioneilen Charakters AJe-
xanders hat, so war doch schon vorher die Freigebigkeit desselben
sprichwörtlich. So heisst es in der Chronique ascendante (Rom. de
Rou I, 207, 14 ff):
Ceo ne fu mie el tens Vregile ne Orace,
Ne el tens Alixandre ne Cesar ne Estace.
Lores aueit largesce vertu e efficace.
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141
Nicht minder preist Chrestien de Troyes diese Tugend Alexanders
in Erec et Enide v. 2259 — 60:
Erec de doner et de despandre
Fu pareilz le roi Alixandre.
Vgl. noch Erec et Enide v. 6625 ff. u. 6635 ff.
Henri d'Andeli (wir beschränken uns nicht mehr auf das Epos etc.)
sagt im Lai d’Aristote von Alexander: n ce fist largmce , sa mbre u } und
im Dit du chancelier Philippe vergleicht er die largesse seines Helden
mit der Alexanders (Rom. I, 211 v. 77). Auch Rutebeuf I, 52, 1 ff.
spielt auf dieselbe an, und im Rom. d. 1. R. v. 1166 heisst es von
der largesse :
El fu du linage Alexandre.
Vgl. Rom. d. 1. R. v. 13250 ff.
In dem Torn. de l’Ant. S. 70 hält die personificirte Largesse
Alexander in ihrer Hand. Vgl. noch S. 49 u. S. 54 Philippe Mouskes
gedenkt in der Reimchronik v. 18862 u. v. 19266 ff. gleichfalls des
freigebigen Fürsten, und Guillaume Guiart (Branche des roy. lign. I,
2932 ff. und II, 4333 — 4) hält auch nicht mit seinem Lobe zurück«
Vgl. Rec. de chants hist. S. 72.
Nach P. Meyer a. a. O. S. 376 — 7 verwischt sich dieser Charakter-
zug Alexanders seit dem 13. Jh. allmählig, und im Laufe des 14. Jh.
hört seine Freigebigkeit auf sprichwörtlich zu sein. Ob P. Meyer ganz
darin Recht hat, scheint mir zweifelhaft, da manche Stellen das Gegen-
teil beweisen. So heisst es in der Prise de Pampelune v. 5603 ff.:
Bien eaväs che Alixandre sourmunta tote gient
Trou plus par bien prometre e donier noblement
Cbe par nule autre souse com vous oi4s sovent.
Watriquet de Couvin spricht gleichfalls in den Ausdrücken des
höchsten Lobes von Alexanders Freigebigkeit. Vgl. Dits de Watriquet
de Couvin 45, 56 ff.; 94, 416 ff. und 127, 61 ff.
Godefroy de Paris sagt in seiner Chronik v. 4987 :
Alixandre par dons conquist.
Zuletzt wird noch in Bauduin de Sebourc, Chant I, v. 905 ff. die
Freigebigkeit Alexanders gepriesen. Vgl. D6bat des härauts S. 49.
Doch gegen den Ausgang des Mittelalters hat sich der Charakter
Alexanders gänzlich geändert, und der Typus des Eroberers ist, ent-
sprechend der geschichtlichen Überlieferung, in den Vordergrund ge-
treten, so bei Guillaume de Machault (Prise dAl. v. 43 ff.) und Eustache
Deschamps, welche ihn unter die Zahl der „neuf preux“ setzen.
Hatten wir bislang vornehmlich Anspielungen aus dem Epos und
der Reimchronik angeführt, so mögen im Folgenden die aus den
übrigen Dichtungsgattungen ihren Platz finden. Sogar in religiösen
Dichtungen wird Alexander einige Male erwähnt. Etienne de Fougöres
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führt in dem Livre des Maniöres S. 5 die Geschichte Alexanders als
einen Beweis für die Unbeständigkeit der weltlichen Dinge an.
Ähnlich heisst es in der Vie de Seint Anban v. 355:
Ü est Alexandres li princes alos4?
Vgl. Life of Edward the Confessor v. 746.
Die Bible Guiot de Provins v. 272 ff. weist auf die grosse Hof-
haltung Alexanders hin. Die Image du Monde spielt häufig auf die
Geschichte unseres Helden an. Jean de Condö (Dits, I, 266, 47 ff.)
spricht von dem unermesslichen Reichtum desselben. Im Rom. d. L
R. v. 19456 ff. ist er als ein Btolzer, unersättlicher Eroberer geschildert,
dem die Erde für seine hochfliegenden Pläne zu eng war, und der
deshalb die Götter in der Unterwelt angriff. Gautier de Tournay
(Trouv. p. p. Dinaux II, 179, 16 ff.) gedenkt der Tapferkeit des
Königs. In dem Prologus Regine Sibille (gedruckt in Torn. de TAnt
S. 108) begegnen wir der Geschichte von Gog und Magog. Besonders
häufig aber finden sich Erlebnisse und Abenteuer von Alexander in
dem Tresor. Vgl. Tresor SS. 34 , 36, 158, 159, 160, 193 , 233, 239,
243, 449.
Das Dit des Mais (Jub. nouv. rec. S. 187), das Lapidaire von
Bern (Lapid. fr. 120, 420 ff.) und ein Dit von Baudouin de Cond6
(Dits, S. 178, 62 ff.) enthalten Anspielungen auf Alexanders Tapferkeit.
Dits de Jean de Cond6 I, 26, 842 ff:
Onques Alixandres d’Alier
Ne se maintient mieus en b&taille
Qu’il fist k ce tournoi, sans faille.
Von Alexanders Tapferkeit sprechen ausserdem noch: Oeuv. de
G. de Machault S. 101, Poösies de Froissart I, 212, 37 ff., Oeuv. de
DeschampB I, 44; H, 79 u. 141, Oeuv. de Ren6 II, S. LXXXII u.
LXXXVHI, Anm. 1, Oeuv. de Chastellain VI, 52 ; Vn, 45 u. 207 u. 424.
In dem Rom. de la poire v. 1774 ff. wird zum Lobe einer
Dame gesagt:
. . eie est tant franche et tant sage,
Et si est de si haut parage
Qu’el ne vaut pas mains qu’ Alixandre.
Auch in den Po^sies de Froissart III, 141 v. 1472 ff. und den
Dits de Watriquet de Couvin 19, 574 ff. u. 175, 342 ff. werden die
Vorzüge Alexanders hervorgehoben.
Eustache Deschamps (Oeuv. de Deschamps 1, 127 u. H, 18) rühmt
von Alexander, dass er in den Wissenschaften erfahren gewesen sei.
Olivier Basselin (Vaux-de-Vire S. 119) macht den König zu einem
lustigen Zecher. Die Liebe der Königin Candace zu Alexander er-
wähnt Froissart I, 139 v. 1798 ff:
Et Candasse, qui tant fu sage
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143
De pourtretture v
Fist ouvrer le droit peraonnage
D’Alixandre, corps et yisage. etc.
Von Alexanders Tode sprechen Deschamps I, 59 und A. Chartier
S. 364.
Wenn Alexanders Triumphe gefeiert wurden, konnte der Name
seines bedeutendsten Gegners, des Darius, nicht ungenannt bleiben,
und deshalb finden sich auch auf diesen mannigfache Anspielungen.
Vgl. Chronique de Benoit II, 514, Anm. 2, Chanson de Doon de
Nanteuil v. 127 (Roman. XIII) und Oeuvres de Chastellain VII, 424.
Im Durmart le Gallois v. 8164 ff. wird sein Unglück darauf zurück-
geführt, dass er seine Barone knechtete und Leute von gemeiner
Herkunft in hohe Ehrenstellen setzte. Im Renart le bestournä stellt
Rutebeuf den Tod des Darius als eine Strafe für seine Habsucht hin.
Godefroy de Paris sagt in Beiner Chronik v. 4988:
D&ire par tenir ge forfiat.
Dasselbe drückt Watriquet de Couvin in einem seiner Dits aus
(Dits 127, 54 ff.).
Von dem gewaltigen Reiche des Darius sprechen der Rom« dou
Chastelain de Couci v. 7482 ff« u. das Miracle de Clovis v. 1876 ff.
(Miracles p. p. Paris et Robert).
Die Besiegung des Darius durch Alexander erwähnen: Rec. de
chants hist S. 72, Perrin d’Angecourt (Chansonniers de Champagne
S. 2), Life of Edward the Confessor v. 746, Branche des roy. lignages
H, v. 2266 ff., Renart le Nouv. v. 1930 — 1 und Döbat des h&auts
S. 49. Vgl. die Anmerkung zu dieser Stelle auf S. 152 der Ausgabe.
Auf Sisygambis, die Mutter des Darius, weist der Rom. d. L R.
v. 7056 ff. hin.
Auch von dem andern grossen Gegner Alexanders, dem Porus,
finden wir verschiedene Citate: Doon de Nanteuil v. 91, Chron. de
Benoit H, 514, Anm. 2, Gautier de Tournay (Trouv. p. p. Dinaux H,
179, 16 ff), Godefroid de Bouillon v. 34853, Oeuv. de Chastellain
VH, 424, Perceval v. 26205 ff. Lapidaire de Berne (Lap. fr. 115,
265 ff):
De la ou Porrus fiat la troille
Qui taut eat riche a graut merveille,
Yiennent li aaphir preciouz.
An dieser Stelle wollen wir auch des Aristoteles, des Lehrers
von Alexander, gedenken, der im Mittelalter als ein Ausbund von
Weisheit bewundert wurde. Seine Gelehrsamkeit brachte ihn leicht in
den Ruf eines Zauberers, als welchen ihn die Chanson von Doon de
Nanteuil v. 50 ff. schildert.
Auf die Erzählung, welche uns Henri d’Andeli im Lai d'Aristote
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144
vorfiihrt, wird verschiedentlich von Dichtern angespielt. Oeuvres du
trouvire Adam de la Halle S. 167:
Adan, mout fu Aristotes sachans,
Et si fu il p&r amours tes men6s,
Qu’en* seles fu comme cbevaus f errang
Et cheYauchies ensi que vous ®av£s
Pour cheli que il voloit k minie,
Qui en le fin convent ne li tint mie. etc.
Trdsor S. 432: neis Aristotes li trfcs sagte philosophes et Mellins furent
deceu par femmes, selonc ce que les estoires nos racontent
Podsies de Froissart H, 100, v. 3366 ff.:
Malnt pliilozophe aussi j’en s$ai
Qui enche'irent en l’assai
Et furent fern de la darde. (sc. d’Amor)
Premiers qui Oride regarde,
Vregile et Aristotle aussi,
On Yoit que ce fu d’euls ensi.
Vgl. ferner: Li Bastars de Buillon v. 6881 ff, Oeuv: de Ren6
m, 152.
Auch in der Kunst ist diese Erzählung zur Darstellung ge-
kommen, nämlich als eine Elfenbein-Schnitzerei auf einem Einband-
deckel von Wachstafeln, welche dem Kloster Saint-Gcrmain-des^Präs
gehören und wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammen. VgL
Oeuv. poftiques de Philippe de Beaumanoir p. p. Suchier, S. 63 der
Einleitung.
Aristoteles erscheint häufiger als Lehrer und Berater Alexanders.
So war es nach dem Dit d’ Aristotle von Rutebeuf I, S. 285 Aristoteles,
der seinem grossen Schäler vor allem die Freigebigkeit zur Pflicht
machte.
Dita de Watriquet de Couvin 277,122 ff:
Le conseil yous couvient tenir,
Qui biaus est et bons et loiaus,
Des .Oll. vertu» cardinaus,
Seur toutes de plus graut arro y,
Qu’ Aristotes escrist au roy
Alizandre, qu’il fust vestus
Et aournez de ces vertu®.
Vgl. ferner: Dit des Mais (Jub. nouv. rec.S. 187), Dit des patenostres
(Jub. npuv. rec. S. 248) und Oeuv. de Chartier S. 396.
Bei Jub. nouv. rec. S. 332 lesen wir, dass Hippokrates von
seiner Frau betrogen wird:
E ly bou myre Ypocras,
Qui tant savoit de m£dicyne artz,
Fust par sa femme des$u;
Geste cbose est bien aparäu.
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145
Wahrscheinlich hat der Dichter die Erzählung im Auge, welche
wir bei Le Grand d'Aussy, Fahl, ou contes I, 212 — 221 finden. Vgl.
dazu Oeuy. de Chartier S. 396.
Hiermit schliessen wir die Behandlung von Personen aus der
griechischen Geschichte, um zu denen aus der römischen überzugehen.
Julius Caesar, einige Kaiser und der Dichter Virgil sind es, die unsere
Aufmerksamkeit eine Zeit lang in Anspruch nehmen werden.
Julius Caesar war nach der allgemeinen Ansicht des Mittelalters
der erste römische Kaiser. — Brunetto Latini sagt uns im Tresor
S. 46, wie Caesar die KaiBerwürde erlangte:
Et por ce que li Romain ne pooient avoir roi, selonc l’establissement qui
fu fait au tens Tarquinius, se fiat il apeler empereor. Et ainsi Julius Cesar fit
li premiera empereres des Romains.
Caesars aussergewöhnliche, geistige Eigenschaften und die gross*
artigen Erfolge, welche er in jeder Hinsicht erzielte, erfüllten die
Dichter mit Bewunderung seiner Person.
WBrut y. 3909 ff.:
Julius C£sar li vaillans,
Li fors, li pros, li conquerrans,
Qui tant fiat et tant faire pot,
Que tout le mont conquist et ot;
Onques nus hom, puls ne avant,
Que nous aa^on, ne conquist tant.
C4sar fu de Rome emperfere,
Soges et pros et bons don&re,
Pris ot de grant cevalerie
Et leträs fu, de grant dergie.
Roman de Rou I, y. 47 ff.:
Cesar, ki tant fist et tant pont
Ki tut le munt cunquist e out,
Unkes nuls bom[s], puis ne avant,
Mien escient ne cunquist tant,
Puis fu ocis en traisun
El capitoile, ceo savum.
Vgl.: Roman du Renart p. p. Meon v. 8458 ff., Dits de Jean de
Condä n, 292, 86 ff. und Poösies de Froissärt HI, 141 v. 1472 ff.
Oeuvres de Ren6 HI, 103:
Je, Julies dit Cezar, d’exercite ducteuf,
Et de la republique premier apprehendeur,
Puissant et redoubtä et preux et conquerant,
Devant qui le monde aloit de peur tremblant,
Vins c y etc.
Oeuvres de Chastellain VH, 45.
Caesars Tapferkeit verherrlichen folgende Stellen: Bible Guiot
10
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146
y. 272 ff, Life of Edward the Confessor v. 746 ff., Oeuv. de Machatdt
3. 101, Oeuv. de Deschamps I, 44 und II, 141 u. Le prince noir v. 48 ff.
Vaux-de-vire S. 147 :
Hardy, comme ung Cesar, je suys k ceste guerre.
Vgl. noch: Döbat des h&rauts SS. 2 u. 17 und Oeuv. de Chastellain
VII, 424.
Caesars Züge nach Britannien werden im WBrut v. 3919 ff. und
in der Chronik von Pierre de Langtoft SS. 58 u. 60 erwähnt.
Häufig sind die Anspielungen auf seine Kämpfe mit Pompejus.
Vgl. Barl. u. Jos. SS. 199 u. 200.
Prise ff Al. v. 3867 ff:
N’onques si grant occision
Ne fu d&s le temps de Pomp£e,
Quant Cesar, k sa bonne esp^e,
Li tolli joie, honneur et gloire etc.
Prise de Pampelune v. 1676 ff:
Onques meis Cesaron ne fu en tiel esfrois
Ao Duras, quand Pompiu li venqui siena belfrois
£ ch’il se vit cazier dou camp k grand esplois.
Der Dichter hat bei dieser Stelle wahrscheinlich an die ver-
gebliche und verlustvolle Belagerung von Dyrrachium durch Caesar
und an dessen Abzug nach Thessalien gedacht.
Vgl. ferner: Chansons de Thibault IV, S. 42 und Jehan Dickeyman
(Trouvferes p. p. Dinaux II, 276, 6 ff).
Von der Eroberung Galliens durch Caesar handelt eine Stelle bei
Eustache Deschamps. (Romancero de Champagne, III, 12).
Als einen reichen Fürsten schildern Caesar folgende Gedichte:
Li jus de Saint Nicholai (Thäatre fr. au moyen-äge S. 203):
Rois, si grans tresors ne fu onques:
H a pass£ l’Octevin;
Taut n*en ot Cesar ni Eracles.
Vgl. noch: Vie de Seint Auban v. 365 ff. und Godefroid de
Bouillon v. 22112 ff.
Seine Freigebigkeit stand der eines Alexander nicht viel nach«
Erec et Enide v. 6635 ff:
ne taut, n’osassent pas despendre
entre Cesar et Alixandre
con k la cort ot despendu.
Vgl. ferner: Erec et Enide v. 6629 ff, Chron. ascendante v. 14 ff.
und ein Rondel von Robertet (Podsies de Charles d’Orläans S. 449).
Caesars Thätigkeit hinsichtlich des Bauens von Gebäuden und
Anlegens von Landstrassen wird verschiedentlich gedacht. VergL
Coronemenfl Looys v. 456 ff.
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147
Chanson de Doon de Nanteuil v. 128 ff.:
Tres desoubs la Tor d’Ordre les covint arriver
Que Julias fit faire por son poeple garder.
Nach P. Meyer ist dieser Tor d? Ordre ein Leuchtturm , der von
Caligula zwischen Boulogne und dem Meere bei der Mündung der
Liane gebaut wurde. Einharts Annalen schreiben den Bau des Turmes
dem Caesar zu. Roman des VII. sages v. 2061 ff.:
Roiß tu nies pas plus deboinaire,
Que fu li rois juliiens cesaire,
Qui les chemins a tos ferres.
Auch als Gelehrter war Caesar bekannt Vgl. WBrut y. 3918
und Dolop. v. 469 ff.
Oeuv. de Deschamps I, 127:
Cas Chevaliers ont honte d’estre clercs.
Mais ce n’ont pas David le roy loyal,
Ne Salemon, Alexandres ne Claux,
Julies C4ear au ceptre imperial.
Vgl. ferner Oeuv. de Deschamps II, 18.
Der Verdienste Caesars um den Kalender gedenkt Philippe de
Thaiin im Cumpoz v. 1953 ff.
Dass Caesar dem siebenten Monate seinen Namen beilegte, besagt
v. 769 ff.
Von seiner Liebe zu Cleopatra spricht der König Ren6 (Oeuv.
HI, 103).
Im Huon de Bordeaux v. 8 ff. heiratet Julius Caesar, der dort
ein König von Ungarn, Oesterreich und Constantinopel ist, die Fee
Morgana, die Schwester des Artus, und zeugt mit ihr den Zwerg
Auberon.
In dem Prolog des Huon de Bordeaux, dem Auberon, wird Caesar
zu einem Sohne des Cesario, Kaisers von Rom, und der Brunehaut,
der Tochter des Judas Maccabaeus, gemacht
Nach dem Huon de Bordeaux v. 3610 ff. erhielt Caesar von
Alexander dem Grossen einen Lehnstuhl, welchen dem letzteren Feen
geschenkt hatten.
Bis auf Caesar vererbte sich auch nach Fl. et BlfL v. 490 ff. ein
Becher, den Aeneas aus dem Untergange Trojas gerettet hatte, und
der als ein Erbstück von einem Herrscher Roms auf den anderen
überging. Caesar wurde er aber gestohlen.
Der Trösor S. 239 gedenkt eines Pferdes von Caesar, welches
keinen andern als seinen Herrn trug.
Caesars meuchlerischen Tod berichten mehrere Dichter.
Roland p. p. Gautier CLXIV:
En vieille geste est mis en escriture:
10 *
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148
Si anceisur encriesme felun für ent,
E feluni e ourent tuit en custume.
El Capitolie, k Borne, en firent une.
Le vieil Ces&r ocirent-il par murdre.
Pois orent-il malvaise sepouture
Qu’en fou ardent e anguissus mururent.
Diese Stelle ist jedoch sehr wahrscheinlich interpoiirt. VergL
ferner: Gdrard de Rossillon 351,3 ff., Rom. de Rou I, v. 51 ff. und
Floriant et Florete v. 226.
Bible Guiot v. 750 ff.:
Et Julius Cesar i fu
Murtris, ice est bien s6u,
Qui tot le mont avoit conquis:
Nus ne fot onques de son pris.
Caesars Nachfolger Augustus oder, wie er meist bei den mittel-
alterlichen Dichtern heisst, Octavian, der Rom auf den höchsten
Gipfel des Glückes hob, und unter dessen Regierung Christus geboren
wurde, galt für einen weisen und mächtigen Fürsten, der das unge-
heuere Römerreich mit kräftiger Hand regierte. Roman des sept
sages v. 2850 — 51:
Octeuijens fu ja a romme;
En cest siecle not plus sage homme.
Dolop. v. 121 ff.:
Au tens qu* Augustus tenoit Rome,
Qui sires fu de tant preudome,
De l’empire de Romenie,
Qui fu sires k la reonde
Des quatre parties del monde. etc.
Vgl. ferner: Octavian v. 80 ff., Oeuv. de Deschamps S. 46, Oeuv.
de Ren6 HI, 104 und Oeuv. de Chastellain VI, 150.
Im Roman von Blancandin v. 2233 ff. wird Octavian zu einem
Könige von Griechenland gemacht.
Octavians Reichtum galt für unerschöpflich.
Cliges v. 3611 — 12:
Et yaloit avuec un prodome
L’avoir Oteviien de Rome.
Vgl. Lai de Lanval (Roquefort, Marie de France I, 208) und
Dolop. v. 3112.
Floriant et Florete v. 105 ff.:
En son chief ot couronne d’or,
Qui fu traite du grant tresor
Au riche Otevien de Rome.
Li jus de Saint Nicholai (Th4atre fr. au moyen-äge S. 203):
Rois, si grans tresors ne fu onques:
H a passä l’Octevien.
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149
Vgl. Dits de Jean de Condö I, 266, 47 ff.
Im Dolop. v. 12610 ff. lesen wir, wie Augnstns die Königin Si-
bylle zu sich rufen lässt und ihren Rat einholt betreffs der göttlichen
Ehren, die ihm der Senat bewilligt hat. Sibylle belehrt ihn über den
wahren Gott und sagt, dass dieser vom Himmel herabsteigen und sein
Volk anfsuchen werde.
Der Kaiser Nero war in den Augen des Mittelalters nächst Judas
der gottloseste Mensch (vgl. Graf, Roma I).
Chronique de Geoffroi Gaimar (Chroniques anglo-norm. p. p.
Michel S. 43):
Le mal tr4buz puisse-il prendre!
Trop est munt£ bien deit deseendre.
Cil est de Image Neiron.
Chronique de Benoit v. 27836 — 37 :
Pilate, Herode ne Noiron
n’orent plus male entention.
Vgl.: Roman de Mahomet v. 298 — 9, Rec. de chants hist. S. 268
und Oeuv. de Ren6 III, 104 u. 105.
Im Godefroid de Bouillon v. 22112 wird Nero orgdeue genannt,
und in der französischen Hs. 36 der Turiner Universitäts - Bibliothek
heisst er Noirons U arabis. Hier spielt er die Rolle eines Teufels ganz
dem Ideale entsprechend, welches sich die mittelalterlichen Dichter
von ihm machten. Auf diese Stelle werden wir noch einmal bei Virgil
zurückkommen.
Auch in den folgenden Beispielen wird Nero als ein Teufel oder
ein Gott der Sarazenen betrachtet.
Roman de Gaufrey v. 8696 — 7:
Chil Mahommet, dist-il, en qui estes er 4 an t,
Apolin et Noiron et Jupiter le graut, etc.
Bauduin de Sebourc, Chant XIX, v. 931:
Le Bastard raport&rent Lucifer et Noiron,
Karns et Bugibus et tout lor compaignon.
Vgl. Bertrand du Guesclin v. 9233.
Die Sarazenen werden nach Nero sogar la geste Noiron genannt.
Vgl.: Bauduin de Sebourc, Chant IV, v.466; Chant XXV, v. 326 und
Li Bastars de Buillon v. 6533.
Sehr häufig begegnet man der Redensart; „ Papoetre Jon giriert en
pri Noiron a oder ganz ähnlich lautenden. Prata Neronis hiess früher
der Platz, an dem jetzt die Peterskirche in Rom steht. Alain Chartier
sagt dazu S. 268:
„Et oü fut jadis le riche Palais du cruel Empereur Neron, est k present la
deuote Eglise du tres-debonnaire et humble prescheur Pierre.“
Die Schandthaten Nero’s werden im Rom. d. 1. R, v. 6456 ff. und
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in der Bible Guiot v. 754 ff. aufgezählt. Auf die Ermordung Senekas
spielt Eüstache Deschamps S. 173 an.
ln dem Steinbuche von Marbod (Lapid. fr . 34, 13 ff.) wird Nero
als die Veranlassung zur Abfassung desselben bezeichnet. Dem Stein*
buch zufolge lässt Nero, der von der Weisheit des arabischen Königs
Evax gehört hat, diesen durch einen Gesandten bitten, ihm von seiner
Weisheit mitzuteilen, worauf Evax mit eigener Hand das Steinbuch fiir
Nero niederschreibt.
Nach dem Lapidaire von Cambridge (Lapid. fr. 151, 225 ff.) befindet
sich Nero im Besitz eines Zauberspiegels, der ihm alles zeigt, was er
zu sehen wünscht.
Auf das wechselnde Glück Neros spielt Froissart H, 110 an.
Eüstache Deschamps (S. 59) lässt ihn enthauptet werden.
Über Virgil vgl. Virgilio nel medio evo per Comparetti, Livorno
1872 und Vietor, Der Ursprung der Virgilsage (Gröber s Ztschr. 1877).
Unter allen Dichtern des Altertums erfreute sich im Mittelalter
Virgil des grössten Ansehens, und die Sagen, welche sich um seine
Person bildeten, waren mannigfaltiger und wunderbarer als die von
den übrigen heidnischen Schriftstellern. Schon im Altertum, noch in
der besten Zeit Roms, überstrahlte sein Ruhm den aller anderen Dichter,
da seine Aeneide, deren leitende Idee die römische Idee im wahrsten
Sinne des Wortes war, mit dem höchsten Enthusiasmus aufgenommen
und zum nationalen Epos der Römer geworden war. In der Gesell-
schaft und in der Schule, bei den Grammatikern und Rhetoren genoss
Virgil die grösste Popularität. Selbst Philosophen fanden in ihm Stoff
zu ihren Speculationen, und Macrobius, Donatus und Servius preisen
ihn als in jedem Wissen erfahren.
Diese Bewunderung überdauerte nicht nur den Verfall des römi-
schen Reiches, sondern wuchs sogar in mancher Hinsicht, so dass
Virgil im Mittelalter der beliebteste unter den heidnischen Dichtern
war. Und wenn es auch an strenggläubigen Klerikern nicht fehlte,
welche gegen die Lektüre seiner Werke eiferten, so hörte man doch
nicht auf, ihm nachzuahmen und ihn zu bewundern.
Zwei Gründe trugen übrigens dazu bei, die Abneigung auch des
scrupulösesten Christen zu vermindern; denn erstens nahm man nach
dem Beispiele des Lactanz, Eusebius, Prudentius und Augustin all-
gemein an, dass Virgil in seiner vierten Ekloge die Ankunft Christi
verkündet habe, und zweitens glaubte man in der Aeneide unter dem
Schleier der Allegorie die höchsten, moralischen Wahrheiten zu erkennen.
Wie der heidnische Dichter zu einem Propheten Christi werden
konnte, ebenso wurde er auch nach einer im Mittelalter sehr gewöhn-
lichen Gedankenassociation zu einem Zauberer gemacht, da man sich
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den Besitz eines anssergewöhnlichen Wissens nicht ohne die Hülfe der
Zauberei zu denken vermochte. Es bildete sich um ihn eine wunder-
bare Legende, die sich nach dem Qeschmack und den Kenntnissen der
Chronisten und Dichter, welche sie erzählten, veränderte und ver-
grösserte. Diese Legende zerfällt nach Comparetti in eine gelehrte
und in eine volkstümliche, neapolitanische, welche letztere von der
ersteren verschieden und unabhängig ist. Vietor hingegen glaubt den
volkstümlichen Ursprung der Legende in Zweifel ziehen zu müssen, da
der Virgil der Cronaca di Partonope, des frühsten Zeugnisses der Volks-
litteratur, der Hauptsache nach der historische sei. Nach ihm beruhen
alle Legenden auf der Vorstellung der Gelehrten von der übernatür-
lichen Weisheit des Virgil, namentlich in der Mathematik und Medicin.
Nach Graf (Roma II, S. 227) giebt es eine volkstümliche, neapolitanische
Legende, welche aber nicht von der gelehrten ganz losgelöst ist, wie
Comparetti glaubt. Es ist nicht erwiesen, dass sie in ihren Anfängen
ganz volkstümlich war, da irgend eine besondere Sage in literarischen
Kreisen entstehen und in das Volk übergehen konnte. Soweit die
Sage volkstümlich war, ist sie aus dem Glauben an die schützende
und wohlthätige Macht Virgils hervorgegangen; aber dieser Glaube
ist auch zugleich das Band, welches die gelehrte mit der volkstüm-
lichen Sage verbindet. Denn wenn in der gelehrten Tradition nicht
beständig die Erinnerung an Virgil aufgefrischt und sein Name ver-
herrlicht wäre, so würde im Volke nicht jenes Gefühl liebevoller Be-
wunderung entstanden sein, welches in Verbindung mit der Phantasie
die Sage hervorbringt (vgl. Graf, Roma II, 326).
Die Legenden vpn Virgil verbreiteten sich über Europa und
wuchsen schnell an. Auch in der altfranzösischen Litteratur sind sie
verschiedentlich bearbeitet, und wir wollen versuchen, uns ein möglichst
getreues Bild Virgils aus denselben zusammenzustellen.
Virgil, der in Mantua, einer Stadt, die der Verfasser des Dolop.
nach Sicilien verlegt, geboren wurde (Dolop. v. 1262), war von kleiner,
schmächtiger Gestalt (Dolop. v. 1826). Mit etwas gekrümmtem Rücken
und zur Erde gesenktem Haupte (LTmage du monde gedr. in Comparetti,
Virgilio nel medio evo II, 182) ging er in der Tracht eines Philosophen
umher (Dolop. v. 1828). Er war ein grosser Gelehrter (Dolop. v. 1258)
und in der schwarzen Kunst sehr erfahren (Dolop. v. 11391).
Escanor v. 15913 ff.:
Je ne di pas la graut puissance
de la grant art de nigremance
ne 8eust tont premierement
Virgiles et d’enchantement
pluz que nuz hom ne pot savoir, etc«
Vgl. Escanor v. 16466 ff.
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152
Die Chronik von Bertrand da Guesclin v. 9131 ff. sagt, dass
Virgil die schwarze Kunst in Toledo lernte:
. . . Toulette out choisie, oü riche chastel a,
Oü les escoles furent en on tamps qui passa,
En qui H rois d’enfer tous les ans envoia
.1. ennemi d’enfer, qui les clers doctrina.
Mais il est d4fendu, si que plus n’i vendra,
Pour l’amour de Virgile qu’ k celle escole als,
Qui Tingromance aprist, de son vivant usa;
Dont la fille du roy laidement ahonta.
Keiner übertraf ihn an Weisheit (Rom. des VII sages v. 3924,
Cleom. v. 1816, Ren. le Nony. v. 4817, Jnb. nouv. rec. S. 248), weithin
war sein Name berühmt, und er wäre der grösste Dichter gewesen,
wenn er an den wahren Gott geglaubt hätte (Dolop. v. 1267). Er lebte
ohne Betrug und Schlechtigkeit, höfliches, leutseliges Wesen zeichnete
ihn aus (Dolop. v. 1314 ff.), und die ganze Stadt Rom musste ihm nach
Caesars Befehl Achtung und Ehrerbietung erweisen (Dolop. v. 1622 ff.).
Die Kinder manches grossen Barons wurden von ihm in den sieben
freien Künsten unterrichtet (Dolop. v. 1325 ff). Der Schauplatz seiner
Thätigkeit war Rom und Neapel, welch letzteres er als Geschenk er-
halten hatte (R. d. 1. R. v. 19421).
In Rom und Neapel fertigte er mit Hülfe der Nigromantik und
Astronomie viele wunderbare und nützliche Kunstwerke an, von denen
wir im Cleomades, Image du monde, Renars le Contrefait gedruckt in
Comparetti, Virg. nel med. evo S. 191 ff und dem Rom. des VH sages
eine mehr oder minder vollständige Aufzählung besitzen.
So machte er eine eherne Fliege, der sich auf eine bestimmte
Entfernung keine Fliege nahen durfte, ohne zu sterben (Image du
monde S. 178 u. Renars le Contr. S. 192). Nach dem Cleomades
v. 1699 ff. war dieselbe in Neapel, und so lange sie sich dort befand,
konnte keine Fliege in die Stadt kommen.
Gleichfalls in Neapel stellte Virgil ein ehernes Pferd auf^ welches
durch den blossen Anblick (LTm. du monde S. 179 u. Renars le Contr.
S. 192) oder durch die Berührung kranke Pferde heilte (Cleom.
v. 1677 ff.).
Er gründete Neapel auf einem Ei. Bewegte man dasselbe, so
erbebte die ganze Stadt (Im. S. 179). Nach Cleom. v. 1649 ff. baute
er am Meere zwei Schlösser auf zwei Eiern. Zerbrach man eins der
Eier, so ging das darauf stehende Schloss zu Grunde. Andere Autoren
schreiben ihm noch die Gründung mehrerer Städte zu, wie Alars de
Cambrai, der in seinem „Diz des philosophes u (vgl. Graf, Roma ü,
240) sagt:
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153
Virgiles fu apres li sages
Bien fa emploies ses aages,
Grans cience en lui habonda,
Mainte riebe eite foniia.
Er legte über einen Fluss eine Brücke, die die grösste der Welt
war, ohne dass jemand hätte ergründen können, wovon sie gebaut war,
und wie sie sich hielt (Im. S. 179, Ren. le Contr. S. 191).
Virgil fertigte einen Kopf an, welcher die Zukunft Vorhersagen
konnte. Als dieser einst über den Ausgang einer Reise befragt, ihm
antwortete, dass ihm nur Gutes daraus erwachsen könne, wenn er
seinen Kopf gut verwahren würde, glaubte Virgil, dass es sich um
den weissagenden Kopf handelte, während doch sein eigener gemeint
war, und machte sich unbesorgt auf den Weg. Aber da er seinen
eigenen Kopf nicht genügend vor der Sonne schützte, so entzündete
sich sein Gehirn, und er starb (Im. S. 180 — 1). Hierauf weist auch
die Chronik von Bertrand du Guesclin v. 9140 hin:
Et s’en fisfc une teste qu’en fin le conehia.
Virgil stellte in Rom einen Spiegel auf, welcher denen, die hin-
einsahen, anzeigte, ob für die Stadt Gefahr von einem Feinde drohe
(Ren. le Contr., S. 192, Cleom. v. 1691 ff.). Im Rom. des VH sages
v. 9372 ff. erfahren wir noch mehr von diesem Spiegel. Er war 100
Fuss hoch und leuchtete so, dass selbst des Nachts die ganze Stadt
davon erleuchtet war und kaum ein Dieb zu stehlen wagte. Geschah
dies doch, so zeigte der Spiegel an, wohin das gestohlene Gut ge-
bracht war. Friede und Ordnung herrschte deshalb in Rom, und die
Römer waren stolz auf diesen Schatz.
Ein König von Ungarn, dem der Spiegel ein Dorn im Auge war,
nahm deshalb das Anerbieten von vier Knappen, den Spiegel zu ver-
nichten, mit Freuden an und stattete sie mit reichen Schätzen aus.
Nachdem sie dieselben vor Rom an verschiedenen Plätzen vergraben
hatten, gingen sie in die Stadt, wo sie durch ihren grossen Aufwand
die Aufmerksamkeit des Königs auf sich lenkten und dessen Habsucht
dadurch erregten, dass sie als angebliche Schatzfinder das vorher
vergrabene Gold zu Tage forderten und ihm zum Geschenk machten.
Als sie ihm daher sagten, dass auch unter dem Spiegel ungeheuere
Schätze verborgen lägen, erhielten sie den Auftrag auch diese zu
heben. Sie untergruben den Spiegel und stützten ihn durch hölzerne
Balken. Des Nachts aber entflohen sie heimlioh aus der Stadt, nach-
dem sie Feuer an die Stützen gelegt hatten. Grade um Mitternacht
stürzte der Spiegel ein und begrub im Falle 30 r Häuser. Die Römer*
erbittert über den Verlust eines so kostbaren Schatzes, gossen dem
habsüchtigen Könige geschmolzenes Gold in den Mund und sagten:
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Or auoies or couuoitas,
Et psr plente dor remorra
Dass wir hier eine Reminiscenz an das Schicksal des Crassus
haben, braucht wohl kaum gesagt zu werden.
Der Spiegel des Virgil wird ausserdem noch erwähnt in der
Chron. rim. de Ph. Mouskes, in der Destruction de Rome (ed. Groeber,
Romania II, S. 6 — 48) und in der Chronik von Bertrand du Guesclin
▼. 9139.
Ferner stellte Virgil in dem Tempel der Concordia zu Rom die
Statuen der von den Römern besiegten Fürsten im Kreise auf mit
dem Gesicht einer grossen Statue in der Mitte zugewandt, welche
einen goldenen Apfel in der Hand hielt Sobald sich einer der
Fürsten empörte, wandte die Statue desselben ihr Gesicht von dem
Standbilde in der Mitte ab, und die Römer wussten sogleich, von
welcher Seite her ihnen Gefahr drohte. Vgl. „De notre Dame tt von
Guillaume li Clers).
Virgil machte eine Lampe und 2 Kerzen, welche unauslöschlich waren
und unverändert fortbrannten. Diese schloss er in die Erde ein, so
dass niemand sie finden konnte. (Im. S. 180.). In dem Cleom.
v. 1707 ff. und dem Rom. des VII. sages v. 3926 ff. ist hieraus ein
fortwährend brennendes Feuer in Rom geworden, vor dem ein eherner
Bogenschütze mit gespanntem Bogen stand. Der Schütze trug in
Hebräisch die Aufschrift: „Wenn man mich anrührt, schiesse ich.“
Ein Bischof von Carthago oder nach dem Cleom. ein Schelm, der
kein Hebräisch verstand, schlug den Schützen mit einem Stocke, und
alsbald flog der Pfeil in das Feuer, welches erlosch, ohne Kohlen zu-
rückzulassen.
Auf 4 Türmen Roms, welche den Namen der Jahreszeiten trugen,
stellte Virgil vier grosse Statuen von Stein auf. Jedesmal wenn eine
Jahreszeit zu Ende war, warf die Statue, welche die verflossene
Jahreszeit darstellte, der Statue, welche die neue repräsentirte , eine
Messingkugel zu, so dass jedesmal durch den Wechsel der Kugel auch
der Wechsel der Zeit angezeigt wurde (Cleom. v. 1745 ff.). Eine
ganz ähnliche Geschichte finden wir in dem Rom. des VII. sages
v. 3958 ff., wo erzählt wird, dass Virgil an 2 Thoren von Rom
2 Statuen von Erz aufstellte, von denen abwechselnd die eine immer
am Sonnabend der anderen um die None eine erzene Kugel, zuwarf.
Virgil schrieb ein kleines Buch, in dem die sieben freien Künste
so dargestellt waren, dass ein Mensch mit gutem Verstände sie in
drei Jahren lernen konnte. Dieses Buch hielt er so teuer, dass er es
keinem Menschen gab ausser einem seiner Schüler, einem Königssohn
aus Sicilien (Im. S. 180). Als Vixgil seinen Tod herannahen fühlte,
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schloss er das Buch durch Zauberei so in seine Hand ein, dass keiner
es herausnehmen konnte (Dolop. v. 11389 ff.).
Einen Garten umgab er mit einer hohen Luftschicht, welche so
dicht war wie eine Wolke (Im. S. 180).
In Puchoie (Puteoli) bei Neapel legte er Bäder an, deren Gebrauch
Kranke gesund machte. Über jedes Bad war der Name der Krank-
heit geschrieben, von welcher man Heilung suchte (Cleom. v. 1663 ff.).
Von Neapel nach Rom baute er eine unterirdische Leitung, durch
welche Rom mit griechischem Weine versehen wurde (Ren. le Contr.
S. 191).
Der König Ren4 bezeichnet Virgil als den Urheber einer Zauber-
quelle. Oeuvres de Ren6 HI, S. 22 u. 23:
Et qui b6ra k la fontaine,
c II en souffrera puis grant paine;
Car faicte fut par artiffice
De Yirgille ou «Tun sien complice.
Während in den oben angeführten Fällen, mit Ausnahme des
letzten, Virgil seine Weisheit zum Besten seiner Mitbürger anwandte,
gebrauchte er sie in einem Falle, um sich für eine ihm angethane
Schmach zu rächen.
Er hatte nämlich zu einer vornehmen Dame, welche auf einem
hohen Turme wohnte, eine grosse Liebe gefasst und liess ihr diese
durch eine Frau erklären. Die Dame sagte ihm zurück, dass sie gern
seine Freundin werden wolle, aber nicht zu ihm kommen könne. Sie
entbot ihn deshalb um Mitternacht an den Fuss des Turmes, um ihn
dann in einem Korbe in die Höhe zu ziehen. Virgil war zur be-
stimmten Zeit zur Stelle und wurde im Korbe emporgehoben bis zur
Mitte des Turmes. Dort liess ihn die Dame bis zum andern Mittag
hängen, und ganz Rom kam herbeigelanfen , um Virgils Schande zu
sehen (vgl. die gleiche Erzählung von Hippokrates auf S. 77). Aus
Rache liess dieser die ganzen Feuer in der Stadt erlöschen und
öffentlich ausrufen, dass man nur an der Scham der Dame im Turme
Feuer erhalten könne. Da erstürmte das Volk den Turm, zog die
Dame nackend aus und setzte sie mitten in die Stadt auf einen er-
höhten Platz. Von frühem Morgen bis zum späten Abend zündete jeder
Feuer an ihr an, da keiner dem andern von seinem Feuer abgeben
konnte (Ren. le Contr. S. 192, Im. S. 179).
Auf diese Erzählung von der Überlistung Virgils durch die Klug-
heit eines Weibes wird auch noch an anderen Stellen in der franz.
Litteratur angespielt.
Vgl. Poösies de Froissart n, 100, v. 3370. Li Bastars de Buillon
v, 5774 ff,;
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Virgiles li bons clers demi jour demora
Pendans en la corbeille k Romme pardela,
A une haute tour oü dame l’engana,
Qui en une corbeille as cordes le tira,
Et quant il fu bien haut, en ce point le laissa,
Si que chascuns le vit qui k le tour ala;
Mais depuis li bons clers sagement s’en venga.
Oeuvres de Rdnd III, 150:
La corbeille que tu voiz 14
Si est propprement celle-14
En laquelle pendu Virgille
Par une dame moult subtille,
Qui lui sceust telz raisons monstrer
Qu’elle le fiat dedans entrer,
Disant que jamais autrement
Ne la povoit veoir nullement etc. ^
Vgl. S. 53 der Einleitung zu der Ausgabe Philipps von Beaumanoir
von Suchier. Andere Beispiele sind angeführt bei Comparetti, Virgilio
nel med. evo II, 107 ff.
Auf die Rache, welche Virgil für die ihm widerfahrene Schmach
nahm, weist die Chronik von Bertrand du Guesclin v. 9137 — 8 hin:
. . . llngromance aprist, de son vivant usa;
Dont la filie du roy laidement ahonta.
Bei dieser in der afr. Litteratur so vielseitig ausgebildeten Legende
vom Zauberer Virgil ist es ganz natürlich, dass wir ihn dort auch
häufiger als Propheten Christi und Vorkämpfer des Christentums er-
wähnt finden. Sowohl im Dolopathos als im R. d. 1. R. ist sein pro-
phetischer Beruf ganz klar ausgesprochen.
Dolop. v. 12534 ff:
II dist ke novelle lignie
Estoit jai deT ciel envoie.
Tot ceu dist il par veriteit
De Deu ki prist humaniteit
Por Deu le dist outräemant.
In einem Mysterium (vgl. L. Paris, Toiles peintes de Reims S. 680)
sprechen Terenz, Boccaccio und Juvenal vor Tiberius zii Gunsten
Christi, und der letztere erinnert daran, dass unter Octavius sich das
Gerücht verbreitet habe, dass eine Jungfrau gebären solle, und sagt:
Le noble poete Virgille
Qui lors estoit en ceste ville
Composa aucuns mots notables
Lesquels on a vu väritables,
Et plusieurs grands choses en dist
Naguaires avant son trespas.
Auch der Apostel Paulus hat nach der Image du monde S. 183 schon
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den prophetischen Beruf Virgils erkannt. Als er in Rom erfahr, dass
Virgil schon gestorben, war er sehr betrübt darüber, da er ihn hatte
bekehren wollen. Er suchte nach seinen Schriften und fand in einer
derselben die schönste Prophezeiung von der Ankunft Christi, welche
jemals von einem Heiden ausgesprochen war:
Que une novele lignie
S’estoit de ciel haut abeasie,
Et la virge estoit ja yenue
Qui en rendroit la terre drue.
Er bedauerte, dass er ihn nicht hatte dem Heidentum entreissen
können, und nahm solchen Anteil an dem toten Dichter, dass er nicht
eher ruhte, als bis er sein Grab an einem unterirdischen Orte fand,
der von einer Lampe und zwei Kerzen erhellt war. Der Zugang zu
demselben aber war schauerlich. Schreckliche Töne drangen aus der
Höhle hervor, und zwei eherne Männer, welche fortwährend mit
grossen Hämmern auf die Erde schlugen, standen als Hüter davor.
Virgil sass drinnen zwischen den Kerzen, umgeben von einem Haufen
von Büchern. Vor ihm stand ein Bogenschütze, welcher den Pfeil auf
die Lampe gerichtet hatte. Nachdem der Apostel die beiden Hüter
unschädlich gemacht, schoss aber der Bogenschütze den Pfeil auf die
Lampe ab, und alles ging in Staub und Asche auf, so dass des Paulus
ganzes Bemühen vergebens gewesen* war.
Als ein Verteidiger der christlichen Lehre tritt Virgil auf in der
französischen Hs. 36 der Turiner Universitäts-Bibliothek, wo es sich
um einen Wettstreit zwischen ihm und Nero über die Erlösung der
Menschheit durch Christus handelt Dieser Wettstreit ist gedruckt bei
Comparetti (Virg. nel. med. evo H, 196 ff.) unter dem Titel „Li rou-
mans de Vespasien u , eine Bezeichnung, die nach Stengel nicht richtig
ist, da der Roman von Vespasian erst später beginnt
Nero macht den Vorschlag, dass derjenige, welcher im Streite
unterliegt, den Kopf verlieren soll. Nachdem Nero die alte Geschichte
von Lucifer und den bösen Engeln, von ihrer Sendung auf die Erde,
der Erbauung Babylons und ähnliche Dinge erzählt hat, trägt Virgil
die ganze biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zu
Jerusalems Zerstörung durch Vespasian und Titus vor. Das Ende
des Streites vergisst der Dichter ganz uns zu erzählen. Wir entnehmen
es aus einem späteren Gespräche Neros und Mahomets, woraus hervor-
geht, dass Nero von Virgil enthauptet ist
Im Dolop. v. 12372 ff. wird Virgil als Zeuge für die Behauptung
angeführt, dass die falschen Götter nur aus Furcht von den Menschen
gemacht seien.
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Virgil es dist outreiemant
Que si f&it Den premieremant
Furent par grant paor troveit.
Wie schon oben erwähnt, war Virgil für das Mittelalter eine Quelle
moralischer Wahrheiten. Als solche benutzt ihn Jean de Meung, wenn
er v. 9432 ff. des Rom. d. 1. R. sagt:
Car la letre näis tesmoigne
Oü skiesme livre Virgile,
Par l’auctoritä de Sebile,
Que aus qui vive chastemeut,
Ne puet venir k dampnement.
Während Virgil nach dem Dolop. v. 11410 ff. in seiner Vaterstadt
Mantua begraben wird, lässt ihn der Verfasser der Image du monde
S. 181 seine letzte Ruhestätte ausserhalb Roms auf einem Schlosse am
Meere finden, das in der Richtung nach Sicilien lag. Als man von
dort einst seine Gebeine entfernen will, schwillt das Meer so hoch an,
dass man dieselben wieder an ihren alten Ort bringen muss, um das
Schloss vor dem Untergange zu bewahren.
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Lebenslauf.
Ich, Robert Dernedde, wurde am 29. November 1861 zu Gifhorn
a. d. Aller, dem Wohnsitz meiner dort noch lebenden Eltern, geboren
und im evangelischen Glauben erzogen. Bis zu meiner Confirmation
besuchte ich die Rectorschule meiner Vaterstadt, worauf ich Ostern
1876 in die Ober-Tertia des Gymnasiums zu Celle aufgenommen wurde.
Nach bestandener Maturitätsprüfung bezog ich Ostern 1881 die Uni-
versität Leipzig, um mich dem Studium der neueren Sprachen zu
widmen und zugleich meiner Militärpflicht als Einjährig -Freiwilliger
zu genügen. Die Herren Professoren Arndt, Biedermann, Birch-
Hirschfeld, v. Bahder, Creizenach, Dr obiseh, Roscher und Zaracke
waren meine Lehrer. Seit Ostern 1883 studirte ich in Güttingen und
besuchte die Vorlesungen der Herren Professoren Andresen, Baumann,
Goedecke, Heyne, W. Müller, E. Müller, Napier, Vollmöller und
A. Wagner. Im Juli 1886 reichte ich die vorliegende Arbeit bei der
philosophischen Facultät in Göttingen ein und bestand am 14 Juli die
mündliche Prüfung für die Erlangung der philosophischen Doctorwürde.
Allen meinen Lehrern, besonders aber Herrn Professor Vollmöller,
sage ich an dieser Stelle für die Förderung meiner Studien meinen
wärmsten Dank.
i
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CALIF.
7May'59CSj
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Berkeley
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